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: Niemand hörte auf die Aqua Augusta

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Der dritte Weltkrieg wird um Wasser geführt werden. Daß wir ungläubig auf diese Prognose reagieren, liegt am Erbe der römisch-antiken Zivilisation, die uns den verschwenderischen Umgang mit Wasser und den Glauben an dessen Allverfügbarkeit eingeimpft hat. Nicht die stur alles überwindenden römischen Landstraßen, ...

          Der dritte Weltkrieg wird um Wasser geführt werden. Daß wir ungläubig auf diese Prognose reagieren, liegt am Erbe der römisch-antiken Zivilisation, die uns den verschwenderischen Umgang mit Wasser und den Glauben an dessen Allverfügbarkeit eingeimpft hat. Nicht die stur alles überwindenden römischen Landstraßen, sondern die Aquädukte, die in Symbiose mit ihrer Umgebung teils als tollkühne Brücken, teils als unterirdische Kanäle verlaufen, waren die größte zivilisatorische Leistung des Imperiums.

          So sagt Plinius der Ältere, Roms berühmtester Naturwissenschaftler und faszinierter Augenzeuge des Vesuv-Ausbruchs vom 24. August 79 nach Christus. Schon in der ersten hinreißenden Szene seines Pompeji-Romans beweist Richard Harris, daß er dem antiken Wissenschaftler diese Behauptung zu Recht in den Mund legt. Wir werden Zeuge, wie Marcus Attilius Primus, der junge, gerade aus Rom nach Misenum am Golf von Neapel beorderte "Aquarius", zwei Tage vor dem Vesuvausbruch nach einer Quelle gräbt. Er muß Wasser finden, denn nach einer mehrmonatigen Dürre droht die "Aqua Augusta" zu versiegen, jenes Wunder der Wasserbaukunst, das Kaiser Augustus hatte errichten lassen, um neun Städte am Golf, beginnend mit Pompeji, endend mit Misenum, dem Stützpunkt der römischen Flotte, mit Wasser zu versorgen.

          Sofort bezaubert, vielleicht auch wiedererkennend liest man Robert Harris' Beschreibung der hügligen Gegend, ihres spröden Vulkangesteins, der fruchtbaren kampanischen Erde, der verzehrenden Hitze Süditaliens. Attilius ist laut der Kapitelüberschrift während des "Conticinium" unterwegs, der achten Nachtwache gegen vier Uhr früh: "Was für einen flimmernden fiebrigen Himmel die hier im Süden hatten! Selbst jetzt, kurz vor Tagesanbruch, wölbte sich eine gewaltige Halbkugel von Sternen bis zum Horizont hinab." Der Aquarius sucht nach Efeu, den er tags zuvor im verdorrten Gestrüpp über Misenum entdeckt hat. Das perfekte Wissen der Alten lehrt ihn, darin ein sicheres Indiz unterirdischer Feuchte zu erkennen. Einmal angelangt, beobachtet er in Bauchlage die Stelle, sein Kinn auf ein Spezialholz gestützt, das den Blick in der Horizontalen hält, um bei Sonnenaufgang den Dunsthauch zu erkennen, der nur dann für Sekunden Wasseradern entsteigt.

          Der Aquarius atmet auf - um kurz darauf neu zu verzweifeln. So tief er und seine Arbeiter auch graben, das Wasser entzieht sich. Wie die Pompejaner, die siebzehn Jahre zuvor ein verheerendes Erdbeben nicht als Vorbote der finalen Katastrophe erkannten, so verkennt der Wassermeister trotz aller Aufgeklärtheit sämtliche Warnsignale des Vulkans - das Versiegen der Quellen und Brunnen, die von Vorbeben des Vesuvs verursachten Schäden an der Augusta, den Schwefelgeruch des Wassers im Endreservoir in Misenum. Der Gedanke, daß dreihunderttausend Menschen ohne Wasser sein und panisch werden könnten, läßt bodenlose Angst aufkeimen, die sich schleichend auf alle Beteiligten und sogar auf den stoischen Plinius überträgt. Darin und im Bemühen aller, die Gefahr geheimzuhalten, taucht eine Zukunftsvision auf - die eines Süditalien, das infolge der globalen Klimaveränderungen Wüste werden und dessen Panik einen Krieg einleiten könnte.

          Die besten Passagen des Romans weisen einen solchen doppelten Boden auf, der uns aus der fernen Antike in ein furchterregendes Heute katapultiert. Sie kulminieren in den Schlußkapiteln, wo Harris die umhertaumelnden Pompejaner als Doppelgänger der staubbedeckten fliehenden New Yorker des 11. September 2001 zeichnet: "Je weiter Attilius kam, um so jämmerlicher war der Zustand der Flüchtenden. Die meisten waren mit einer dicken grauen Staubschicht bedeckt; ihre Gesichter glichen blutbespritzten Totenmasken." Noch einmal, noch eindringlicher, greift er das Bild auf, als er einen ums Überleben ringenden Patrizier beschreibt, dessen weiß bestäubtes, von blutigen Rinnsalen überzogenes Gesicht jenen mit roten Bändern geschmückten wächsernen Ahnenbüsten gleicht, die man in Familienschreinen aufbewahrte.

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