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: Noch ein letztes Mal

  • Aktualisiert am

"Bevor der Tod dich nimmt, nimm dies zurück", lauten die Schlusszeilen von Dylan Thomas' Gedicht "Find Meat on Bones", die Philip Roth' neuem Roman "Exit Ghost" voranstehen wie eine Aufforderung zum letzten Tanz; wie der Wunsch, dem Leben ein letztes Mal, und sei es nur in der Phantasie, alles abzutrotzen, was es zu bieten hat, was schon immer schön an ihm gewesen ist.

          "Bevor der Tod dich nimmt, nimm dies zurück", lauten die Schlusszeilen von Dylan Thomas' Gedicht "Find Meat on Bones", die Philip Roth' neuem Roman "Exit Ghost" voranstehen wie eine Aufforderung zum letzten Tanz; wie der Wunsch, dem Leben ein letztes Mal, und sei es nur in der Phantasie, alles abzutrotzen, was es zu bieten hat, was schon immer schön an ihm gewesen ist. Es ist ein letzter Tanz mit Nathan Zuckerman, dem inzwischen alt gewordenen Schriftstellerprotagonisten, den man durch Roth' Romane längst zum Freund gewonnen hat über die Jahre und dem zu widerstehen einem schwerfiele. Also greift man bereitwillig nach seiner Hand und kehrt mit Nathan Zuckerman aus der Bergeinsamkeit zurück auf das Parkett - nach New York.

          Elf Jahre hat Zuckerman allein in einem kleinen Haus an einem Feldweg in der hintersten Provinz gelebt, ist nicht zu Dinnerpartys, nicht ins Kino, nicht mehr zur Wahl gegangen. Macht, das war für ihn nicht der uneingeschränkte Gehorsam der geliebten Menschen um ihn herum; Macht war, keine Menschen in seinem Leben zu haben. Nichts führte ihn so in Versuchung, zu hoffen. Nichts lenkte ihn ab von der Arbeit. Zuckerman ist einundsiebzig Jahre alt, seit einer Prostatakrebsoperation inkontinent, impotent, und er ist eigentlich nur wegen einer urologischen Behandlung zurück in der Stadt, wo ihn die Wirklichkeit überfällt, die Möglichkeit wiederaufscheint, das Leben könnte ihm noch einmal in die Glieder fahren: "Ich hatte mich von der Hoffnung verabschiedet. Doch dann war ich nach New York gefahren, und New York hatte innerhalb von Stunden getan, was es bei allen Menschen tut: Es hatte mir Möglichkeiten bewusst gemacht. Die Hoffnung hatte sich Bahn gebrochen."

          Und so kommt in der Begegnung mit zwei Frauen - der vierzig Jahre jüngeren, hinreißenden Jamie und der alten, todkranken und beinahe verwahrlost lebenden Schriftstellerwitwe Amy - erneut alles zusammen, was den Philip-Roth-Kosmos ausmacht. Einen kurzen Moment muss man an "Casanovas Heimfahrt" denken, Arthur Schnitzlers Novelle, in der der alt gewordene Casanova in der Begegnung mit der jungen Mathematikerin Marcolina die Wirkung seines eigenen Mythos noch einmal auf die Probe stellt und jenen jugendlichen Männerrivalen zum Duell fordert, der ihm wie ein Abbild seiner eigenen, längst verjährten Jugend erscheint.

          Auch Nathan Zuckerman muss gegen einen jungen Rivalen antreten, einen Freund Jamies, der an einer Biographie ausgerechnet jenes Schriftstellers arbeitet, der einmal Zuckermans Mentor, Freund, Lehrer und Amys Mann gewesen ist. Zuckerman hasst Schriftstellerbiographien wie die Pest. Für ihn sind sie nichts als das hinausposaunte Ressentiment eines zweitklassigen Menschen. Die Kunst, vom Ressentiment getötet. Was bleibt von einem Schriftstellerleben, wenn andere, Jüngere sich anmaßen, haltlos auszuplaudern, was sie in der Fiktion an angeblich wirklich Gelebtem gefunden zu haben glauben? Roth' "Exit Ghost" ist ein Sich-Aufbäumen gegen das Reich der Mutmaßung und Spekulation, gegen den "biographischen Reduktionismus" und das "Boulevardzeitungsgeschwätz" des Kulturjournalismus. Der Schriftsteller bei Roth hat seinen eigenen Mythos wie Casanova bei Schnitzler nicht im Griff. Mythen werden von anderen gemacht, entgleiten der Kontrolle, unternehmen kann Zuckerman nichts dagegen. Er kann nur weiter lesen, noch einmal leben und vor allem: weiter schreiben.

          Wie wenig dabei das Erlebte vom Gelesenen und Erschriebenen zu trennen ist, das ist die eigentliche Geschichte von "Exit Ghost". Zuckerman sieht in einer Zeitungsannonce, dass ein junges New Yorker Paar aufs Land ziehen will und einen Wohnungstausch anbietet. Er ruft unter der Nummer an, sucht die beiden in ihrer Wohnung auf, trifft auf die vierzig Jahre jüngere Frau, von der er den Blick nicht mehr lassen will. Er erinnert sich an eine Erzählung von Tschechow mit dem Titel "Er und Sie", deren Inhalt er vergessen hat. Er erinnert sich daran, dass Tschechow geschrieben hatte: "Der Schwerpunkt sollte in zwei Personen liegen: ihm und ihr." So beginnen die Dialoge zwischen ihm, Zuckerman, und ihr, Jamie. Nach jeder Begegnung rennt er ins Hotel und schreibt sie auf. So, wie er sie aufschreibt, haben sie nie stattgefunden, aber hier, auf dem Hotelbriefpapier, verdichtet sich alles zu einer sprachlichen Wirklichkeit, die, dem Leben enthoben, überhaupt erst zu sagen vermag, was das Leben ist: "Die Gespräche, die wir nicht führten, sind noch bewegender als die anderen, die wir führten, und das imaginäre ,Sie' ist fester in der Mitte von Jamies Wesen verankert, als es das tatsächliche ,Sie' je sein wird."

          Das ist Zuckermans letzter Tanz, bevor er mit Shakespeares Regieanweisung aus "Hamlet" geht: "Exit Ghost". Man wünschte, er könnte wiederkommen und für immer bleiben.

          JULIA ENCKE

          Philip Roth: "Exit Ghost". Roman. Hanser-Verlag. 297 Seiten, 19,90 Euro

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