Zieht die Bankenkrise in den Vereinigten Staaten jetzt auch noch die amerikanische Literatur mit in den Abgrund? Es sieht so aus, denn die neuesten Nachrichten von der Stockholmer Literaturbörse lassen einen Kollateralschaden in erheblichem Umfang befürchten. Betroffen blicken wir auf unser Portfolio: zwanzig Bände Philip Roth stehen im Bücherregal, ein Dutzend Werke von John Updike, außerdem reichlich Thomas Pynchon, Gaddis, Richard Ford, Frantzen, Joyce Carol Oates, Eugenides, Foster Wallace und etliche andere. All das soll jetzt nichts mehr wert sein? Das wäre ein Börsencrash, wie ihn die literarische Welt noch nicht gesehen hat.
Zumindest ist, wenn man Horace Engdahl Glauben schenkt, keiner dieser Autoren den Literaturnobelpreis wert. Mit dem eisigen Kalkül eines Notenbankchefs, der weiß, das keiner seiner Sätze ohne Auswirkung auf die Börsenkurse bleibt, hat der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie jetzt der gesamten amerikanischen Gegenwartsliteratur den internationalen Rang abgesprochen: Amerikas Schriftsteller, so sagte Engdahl in einem Interview, seien zu isoliert und zu unwissend, um große Literatur schreiben zu können. „Sie übersetzen nicht genug und sie nehmen nicht wirklich am großen Dialog der Literatur teil.“ Amerikanische Autoren, so Engdahl weiter, seien zu empfänglich für Trends ihrer eigenen Massenkultur – „das zieht die Qualität ihrer Arbeit nach unten“. Mit anderen Worten: Amerikas Literatur ist auf dem literarischen Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig.
Verblüffend an dieser Äußerung ist nicht nur ihre brutale Schlichtheit, sondern auch der Zeitpunkt, den Engdahl gewählt hat, um das literarische Amerika derart gezielt vor den Kopf zu stoßen. Vor wenigen Tagen erst hat die Akademie verlauten lassen, dass der diesjährige Literaturnobelpreisträger nicht am heutigen Donnerstag bekanntgegeben wird, sondern erst am Donnerstag nächster oder übernächster Woche. In der Regel deutet eine solche Verschiebung auf Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Komittees hin. Wenn Engdahl jetzt alle Amerikaner aus dem Rennen werfen will, könnte dahinter nicht nur die Lust des Literaturwissenschaftlers an der Provokation stecken. Vielleicht droht ja tatsächlich, dass einer der ewigen Kandidaten Roth, Updike oder Pynchon den Preis erhält. Dann wäre das Interview vor allem eine Botschaft an die eigenen Kollegen: Kein Amerikaner! Nicht mit mir!
Engdahl gilt als starker Mann in schwacher Umgebung. Unter den Gerontokraten der Akademie wirkt der Neunundfünfzigjährige wie ein junger Wilder: streitlustig, durchsetzungsstark und ohne jeden Zweifel an der eigenen Brillanz. Skrupel scheinen ihn nicht übermäßig zu plagen. Im vergangenen Jahr gab er auf die Frage, wann die Literatur Südostasiens endlich Anerkennung in Stockholm finden würde, knapp zur Antwort: „Wir beurteilen nicht Nationalliteraturen, sondern Individuen.“ Jetzt hat er das Gegenteil getan: Nicht einzelne Autoren und ihre Werke beurteilt, sondern eine vielfältige literarische Landschaft pauschal verworfen.
Dabei stecken hinter Engdahls plumpem Anti-Amerikanismus durchaus einige Körnchen Wahrheit: Ja, es stimmt, dass die Amerikaner viel zu wenig Weltliteratur übersetzen. Aber das gilt für Nigeria auch und dennoch hat Wole Soyinka den Nobelpreis erhalten. Ja, es stimmt, dass die Massenkultur amerikanischer Prägung oft das nackte Grauen verbreitet. Aber die primitiven lateinamerikanischen Telenovelas sind auch zum Fürchten, ohne dass irgendjemand auf die Idee käme am Rang eines Rulfo, Onetti oder García Márquez zu zweifeln. Amerikas Trivialkultur hat William Gaddis nicht gehindert, mit „JR“ eine luzide Kapitaliskritik vorzulegen. Und hat nicht Richard Ford gerade erst ein großartiges Gespür bewiesen, als er die Immobilienbranche in den Mittelpunkt seines letzten Buches „Die Lage des Landes“ stellte?
Man könne der Tatsache, dass Europa immer noch das Zentrum der literarischen Welt ist, einfach nicht entkommen, sagt Engdahl im Gestus des triumphierenden Vereinsvorsitzenden und vergisst über dem berechtigten Stolz auf Europas kulturellen Reichtum eine Kleinigkeit: Wenn ein Land am Boden liegt, sollte man nicht ausgerechnet seine Schriftsteller treten. Philip Roth und seine Kollegen werden es verkraften: Amerikas Autoren sind zur Zeit stabiler als Amerikas Banken. Hubert Spiegel
Abwertung von (überbewerterter ?) Literatur
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Stanislaus Swerd (Olympionike)
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Who is "Horace Engdahl" ?
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