http://www.faz.net/-gr3-s0nq

: Niemandem gefügig

  • Aktualisiert am

Damals, in den sechziger Jahren, war der Schweizer Walter Gross eine der Hoffnungen der deutschsprachigen Lyrik. Mit dem Band "Botschaften noch im Staub" (1957) hatte er auf sich aufmerksam gemacht, Werner Weber druckte ihn regelmäßig in der "Neuen Zürcher Zeitung", die "Akzente" publizierten seine ...

          Damals, in den sechziger Jahren, war der Schweizer Walter Gross eine der Hoffnungen der deutschsprachigen Lyrik. Mit dem Band "Botschaften noch im Staub" (1957) hatte er auf sich aufmerksam gemacht, Werner Weber druckte ihn regelmäßig in der "Neuen Zürcher Zeitung", die "Akzente" publizierten seine Gedichte, und Ingeborg Bachmann - sein "Schutzengel", wie er sie nannte - brachte ihn zu ihrem damaligen Verlag, zu Piper in München. Dort erschien 1964, in seinem dreißigsten Jahr, das Buch "Antworten". Es war ein schmaler Band von knapp sechzig Seiten, und der Text auf dem Umschlag schloß mit dem Bekenntnis des Autors: "Sohn eines Arbeiters, eines Kesselschmiedes, möchte ich immer so schreiben, daß mein Vater mich versteht und jeder, den ich mit dem Werkzeug in der Hand antreffe." Der Verlag meldete: "Gross arbeitet zur Zeit an einem größeren Prosawerk."

          Das klang solide, verläßlich, zukunftsträchtig. Doch in der Folge erschien weder die annoncierte Prosa noch ein weiterer Gedichtband. Es erschien überhaupt kein Buch mehr. Der Dichter Walter Gross, der doch mit einiger Fortune begonnen hatte, verfiel in ein über dreißig Jahre währendes Schweigen. Es war durchaus vorsätzlich und währte bis zu des Autors Tod im September 1999. Gross hatte es bereits 1963 in einem Brief an seinen Freund Hans Boesch angekündigt. Er habe beschlossen, nichts mehr zu schreiben, hieß es, "und was Papier anlangt, nur noch dünnes in Rollen zu gebrauchen". Das mochte als bloßer Anfall von Sarkasmus gelten, denn die "Antworten" waren noch nicht erschienen. Auch setzte Gross seine literarischen Bemühungen noch einige Jahre fort. Freunden gegenüber sprach er weiter von seiner "Schwerstarbeit" an der Prosa, vor allem von der "Lerche", einem autobiographisch grundierten Projekt, das zwischen 1930 und 1945 im Thurgau spielen sollte. Was davon realisiert oder auch nur versucht wurde, läßt sich schwer sagen. Im Nachlaß fand sich keine unpublizierte Prosa, und von einem stattgehabten Autodafé ist in den Briefen nirgends die Rede.

          Ist Walter Gross also an seiner Prosa gescheitert? Er wäre nicht der erste Lyriker, dem das passiert. Dieses Scheitern kann sogar eine Chance bedeuten. Philip Larkin etwa betrachtete sich als Romancier manqué, für den das Gedichteschreiben nur die zweitbeste Lösung sein konnte - man weiß aber, mit welchem Erfolg. Gross dagegen gab auch die Lyrik auf. Obwohl er gegen Kurt Marti noch im Dezember 1971 davon sprach, eine größere Zahl neuer Gedichte zu haben, die beinahe für einen Gedichtband reiche, haben sich Gedichte aus dieser Zeit nicht gefunden. Und noch spät, im Dezember 1980, schreibt er an Marti: "Ich bin an Gedichten, einem Tagebuch und an Prosastücken, die durch die darin auftretenden Personen zusammenhängen." Ob diese Auskunft reell war oder bloß noch Fiktion, läßt sich kaum sagen.

          Faktum ist, daß Walter Gross alles aufgab, was mit Literatur und Literaturbetrieb zu tun hatte; auch die Brieffreundschaften und zuletzt die Freundschaften selbst. Die meisten Briefwechsel brechen Ende der sechziger Jahre ab. Gross wurde - mit dem Titel von Peter Hamms Nachwort - "ein Abhandengekommener". Doch nicht das Scheitern an der Prosa war der eigentliche Grund für diesen Rückzug, auch nicht die schwere Tuberkulose, die um 1960 ausbrach und an deren Spätfolgen der Dichter bis in seine letzten Jahre litt. Das Entscheidende war etwas anderes: ein "terremoto" nennt Gross es in einem Brief an seinen Münchner Lektor. Dieses Erdbeben war der jähe Verlust einer Frau, mit der ihn ein langes, vom Ehemann und Freund toleriertes Liebesverhältnis verbunden hatte. Kurz: Diese Frau ließ sich von ihrem Mann scheiden, aber eben nicht um nun, wie von diesem erwartet, den Liebhaber zu heiraten, sondern um einem anderen Mann, einem damals sehr bekannten Literaturkritiker, zu folgen.

          Das alles ist, mehr oder minder deutlich, in den Briefen nachzulesen, die unter dem Titel "Antworten" einen der beiden Bände der schönen Gesamtausgabe ausmachen. Leider ist manches verschollen; so die Briefwechsel mit Hans Carossa, Rudolf Kassner und mit Ingeborg Bachmann. Doch man wird reich entschädigt. Ehe er das Schweigen wählte, war Gross ein passionierter und vielseitiger Briefschreiber, ein guter Freund seinen Freunden und so offen wie geschickt gegenüber den Zelebritäten von Kultur und Literatur. Zumal mit Johannes Bobrowski verbindet Gross eine Freundschaft, die bis zu Bobrowskis frühem Tod reichte. "Ich denk, wir sind auf eine Weise zusammengekommen, die eine Trennung nicht mehr erlaubt", schreibt Bobrowski schon in einem der ersten Briefe; Widmungsgedichte gehen hin und her.

          Es sind gerade diese Briefe, die Gross auf dem Höhepunkt seiner literarischen Aktivitäten zeigen und den Abbruch seines OEuvres schmerzlich machen. Es sind die Gedichte des Bandes "Botschaften", die Bobrowski hoch geschätzt hat und die noch heute standhalten. Das Gedicht "Nach Jahren" liest sich heute als Absage des Dichters an alle Verfügbarkeit, ja als frühes Vermächtnis: "Was ich verschweige, / kommt nicht über meine Lippen, / niemandem wird meine Zunge gefügig sein, / zu keinem Tag, zu keiner Stunde."

          Walter Gross: "Werke und Briefe". Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Peter Hamm. Limmat Verlag, Zürich 2005. 2 Bde., 800 S., geb., 50,- [Euro].

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Einfluss auf CDU-Delegierte : „Mensch, du musst Merz wählen!“

          Kramp-Karrenbauer, Merz oder Spahn? Die Zeiten, in denen CDU-Wahlen mit zugesteckten Zetteln beeinflusst wurden, sind lange vorbei. Versuche der Einflussnahme von unten gibt es jedoch weiter eine ganze Menge.
          Am Boden – vorerst: Junge Spieler wie Leroy Sané haben trotzdem die Phantasie geweckt, wie es schnell wieder aufwärts gehen könnte.

          Abstieg in Nations League : Die Nullstunde der Nationalmannschaft

          Der Bundestrainer relativiert den Abstieg aus der Nations League und sogar die WM-Enttäuschung – als sei alles eine normale Entwicklung. Auf die teils heftige Kritik gibt es eine scharfe Replik von Joachim Löw.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.