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Noch eins drauf?

Süßes Frankreich: Anna Gavalda strapaziert Ohren und Rippen

Darf man Autoren an ihren Kritiken messen? Was kann ein Schriftsteller dazu, wenn Rezensenten scharenweise Unfug über ihn verzapfen? Nichts, wird der Schriftsteller antworten. Alles, wird der Kritiker antworten. Denn es sind in der Regel besonders schlechte Bücher, die besonders dämliche Rezensionen hervorrufen. Aber Mangel an Qualität reicht für gewöhnlich nicht aus. Es muß eine weitere Besonderheit hinzukommen, damit die Sache interessant wird: Erfolg. Schlechte Bücher, die ihren Weg über beeindruckende Verkaufszahlen ins Feuilleton finden, stellen für die Kritik offenbar zunehmend ein Problem dar.

Die Bücher der jungen französischen Autorin Anna Gavalda sind ein solches Problem. Nachdem zahlreiche Lektoren etablierter Verlage abgewunken hatten, erschien ihr Debüt, der Erzählungsband "Ich wünsche mir, daß irgendwo jemand auf mich wartet", in einem Pariser Kleinverlag, der mehr als vierhunderttausend Exemplare davon verkaufte. Damit war die perfekte Grundlage für die Legende vom unkonventionellen Jungstar geschaffen, samt klapprigem Renault, mit dem Verleger und Autorin gemeinsam zu Literaturfestivals schaukelten. Ihr zweites Buch, der Roman "Ich habe sie geliebt", fand in den ersten drei Monaten nach dem Erscheinen 170 000 Käufer. Mit roten Ohren zitierten deutsche Blätter nun französische Kritiken: Fanfarenstöße, die von der Geburt eines neuen Stars kündeten und hinter denen die deutsche Kritik nicht zurückbleiben durfte: "Die kurzen Geschichten, oft nur Skizzen, haben eines gemeinsam: Sie scheinen nur zu plaudern, sind dem Leben nachgeschrieben (und also besonders kunstvoll), dabei aber nicht berechenbar, überraschend . . ." hieß es zum Beispiel im "Spiegel", der sich jedoch von der Rezensentin der "Frankfurter Rundschau" übertrumpfen lassen mußte. Für sie sprach das Leben selbst aus Anna Gavaldas Texten, das Leben mit seinen "Stories, die es auf überzeugende Weise von sich aus erzählt. Vielleicht liegt in dieser Kunst der natürlichen Anmut die schönste Lehre: Daß das Leben weitergeht, nur es sagt nicht, wohin."

Wo das Leben und das Schreiben so dicht beieinander liegen wie bei dieser Autorin, kann es nicht allzu schwer sein, vorherzusagen, wohin die natürliche Kunst der Anmut führen wird. Zu Sätzen wie diesen etwa: "Die Sonne lugte kaum über die Hecke. Ich wartete darauf, daß die Mädchen aufstanden. Das Haus war zu ruhig. Ich hatte Lust auf eine Zigarette. Es war bescheuert, ich hatte vor Jahren aufgehört zu rauchen. Tja, aber so ist das Leben."

Wo sich das Leben so unverstellt zeigt, mit all seinen anmutigen Widersprüchen, lobt die "Welt" die "unvermittelte Direktheit" der Autorin, die Solidität ihrer Dialoge und freut sich über ein "ernstes und doch helles, lebenszugewandtes Starlet" der französischen Literatur. Hingerissen zeigte sich auch die "Zeit". Ihr Kritiker pries die schnelle und genaue Prosa Anna Gavaldas und ihrer Übersetzerin Ina Kronenberger. Besonders schätzt er am Debütband Anna Gavaldas direkte Anrede des Lesers, den "Flirt mit ihm. Natürlich adressiert sie uns nicht altmodisch gravitätisch mit ,geneigte Leser', sie zerrt uns am Ärmel, stößt uns ins in die Rippen, flüstert uns warm und hastig was ins Ohr".

Nun hat nicht jeder so belastbare Ohren und Rippen, aber wer nach dem ersten Flirt im vorigen Jahr tollkühn ein zweites Rendezvous mit der Autorin wagt, darf sich wiederum auf eine flotte Sprache freuen, der es zuweilen sogar gelingt, auf nur siebzehn Zeilen eine ganze Seite zu durcheilen. Das geht so: Wenn die Erzählerin bei einem Halt an der Tankstelle von ihrem Begleiter gefragt wird, ob sie etwas einkaufen möchte, wird ihre Reaktion inszeniert, als handele sich um eine Angelegenheit von Leben und Tod: "Möchtest du etwas haben?" Absatz, zwei Leerzeilen. "Ich nicke." Absatz, zwei Leerzeilen.

Wo jede Banalität derart grotesk aufgeblasen wird, müssen die sprachlichen Unzulänglichkeiten um so deutlicher auffallen. Wenn der Schwiegervater der Erzählerin bei Tisch noch ein paar Nudeln anbieten möchte, fragt er "Darf ich dir noch was draufgeben?", später am Abend schenkte er "sein Glas voll und setzte sich auf den Sessel neben mich". Müßte es nicht "neben mir" heißen? Oder nimmt Schwiegerpapa im selben Sessel Platz wie die süße Chloé? Da macht es kaum noch etwas, wenn schon mal ein Martini "vor Ort" getrunken wird oder man das Haus der Gastgeber verläßt, "bevor die Nacht völlig über uns hereinbricht".

Auch die Erinnerung an die letzte erotische Begegnung zwischen Chloé und ihrem untreuen Gatten wird mit der gewohnten Präzision und Schnelligkeit beschrieben: "Warum? Warum hatte er sich von einer Frau umarmen lassen, die er nicht mehr liebte? Warum mir seinen Mund dargeboten? Und seine Arme? Das macht keinen Sinn."

Was treibt einen Kritiker, eine solche Prosa für ihre "Leichtigkeit" zu preisen? Fürchtet er den Vorwurf, er sei ein elitärer Nörgler und selbstgefälliger Verächter solider Konfektionsware? Plagt ihn die Sorge, es sei unverantwortlich, in wirtschaftlich desolaten Zeiten Buchhandel und Verlagswesen um Verkaufserfolge zu bringen, indem er Blech nennt, was Blech ist? Oder läßt er sich, dann und wann, ganz gerne mal herab? Vor allem wenn dort unten, in den Niederungen der Erfolgsbücher, eine bildhübsche Autorin wartet, Französin, Anfang dreißig, Gesamtauflage allein in Frankreich mehr als eine halbe Million, in Deutschland verlegt von einem der renommiertesten hiesigen Verlage, der sich nicht scheut, das Titelblatt seines Verlagsprogramms mit dem Bestseller zu schmücken. Darf man Autoren an ihren Kritiken messen? Man darf. Darf man Kritiker an den Büchern messen, die sie loben? Man muß.

Anna Gavalda: "Ich habe sie geliebt". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Ina Kronenberger. Hanser Verlag, München 2003. 165 S., geb., 16,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.04.2003, Nr. 97 / Seite 48

 
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Veröffentlicht: 26.04.2003, 12:00 Uhr