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„Nina & Tom“ von Tom Kummer : Die Wahrheit der Liebe

  • -Aktualisiert am

Der Schweizer Autor Tom Kummer Bild: Christian Werner

Der notorische Wirklichkeitsfälscher Tom Kummer hat einen Roman mit dem Titel „Nina & Tom“ geschrieben. Was macht er aus seiner Lizenz zur Fiktion?

          Was für ein unmöglicher Roman: Als Ninas Körper immer lebloser wird, als sie, vom Krebs und Morphium gezeichnet, auf einer Matratze mit Plastikschutzhülle liegt, ihre beiden Söhne sich „längst verabschiedet haben, um sich selbst zu retten“, staut sich in ihrem Mann das Verlangen. Anstatt ihr Pflegegerätschaften ans Bett zu stellen, legt er die Hand zwischen ihre Beine, zieht ihr Seidenunterwäsche an, lässt sie in High Heels durch die Wohnung wanken und öffnet die Vorhänge, um die Unwirklichkeit von Los Angeles hereinzulassen.

          „Die größte Liebesgeschichte seit Love Story“, behauptet der Verlag von „Nina & Tom“. Vor allem ist es wohl eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Nina, das ist, solange sie lebt, ein schönes, faszinierendes Monster, dominant, androgyn, asozial, „stark in der Krise“, trotzig wie ein Kind. Nina stellt ihre Stiefel aufs Polster und schmeißt Bücher aus dem Fenster. Sie hat „kein Verständnis für Schwächen“ und möchte beim Sex gewürgt werden. Sie hat eine Obsession mit Spiegeln, Verkleidungen und Cremes. „Die Haut war ihr Feind“, schreibt der Autor und: das ist „mein persönlicher Bericht auf Ninas Kosten. Sie wird mich umbringen, wenn sie jemals davon erfährt.“ Und so wird die erst empfundene Empörung über die Schonungslosigkeit der Beschreibung zur Empathie mit dem Ich-Erzähler.

          Ein Roman, der die Angst vor dem Sterben verringert

          Als Tom Nina kennenlernt, arbeitet sie in einem Club in Barcelona. Ihr Outfit ist interessanter als die innere Leere, die sie als Geheimnis tarnt. Die beiden wissen nichts voneinander und leben von jetzt an gemeinsam. Ein neues Traumpaar zwischen Lederschwulen und Koks-Existenzialisten.

          Manchmal wacht Tom auf, weil Nina ihm ins Gesicht schlägt und sofortige Aufmerksamkeit von ihm verlangt. Sie will von ihren Träumen erzählen. Aber Tom interessiert sich nicht besonders für Träume. Nina ist seine große Liebe, am Ende sahen sie sich sogar ähnlich, so nah waren sie. Dreißig Jahre gemeinsames Leben. Zwei Söhne. Vier Tumore. Zwei Jahre Chemotherapie. Ein Jahr Sterben. Bilanz einer Ehe. Und auch wenn es nicht gleich danach klingt, es ist ein Roman, der die Angst vor dem Sterben verringert.

          Tom Kummer: „Nina & Tom“. Blumenbar, 253 Seiten, 20 Euro
          Tom Kummer: „Nina & Tom“. Blumenbar, 253 Seiten, 20 Euro : Bild: Blumenbar Verlag

          Der Autor des Buches „Nina & Tom“ heißt Tom Kummer, der Schweizer Autor, der in den neunziger Jahren Interviews und Reportagen veröffentlichte, bis herauskam, dass er sich die Gespräche mit Stars ausgedacht hatte. Den Schauspieler Charles Bronson ließ er über die Bedeutung der direkten Ansprache von Pflanzen in der Orchideenzucht reden, Courtney Love über den pädagogischen Einsatz von LSD in der Erziehung durch ihre Eltern. Ein Angriff auf die Werte des Journalismus.

          Kummer verlor seine Auftraggeber und wurde in Los Angeles Tennislehrer. Es wurde ein Dokumentarfilm über ihn gedreht, „Bad Boy Kummer“. 2007 erschien das Buch „Kleiner Knut ganz groß: Der berühmteste Eisbär der Welt im Gespräch mit Tom Kummer“, was der Verlag vermutlich sogar ernst meinte. Und das Magazin „032c“ veröffentlichte ein paar seiner alten Interviews. Kummer wurde kurz rehabilitiert, schrieb Reportagen und wurde anschließend wieder geschasst, weil er für seine Texte ganze Passagen von Kollegen übernahm. Wenn dieser Tom Kummer, der im Journalismus alles am liebsten erfunden hat, jetzt einen Roman schreibt, hat er da seinen Ort gefunden? Liegt ihm die Fiktion nicht sowieso viel mehr als die Wirklichkeit? Und was kann einer, der sich immer selbst ausstellte, nun mit dieser Lizenz zur Prosa?

          Zusammen, um sich gegenseitig „ein bisschen zu zerstören“

          Auch die Liebe von Tom und Nina liest sich wie eine Kummer-Geschichte, voller Ereignisse, Explosionen, Ekstasen. Das ganze Buch inhaliert sich so weg, die Schlagworte knallen. Ein schöner Schocker mit dem Besten aus den achtziger und neunziger Jahren: Streifzüge durch die Mauerstadt, nächtliches Kotzen, Nan Goldin huscht durchs Bild, Nick Cave steht an der Bar. Kaputter Sex gefolgt von Abtreibung. Gestörte Mutter-Beziehungen, Langeweile, Desinteresse, Rücksichtslosigkeit. Eine Schleife, in der alles mit allem zusammenhängt. Nina und Tom wollen irgendetwas fühlen, das sie bekämpfen können. Der „rasche und ununterbrochene Wechsel innerer und äußerer Eindrücke“, das habe ihre „Beziehung zementiert“, schreibt Kummer.

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