Ist es wirklich heikler, über Sex zu schreiben als über die Liebe oder den Tod? Schwieriger? Machen es deswegen viele Autoren gar nicht? Und geht es deshalb bei den anderen so häufig schief? Wenn beim Autor die Scham überwunden ist, über nackte Körper in intimer Aktion, über die Geräusche, die sie machen, über die Flüssigkeiten, die sie absondern, zu schreiben, heißt das ja nicht, dass auch wir als Leser uns ohne Scham über seine Sätze beugen könnten. Wobei die Scham, die sich beim Lesen oft einstellt, nicht so sehr mit dem Sex, den nackten Körpern, den Flüssigkeiten zu tun hat, als mit dem, was aus ihnen geworden ist. Also mit der Sprache. Mit den verschwurbelten, schnaubenden, süßlichen, brutalen, verklemmten, überhöhten, kruden Szenen, in die sie meistens gesetzt werden, unter Zuhilfenahme von Wörtern, die auch einen Verkehrsunfall beschreiben könnten. Schwiemelig wie die „Lady Chatterley“, monoton wie das geheime Tagebuch von „Walter“.
Nicholson Baker schreibt gern über Sex. Und er schreibt brillant über Sex. Mit Wörtern, die in jedem anderen Kontext nutzlos wären. Bakers Phantasie ist unverschämt dreckig, und seine Möglichkeiten, dafür eine Sprache zu finden, sind nahezu grenzenlos. In seinem neuen Roman, „Das Haus der Löcher“, lässt er diesen Phantasien freien Lauf ins Surreale und erzählt in sechzehn Vignetten von der in seiner entfesselten Vorstellung unendlichen Vielfalt, in der sich Männer und Frauen miteinander oder mit sich selbst vergnügen können.
Kondensierende Wirklichkeit und ein Arm mit Eigenleben
Die erste zwischenmenschliche Begegnung findet zwischen einem Mädchen namens Shandee und einem Arm statt. Daves Arm, wie sich schnell herausstellt. Dave, der sich, anders als Shandee, bereits im Haus der Löcher befindet, wollte einen größeren Penis, und er hat dafür seinen rechten Arm geopfert, der auf Wegen, die selbst dem detailverliebten Baker offenbar nicht ganz klar sind, wieder in die wirkliche Welt gelangt ist. Daves Arm wurde allerdings von Lila, der Direktorin im Haus der Löcher, die für solche Körpertauschgeschäfte zuständig ist, nicht einfach entsorgt, sondern mit einem Zugang für Fischfutterbrei versehen, der ihn ernährt, und einem Ventil für den chemischen Abfall, der im Stoffwechsel anfällt.
Shandee fand Daves Arm in einem Steinbruch, den sie mit einer Geologieexkursion ihrer Universität besuchte. Und nachdem der Arm sich als sehr einfühlsam und kennerhaft erwiesen hatte, formten seine Finger ein O - und Shandee „schob ihre Zunge hindurch, und dann streckten sich ihr Inneres, ihr Nacken und ihr Körper, bis er sehr lang war, und er strömte durch seine Finger, und dann strömten seine Finger mit. Sie wurde in einen Wusch von Flaumigkeit gesogen, und dann landete sie und kondensierte, und vor ihr im Gras war ein Schild: ,Willkommen im Haus der Löcher’“.
Als Praktikant im Luxusresort der Lüste
Es ist ein Schlaraffenland des Sex, in das Shandee da geraten ist, gerade so wie Alice durch den Kaninchenbau ins Wunderland. Alle möglichen Arten von Löchern dienen den lustsuchenden Menschen als Zugang zum Haus der Löcher, die Rückwand eines professionellen Wäschetrockners tut es ebenso wie ein Strohhalm, eine Pfeffermühle oder eben ein von zwei Fingern geformtes O.
Die ankommenden Männer werden auf Krankheiten und eine Neigung zu Diebstahl, Betrug und Gewalttätigkeit gescannt und wie in einer Autowaschanlage einer nach dem anderen einer Peniswaschung unterzogen, wozu die Diensttuenden Schwammhandschuhe tragen. Auch müssen die Männer für ihren Aufenthalt in diesem Luxusresort der Lüste nicht zu knapp bezahlen. Es ist teurer als Golfen. Pendle etwa, ein Anwärter und begnadeter Interviewer - leider war die Stelle, auf die er sich bei Lila, der Direktorin des Hauses der Löcher, bewarb, schon besetzt -, hat gar kein Geld, um im Haus der Löcher seinem Traum (dass alle Frauen der Welt sein Geschlecht sehen, was Lila für etwas übertrieben hält) ein Stück näher zu kommen. „Sie ziehen los“, sagt Lila schließlich, „und verdienen irgendwie, sagen wir, dreieinhalbtausend Dollar und kommen wieder, und dann geben wir Ihnen eine Praktikantenstelle.“
Die lustigsten, schmutzigsten Wortneuschöpfungen
Ansonsten geht es egalitär zu im Haus der Löcher und in der Phantasie von Baker - Lust ist für alle da, es gibt keine Dienstmädchen, keine Pizzaboten, keine Vergewaltigungsphantasien, und schlechte Pornographie jenseits des Hauses der Löcher wird mittels eines eigens entworfenen Pornosaugschiffes vernichtet. Für Anfänger steht ein Pornodekaeder mit zwölf Leinwänden bereit, Erfahrenere treffen sich in Darkrooms, in denen nur geredet wird. Der Umgang miteinander ist ausgesprochen höflich (“Kannst Du mir die Kentucky-Limone auch auf den Po träufeln?“), und wer Frauen in den Hintern zwicken will, braucht dazu eine „Arschkneiferlizenz“.
„Das Haus der Löcher“ ist nicht der erste Porno, den Nicholson Baker geschrieben hat, aber der lustigste. Der schmutzigste auch. Was etwas heißen will bei einem Mann, unter dessen dreizehn Büchern sich eines findet, das vollständig dem Telefonsex gewidmet ist (“Vox“, 1992) und ein anderes der Phantasie, ein Mann könne mit einem Fingerschnippen die Zeit anhalten und in der Pause des Weltgeschehens, die dadurch entsteht, der Frau in der U-Bahn gegenüber zum Beispiel den Slip ausziehen (“Die Fermate“, 1994). Im „Haus der Löcher“ geht Baker noch weiter, was die pornographischen Beschreibungen und die Wortneuschöpfungen für die beteiligten Körperteile und ihre Aktionen angeht. Eike Schönfeld, der das ins Deutsche gebracht hat, leistete ganze Arbeit: Lust kündigt sich als „schmelziges Gefühl“ an, Finger „frickeln“, und den überraschendsten Namen für das männliche Geschlechtsteil unter den vielen hier nicht zitierbaren hat er einfach stehen lassen: Malcolm Gladwell (ja, der „New-Yorker“-Autor).
Es geht formvollendet zur Sache
Wie bei der Komödie, die sinnlos bleibt, wenn niemand lacht, ist ein Porno, der niemanden erregt, nicht der Rede wert. Baker hat in einigen Interviews von seiner eigenen Erregung beim Schreiben der teilweise aberwitzigen Sexszenen erzählt, was seinerseits eine gewisse Komik hat, wenn man Bakers Foto dazu sieht: einen freundlichen älteren Herrn mit weißem Bart, der ein bisschen schüchtern in die Kamera blickt. Allerdings entgeht auch er, obwohl er uns deutlich öfter zum Lachen bringt, nicht einer gewissen Eintönigkeit, wie sie auch den Klassikern des Genres eigen ist.
Nun gibt es natürlich eine Menge Leser, die sich durch Lektüre gar nicht erregen lassen wollen, und für sie hat Baker dieses Buch nicht geschrieben. Seine Figuren sind kaum voneinander unterscheidbar, und nur manchmal, als hätte ihn gerade die Lust am Umweg angefallen, beschreibt er eine etwas näher. Von Chuck zum Beispiel erfahren wird, dass sich hinter seiner Iris eine zweite Ebene auftut, in die man „wie in eine Wendeltreppe“ hinabblicken kann. Doch solche Abschweifungen erlaubt sich Baker selten, meistens geht es formvollendet sofort zur Sache.
„Das Haus der Löcher“ ist der Beweis, dass es möglich ist, über Sex zu schreiben, ohne das auf Kosten eines der Beteiligten zu tun. Es gibt keine erniedrigten Frauen bei Baker, und fast scheint es so, als seien seine Phantasien darauf aus, uns selbst die Erinnerung an diesen für gemeine Pornographie (und die Diskussion über ihr Verbot) konstitutiven Zustand auszutreiben. Baker entwirft ein auch im Sex von jeglicher Herrschaft befreites Utopia - ein Gegengift für all die schlechte Pornographie, die uns umgibt.