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Nonnen rennen

Peter Ackroyd führt schon im Jahr 1399 Krieg gegen den Terror

Peter Ackroyds "Clerkenwell-Erzählungen" handeln von seiner oft selbst bekundeten großen Liebe: London. In seinem immensen literarischen Erfolg "London. Die Biographie" umfaßte er die ganze Stadt historisch, anekdotisch und kulturgeschichtlich. Sie wird nun, wie in fast allen seinen Büchern, zum Mittelpunkt und zur eigentlichen Hauptfigur. Die Menschen darin erscheinen nur als Teile eines überwältigenden, dynamischen Organismus. Sie sind eins mit dem Tempo, der Topographie, den Geräuschen, Gerüchen und Ansichten der Stadt.

Clerkenwell, am Rand der Londoner City gelegen, erwähnt Ackroyd schon in der London-Biographie als Brutstätte politischen Rebellentums, eine Ansicht, die er in seinem neuen, im Jahr 1399 angesiedelten Werk zuspitzt. An Akten der Rebellion und subversiver Umtriebe mangelt es nicht. Statt Protestmärschen und Pamphleten erzählt er von Terroranschlägen und Brandstiftung in Kirchen und Klöstern: Eine verrückte Nonne prophezeit den Untergang der Stadt, eine obskure Sekte will Richard II. vom Thron sprengen. Die meisten Sektenmitglieder träumen von religiöser Erfüllung. Doch die Entscheider unter den sektiererischen Fanatikern haben ganz andere, politische Ziele.

Die Figuren - Kaufmann, Nonnenpriester und Ritter - sind Chaucers "Canterbury Tales" entnommen. Ackroyds Originaltitel bezieht sich ebenfalls auf das mittelalterliche Werk. Jedes Kapitel ist einer von Chaucers Gestalten gewidmet, die Ackroyd mit den Augen des zwanzigsten Jahrhunderts betrachtet, um- und weiterschreibt. Dabei versucht er keine neue Version der Chaucerschen Pilger-Geschichten. Vielmehr sieht er sich in der historischen Tradition einer Literatur, die nicht den Anspruch erhob, etwas vollkommen Neues zu erschaffen, sondern Werke der Vergangenheit zu variieren oder zu feiern.

Subtil und spielerisch verwischt er dabei die Trennlinien zwischen Fakten und Fiktion, Literatur und Wirklichkeit, Gegenwart und Vergangenheit. "Ich glaube nicht daran, daß die Vergangenheit notwendigerweise vergangen ist. Sie ist ewig, sie umgibt uns", sagte er in einem Interview. Immer wieder schlägt er in der Erwähnung scheinbar banaler, doch sehr konkreter Details den Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart und konstruiert auf diese Weise ein Nebeneinander der Zeiten. So informiert er den Leser, daß am Ort, an dem ein Kaufmann seinen kläglichen Tod durch Giftmord erleidet, heute "St John's Restaurant" steht oder er erwähnt einen Baum, der sich immer noch befindet, wo er vor sechshundert Jahren wuchs.

Trotz aller ausgesprochenen und unausgesprochenen Parallelen zur Gegenwart vermeidet Ackroyd die Herstellung einer leicht faßbaren Nähe zum Mittelalter. Im Gegenteil erscheinen die Ähnlichkeiten und Deckungsgleichheiten um so prononcierter vor dem Hintergrund des zeitlich weit entfernten, von unserem so vollkommen verschiedenen Alltagslebens. In dessen detailgenauer Schilderung bewegt sich Ackroyd mit der allergrößten Selbstverständlichkeit. Die Tätigkeiten und Gewerbe, die Speisen und Kleidung, aber auch die Gedanken- und Gefühlswelten erscheinen fern und fremd. Es gelingt ihm hervorragend, diese rauhe, nur noch schwer zugängliche Welt zum Leben zu erwecken. Der Erzähler läßt den Leser wissen, daß er sich auskennt in Astrologie, Medizin und mittelalterlicher Ikonographie. Die Gelehrsamkeit und die selbstsichere Nonchalance, mit der mit ihr umgeht, blenden geradezu.

Doch so sehr der Text es versteht, Einzelbilder zum Funkeln zu bringen, so wenig gelingt es ihm, den Gesamttext in Bewegung zu versetzen. Indem Ackroyd Chaucers Figuren kapitelweise einzeln durchnimmt, wird die Erzählung zigfach ge- aber auch unterbrochen, ohne sich nennenswert von der Stelle zu bewegen. Mit einem Minimum an innerer Spannung setzt sich die Handlung mosaikartig zusammen. Die Figuren, denen man immer nur einige Seiten lang folgt, bleiben oft blaß, auch wenn sie noch so kenntnisreich in Tracht und Benehmen ausstaffiert sind. Über ihr Innenleben, zu dem sich der Autor in kühler Entfernung positioniert, könnte man spekulieren, erschienen nicht alle gleichermaßen maskenhaft. Das mag System und Methode haben, doch deren Ziel wird nicht ersichtlich. Bei aller Kunst und Klugheit und schlichten Eleganz der Sprache liegt die Stärke der "Clerkenwell-Erzählungen" nicht in der Erfindungsgabe und der dynamischen Organisation des Erzählten, sondern in der Beschreibung, im Nichtfiktionalen.

MARION LÖHNDORF

Peter Ackroyd: "Die Clerkenwell-Erzählungen". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Eva L. Wahser. Albrecht Knaus Verlag, München 2004. 256 S., geb., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2004, Nr. 231 / Seite 32

 
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Veröffentlicht: 04.10.2004, 12:00 Uhr