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: Neulandsmann: Herbert Grönemeyers Texte

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Wann ist der Dichter ein Dichter? Wenn seine Texte gesammelt in einem Band erscheinen, möchte man meinen, denn das passiert nicht jedem. Sänger haben's schwer und nehmen's nicht immer so leicht wie Herbert Grönemeyer, den man früher, in den Achtzigern, vor allem dafür schätzte, daß er uns im Gegensatz ...

          Wann ist der Dichter ein Dichter? Wenn seine Texte gesammelt in einem Band erscheinen, möchte man meinen, denn das passiert nicht jedem. Sänger haben's schwer und nehmen's nicht immer so leicht wie Herbert Grönemeyer, den man früher, in den Achtzigern, vor allem dafür schätzte, daß er uns im Gegensatz zu Wolfgang Niedecken oder Heinz-Rudolf Kunze mit seinen künstlerischen Ambitionen verschonte. Er sang ganz einfach von Parkplatzsorgen und Liebesnöten oder machte aus seiner Heimatstadt und ihrem Grundnahrungsmittel einen Erinnerungsort der späten Bundesrepublik: "Gehse inne Stadt, / wat macht dich da satt? / 'ne Currywurst // Kommse vonne Schicht, / wat schönret gibt et nich / als wie Currywurst". Das sind ebenso schöne wie wahre Sätze.

          Etwas später, mit dem Album "Sprünge", wurden seine Texte politischer. Nicht zufällig avancierte Grönemeyer genau in der Zeit des Historikerstreits zum Habermas der deutschsprachigen Popmusik, der die geistig-moralische Wende der frühen Kohl-Jahre und die geschichtspolitische Schadensabwicklung anprangerte: "Wir haben ihn endlich wieder, unseren Nationalstolz / wir atmen auf, es stirbt der Wald / wir sind eben aus ganz besonders deutschem Holz / wir sind eiskalt, wir sind wieder wer - wer nur? / zweifelsfrei deutsch pur" ("Tanzen", 1986). Manches davon hat nichts an Aktualität verloren, etwa die Kritik an sozialer Kälte und einer Das-Boot-ist-voll-Rhetorik. Im Zeitalter der Ego-Shooter würde man sich allerdings überlegen, ob man wirklich "Kinder an die Macht" lassen wollte. Diese Texte als Gedichte zu lesen hat seinen Reiz. Tatsächlich entdeckt man plötzlich neue, stets überhörte Facetten an altbekannten Gassenhauern - auch wenn man dem Lyriker und bekennenden Grönemeyer-Fan Michael Lentz nicht immer zustimmen mag, der in seinem lesenswerten Vorwort versucht, Grönemeyers Gesamtwerk unter die Begriffstrias "Liebe, Heimat und Identität" zu subsumieren.

          Der nun bei Schirmer/Mosel erschienene opulente Band mit den stilisierenden Schwarzweißfotos von Anton Corbijn enthält leider eine merkwürdig selektive Textauswahl: Während die beiden letzten Platten komplett dokumentiert werden, fehlt bei den früheren Wichtiges - nämlich gerade das Bodenständige und Körperliche. Grönemeyer, kalorienreduziert: Auf "Currywurst" wird ebenso verzichtet wie auf "Alkohol". Wie in den scharfen Kontrasten der Bilder soll auch hier das Künstlerimage klar konturiert werden: Harte Züge, tiefe Furchen, der Dichter und Denker blickt zurück. Bleibt die Frage: Was soll das? (Herbert Grönemeyer: "Liedtexte und Bilder von 1980-2004". Mit Fotos von Anton Corbijn und einem Essay von Michael Lentz. Schirmer/Mosel, München 2004. 160 S., geb., 19,80 [Euro].)

          rik

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.02.2005, Nr. 29 / Seite 34

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