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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Nietzsche mag Old Spice

 ·  Griechenidyll: Frank Schulz vollendet die Hagener Trilogie

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Schon der Schöpfer des Zarathustra wußte, daß die tiefste Weisheit - und daß diese Figur sie mit Löffeln gefressen hatte, davon war er überzeugt - nur dem Aussteiger zuteil wird. Frank Schulz weiß das auch und läßt zur Vollendung der "Hagener Trilogie" seinen Ich-Erzähler Bodo Morten nach einem Kollaps ersten Ranges (Alkohol und eine Psychose erzwingen einen längeren Klinikaufenthalt) in ein griechisches Dorf namens Kouphala flüchten. Hier, an der historisch-mythischen Odysseus-Bucht, hält der norddeutsche Zausel und Hobbyreligionsstifter den Ball vier Jahre lang sehr flach.

Man könnte es prätentiös nennen, daß Schulz das Kind, welches sein Held im Herzen geblieben ist, nirgendwo anders schaukeln will als in der Wiege der abendländischen Literatur. Um in diesen Spuren zu gehen, in die sich heute so leicht kein Autor mehr wagt, muß man große Füße haben. Aber der gewaltige Erzählermagen verdaut die in sieben Gesängen ausgebreiteten Homer-Zitate, Nietzsche-Exegesen, die Landeskunde, die Kritik des nicht eben gehobenen Urlauber-Milieus und natürlich wieder jede Menge Trinkgelage problemlos. Dazu läßt Schulz zusätzliches Personal aus der Heimat anreisen: unter anderen die Schwester und die Ehefrau des Helden aus "Kolks blonde Bräute", 1991; aus der Ferne grüßen die Hauptakteure des zweiten Teils, "Morbus fonticuli", 2001, beide verlegt bei Haffmans. Hätte es die Verlagsturbulenzen nicht gegeben, die auch diese beiden Bücher in Mitleidenschaft zogen, dann wäre Schulz heute so bekannt, wie sein Rang dies eigentlich verlangt.

Griechenland also. Wer den Autor als mit allen Wassern gewaschenen Zeremonienmeister flachländischen Lebens und Leidens schätzengelernt hat, wird sich wundern und es womöglich auch bedauern, daß Bodo Morten dem Großraum Hamburg den Rücken gekehrt hat und jetzt unter der Sonne Homers brutzelt. Doch keine Angst, Schulz ist auch dort in seinem Element, wo er den Frührentner abstinent leben und wieder zu Kräften kommen läßt, bis - bis eine gewisse Monika Freymuth, geborene Meurin, das von regelmäßigen Geselligkeiten zwar aufgelockerte, aber im ganzen doch recht stabile Idyll stört. Die weitere Läuterung der heiklen, hochgebildeten Existenz kommt ins Stocken, der Einbruch trunken-dionysischer Mächte fegt den Fuchsbau, in dem Bodo sich klug-pedantisch eingerichtet hat, mit jener Tod-in-Venedig-haften, zwangsläufigen Langsamkeit und Präzision hinweg, auf deren Rechnung der Romanumfang teilweise geht. Monika, eine so attraktive wie gewöhnliche Großmutter von zweiundvierzig Jahren, stößt sich bei ihrem Ehemann Hartmut nicht nur am Old-Spice-Rasierwasser und verirrt sich auf der Suche nach dem Untreuen ans Acheron-Ufer. Sie ist Bodos Prinzessin aus der Kindheit: "Ich war einmal ein Prinz", verrät der Prolog, "und obwohl nur zweitbester Schütze in meinem kleinen Reich, war ich tausendmal glücklicher als der beste, der König - denn meine Prinzessin hatte Augen so grün wie das sonnige Wasser im Mühlenteich."

Das war im Sommer 1969, mehr als dreißig Jahre her ist das, und doch bildet die Episode vom Schützenfest in Beeckdörp, auf dem Bodo und Monika damals zum Prinzenpaar gekürt wurden, aber nicht zueinanderfanden, das geheime Kraftzentrum des Romans. Literatur funktioniert bei Schulz vor allem als Erinnerungsleistung, und wie er hier eintaucht in die Glaskugel abgelebter Kindheit, das gehört zu den vielen Glanzstücken dieses mit nicht mehr zu übertreffender Souveränität komponierten Buches. Das Bräsig-Norddeutsche ist schon lange literaturfähig, sein Stammvater heißt Walter Kempowski; glänzende und dabei völlig unprätentiöse Autoren wie Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Sven Regener haben sich dieses Erbes angenommen, weil sie neben ihrem Handwerk noch etwas anderes gelernt haben: daß man seiner Herkunft nicht entkommt, diese aber nicht unbedingt eine Falle bedeuten muß. Der literarisch mit Abstand bedeutendste Vertreter nicht nur dieser Heimatkunst ist Frank Schulz, Jahrgang 1957. Sicher, sein Heimatpersonal kann sich nicht besonders gewählt ausdrücken, und so ganz falsch ist es auch nicht, wenn dieses Leben nach anderen Maßstäben als etwas kulturlos oder monoton gilt. Aber das griechische Landleben, in das Schulz seine Handlung höchst würdevoll und ohne alle Anbiederei beim Fremdländischen einbettet, ist auch nicht sonderlich abwechslungsreich, nur die Leute sind dort weniger ruppig. So wird aus dem ingeniös aus der Erinnerung abgerufenen, glanzarmen Leben doch noch - Kultur.

Bei Schulz funktioniert das jedoch anders als bei Popautoren, die sich über teure Kleidung ihrer selbst vergewissern und sich an zeitkritischen Ansprüchen verheben. Anders als ihnen ist Schulz auch oder vielmehr gerade die Existenz derer in hohem Grade erzählenswert, die "Tüll und Tand und Trevira" tragen und dabei nicht die richtige Musik hören. Daß dies in so eminentem Maße gelingt, ist eine Frage der Genauigkeit und Vorurteilslosigkeit: "Und dann klettert Beeckens Vadder in Schützenuniform auf die Bühne, und während er sich in den Papieren verheddert, die er in den Händen und zwischen den Lippen hält und unter eine Achsel geklemmt hat, richtet ihm der Kapellmeister das pfeifende Mikrophon ... und dann, das Hochdeutsch mühsam aus den Backentaschen zusammenklaubend, bölkt Beeckens Vadder in die stählerne Pusteblume, daß der ganze Saal zusammenfährt: ,Monika, komm mal her hier. Monika Meurin. Neun'nzwnzich Ringe. Du bist Schütz'nkinnerkö-, äh, -prinzessin.' ,Kinderschützenprinzessin', verbessert der Kapellmeister, ,neunz'nhunnertneun'nsechzich ...' Beeckens Vadder winkt ab."

Dies alles ist mit wenig Ironie erzählt, wie Schulz überhaupt sparsamer damit umgeht als früher, was dazu führt, daß dieser dritte Teil zwischen dem kauzigen "Kolk" und der zuweilen doch etwas abseitigen, selbstzufriedenen Genialität von "Morbus fonticuli" eine Mitte hält, die einem gleichsam humaner vorkommt. Der Subjektivismus, dem Schulz sich vor allem im zweiten Teil hingab, ist einer menschenfreundlichen Abgeklärtheit gewichen, in der jede Figur gleichsam objektiv aufgefaßt ist.

Beschallt von Peter-Alexander- und Chris-Roberts-Schlagern, erfährt der kleine Bodo also zum ersten Mal, worum eigentlich immer alles geht: um Sehnsucht - Sehnsucht nach dem richtigen Leben, nach Heimat. Anhand einer geistig so anspruchslosen Figur wie Monika spielt Schulz sein poetisches Programm durch, das auf die Umkehrung der Idee vom Bildungsroman hinausläuft: Wie schon in "Morbus fonticuli", wo Bodo Morten sich am Ende buchstäblich eingraben wollte in den Boden seiner Herkunft, so will er auch jetzt, als verkrachter, aber halbwegs zur Ruhe gekommener Odysseus, wieder herunter von den intellektuellen Höhen, in die ihm sowieso keiner folgen kann, und zurück zum einfachen, unschuldigen Leben. Deswegen muß die Liebesraserei, die ihn erfaßt, überhöht oder vielmehr unterlegt werden mit der erzromantischen Frage, auf die Schulz mit Novalis natürlich die passende Antwort hat: Wohin geht es? Immer nur nach Hause. So oder so ähnlich verkündet es Theo, "das Ouzo-Orakel". Schulz läßt es nach zwei langen Anläufen zu Wort kommen, zu denen er sich in all der sprachmächtig, mit feinstem Gehör fürs Gesprochene und jede Art von Dialekt geschilderten Ereignisarmut aufschwingt. Theo liest Schopenhauer im Original und ist zum Experten geworden für das Dilemma, das erst dessen Schüler begriffen und formuliert hat: die Überwindung der Romantik ohne die Mittel einer falschen Aufklärung, das heißt also, unter Wahrung der mythischen Dimension des Lebens. Die geistesgeschichtliche Figur, in die Nietzsche sich bei diesem Projekt verbiß, ist Sokrates. Ihn bringt auch Theo beim wiederholten Orakelspruch ins Spiel: "Seit Vergil Arkadien entdeckt habe, schwele der Verdacht, daß die von Sokrates angefachte Überzeugung vom Heil der Aufklärung arrogant sein könnte, die Arroganz der Vernunft gegenüber dem Mythos; daß sie nichts anderes sein könnte als die verzweifelte Verschleierung des Auch-nicht-besser-Wissens." Das ist keine essayistische Protzerei; es löst oder erklärt zumindest das Problem, vor dem Bodo Morten von allem Anfang stand und das ohne eine gewisse Bildung gar nicht ins Bewußtsein rückt. Nietzsche wollte die sokratische Geringschätzung des Instinkts ins Unrecht setzen, begab sich aber mit dem Bild, das er von der "fragwürdigsten Erscheinung des Alterthums" zeichnete, auf Anhieb ins philologische Abseits. Auch Bodo ist als sokratischer Privatgelehrter und mit seinem Hang zur Besserwisserei isoliert, die unbestrittene intellektuelle Autorität zwar in der griechisch-deutschen Szene, aber in Sachen Lebenspraxis gründlich gescheitert. Leitmotivisch kehrt die Zuschreibung "nach Art des Sonderlings" wieder. Deshalb versteht Bodo sofort, was Theo ihm im zweiten Orakel mit Musil sanft radebrechend eintrichtert: "Menschenhirn hat Dinge zwar glücklich geteilt, doch Dinge haben Menschenherz geteilt." Das ist nie wieder gutzumachen, auch mit Suff und Sex nicht. Bodo weiß es nun.

Vor diesem Hintergrund gewinnt der Held noch einmal ganz neue, selbstkritische Kontur. Der einsame, nächtliche Nackttanz, bei dem die drei lieber von griechischen Jünglingen schwärmenden Frauen diese schöne Seele in Bärengestalt antreffen, illustriert auf hochkomischer Ebene die Geist-Leben-Antithetik, aus der Schulz einfach nicht herauskommt. Sie ist dem zweiten Grundthema des Romans vorgeschaltet: dem Altern, das hier eine unaufdringlichere, aber mit erheblich mehr Tiefgang traktierte Rolle spielt als in manchem Generationsroman. "Getting old is not for sissies", wird Bette Davis bemüht. Zum Finale, dem der Unfalltod eines Einheimischen vorangeht, dessen Schilderung und Verarbeitung einem die Tränen in die Augen treiben, dreht Schulz noch einmal auf: Bodo, in jeder Hinsicht wieder rückfällig geworden, beendet seine Zeit am Ionischen Meer, säuft und hurt sich für kurze Zeit wieder durchs Leben und kehrt schließlich zurück in die norddeutsche Heimat; Monika hat ihre Ehe mit Hartmut, der nun auch kein Old Spice mehr benutzt, inzwischen gekittet; und so versteht sich Bodo, ganz teilnehmender Beobachter, zu einer Geste, die nach alledem gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann: "Im Namen des Lebens" gratuliert er seiner Kinderliebe, die seiner pädagogisch verbrämten Werbung so zu widerstehen vermochte wie vielleicht einst mancher griechische Knabe dem Sokrates.

Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste: Hölderlins berühmtes "Socrates und Alcibiades" - ist es das? Darauf läuft große, realistische Kunst manchmal hinaus. Wie sagte Nietzsche später über seine "Geburt der Tragödie": "Sie hätte singen sollen, diese ,neue Seele' - und nicht reden!" Frank Schulz, dieser einsam herausragende Erzähler, hat solche Selbstkritik nicht nötig.

Frank Schulz: "Das Ouzo-Orakel". Roman. Eichborn Verlag, Berlin 2006. 545 S., geb., 24,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.06.2006, Nr. 138 / Seite 52
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