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Nis-Momme Stockmanns „Der Fuchs“ : An der Nordseeküste am plattdeutschen Strand

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Wo das Leben dem Wasser täglich abgerungen wird, ist die Katastrophe immer ganz nah. Und irgendwann ist sie da – zumindest in Stockmanns Roman. Bild: dpa

Land unter: Der Dramatiker Nis-Momme Stockmann zieht in seinem fulminanten Katastrophenroman „Der Fuchs“ alle poetologischen Register.

          Ein Dorf an der See, umschlossen zum einen von der Weite des Meeres, zum anderen vom Marschland, das flach wie ein Strich, ohne jede natürliche Erhebung so tief liegt, dass es sich nur mit größter Mühe über Wasser halten kann. Dazu braucht es schon den Deich, der das Dorf vor der Flut schützt, und ein Schöpfwerk, das unablässig Wasser aus dem Boden pumpt. Dorf, Deich und Schöpfwerk bilden die Existenzgrundlage des norddeutschen Lebens. Wo das blanke Überleben dem Wasser abgerungen werden muss, fehlt jede Kraft, die das Besondere ermöglichen könnte. Das trifft zumindest für Finn Schliemann zu, den Protagonisten und Erzähler von Nis-Momme Stockmanns fulminantem Debütroman.

          Finn ist ein unscheinbarer Typ, und seine Lebensaufgabe scheint sich bereits darin zu erschöpfen, den Kopf über Wasser zu halten. Das gilt zumal, da es ihm seine Familienverhältnisse nicht einfach machen: Finns Vater ist früh verstorben. Finns Bruder, Reini, ist geistig behindert und in seiner Aggressivität unberechenbar. Und Finns Mutter löst sich in der Sorge um ihre Söhne in lähmender Verzweiflung und im Rauch ihrer Zigaretten auf. Zwei Dinge halten Finn über Normalnull: seine Bibliotheksbesuche und die Kamera, die ihm sein Vater geschenkt hat, eine Agfamatik, die Finns Blicke ans Faktische bindet. Er trägt sie als einzigen Lichtblick immer bei sich. Nis-Momme Stockmanns siebenhundertseitiges Debüt entfaltet sich aus der Ödnis einer in ihrer Banalität gewalttätigen Langeweile.

          Katastrophenroman, vom Hausdach erzählt

          Dorf, Deich, Schöpfwerk – da keine der Figuren von dort in die Welt zieht, bricht diese umgekehrt in die Dreiecksbeziehung ein. Als wollte Stockmann die land- und menschgewordene Normalnull mit einem Schlag aus der Unbedeutsamkeit reißen, jagt er gleich als Erstes eine Katastrophe über das Land. An einem Julitag 2012 spült eine Springflut das Dorf einfach weg. Für Finn, zu diesem Zeitpunkt dreißig Jahre alt, heißt das: sich in letzter Not mit seinem Freund Dogge und dessen Freundin Jütte auf das Hausdach retten, um dort dem Treiben der dörflichen Habseligkeiten zuzusehen. Die Flut reißt nicht nur alles mit sich, sie zerreißt auch die Zeit. Oder, um eine leitende Metapher des Romans aufzunehmen, in dem unablässig geschnitten und geschnippelt wird: Wie ein Skalpell zerschneidet die Flut das Dasein in ein Davor und ein Danach.

          Das Romandebüt eines jungen Dramatikers: Nis-Momme Stockmann.
          Das Romandebüt eines jungen Dramatikers: Nis-Momme Stockmann. : Bild: dpa

          Erzählt wird der Umschlag vom Leben in den Tod. Von dieser Schnittstelle aus teilt sich die Erzählung in zwei Stränge: Als Katastrophenroman erzählt „Der Fuchs“ von Finns, Dogges und Jüttes Schicksal auf dem Hausdach. Zum anderen wird das Hausdach zum Plateau, von dem aus sich Finn zu erinnern versucht, wie es zur Katastrophe kommen konnte. In erster Linie ist „Der Fuchs“ ein Erinnerungstext, der den Umgang mit der eigenen Geschichte reflektiert. Beide Erzählstränge sind streng an Finns Sicht gehalten. Was in seiner Welt keinen Platz finden soll, hält er sich er durch kognitiven Deichbau vom Leib.

          Die Sphinx und der rätselhafte Arm

          Im Zuge der Erinnerung erscheint die Flutkatastrophe nur die logische Konsequenz eines weitaus bedeutsameren Ereignisses zu sein. Als entscheidendes Datum in dieser besten aller manipulierten Welten kristallisiert sich ein Julitag im Jahr 1992 heraus. Finn ist damals zehn und langweilt sich mit seinen Freunden, Diego, Tille und Dogge, am Schöpfwerk. Zwei Entdeckungen zerschneiden den Kreis des Gewohnten. Am Deich begegnet Finn einem fremden Mädchen. Für Finn ist es wenn nicht Liebe, so doch Faszination auf den ersten Blick. Katja Mahler wird zu seiner wichtigsten Bezugsperson. Schon als eingeschworenes Paar treten die beiden auf, als Finn und seine Freunde am selben Tag einen abgetrennten Arm finden.

          Katja, wissend, umschwärmt und bedrohlich, ist rätselhaft wie eine Sphinx. Katja hat einen Blick für Außenseiter wie den am Strand lebenden Pedro. Vor allem aber scheint sie von Dingen zu wissen, die es in Finns Wirklichkeit bislang nicht gab. Mit Katja bricht das Transzendente in die Ödnis ein, nicht als Kinderspiel oder Fiktion, sondern als tödlicher Ernst. Katja sieht sich als Botin einer höheren Welt und deutet das Dorf zum Austragungsort eines seit Jahrhunderten schwelenden, jetzt kulminierenden Kampfes zwischen Gut und Böse. Als Indiz hierfür gilt ihr der rätselhafte Arm.

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