Home
http://www.faz.net/-gr4-138bw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Neues von Haruki Murakami Das Fernziel? Die Rettung der Welt!

In seinem neuen Roman „1Q84“ erzählt Haruki Murakami eine apokalyptische Liebesgeschichte. Das umfängliche Werk erstürmte in seiner japanischen Heimat sofort die Verkaufscharts - und findet trotzdem wenig Beifall.

© AP Vergrößern Japan in Murakami-Rausch: Trotz verhaltener Kritiken verkaufte sich „1Q84” in den ersten Tagen über eine halbe Million mal

Murakamis neuestes Werk trägt den Titel „1Q84“ (zu lesen: 1984) und hat im japanischen Original tausend Seiten in zwei Bänden. Hat sich die Lektüre gelohnt? Ja und nein. Nach „Kafka am Strand“ (2002) und „After Dark“ (2005), den beiden letzten Arbeiten des Meisters „geruchsloser“, sprich wenig japanisch anmutender japanischer Literatur, weist „1Q84“ einen noch deutlicher ausgeprägten Hang zum Düsteren auf. Es geht um nichts weniger als um das Ende der Welt, wie wir sie kennen - dieses wird vermutlich eingeleitet durch die Wende einst linkspolitisch engagierter Intellektueller zu staatsfeindlichen Fundamentalisten mit anarchistisch-okkulten Ambitionen. Das Imperium des Okkulten offenbart sich - nach dem Matruschka-Prinzip - in Murakamis Roman durch einen zweiten Roman mit dem Titel „Das leere Gespinst“.

Die Idee mit dem unheimlichen Roman im Roman, der, geschrieben von Fukada Eriko, der Tochter des Gurus, ein Bestseller wird, ist nicht schlecht. So rehabilitiert Murakami nebenbei nachhaltig das Medium Buch, erstens durch die ihm in der Dichtung bescheinigte Wirkkraft und zweitens durch den Beweis, den er für die Macht des Printmediums in unserer Realität antritt, wenn „1Q84“ bereits in den ersten Tagen nach Erscheinen über eine halbe Million Mal verkauft wurde.

Mehr zum Thema

Ein Roman im Roman

Der Leser von „Das leere Gespinst“, also des Romans im Roman, erfährt von einer anderen Dimension, in der seltsame kleine Wesen, die aus dem Maul eines toten Schafs kriechen, das Schicksal der Menschheit beeinflussen wollen. In der Welt, in die die „Little People“ eingedrungen sind, hängen zwei Monde am nächtlichen Himmel. Die „Little People“ zeichnen sich durch ihren rätselhaften Dauerkommentar (“Hoho“), die Fähigkeit zum Ausklappen ihres Körpers und einen zwielichtigen Charakter aus, und sie besitzen die Begabung, Luftfäden zu magischen Gespinsten zu verweben. So entsteht ihr Kokon, der so bedrohliche Dinge enthält wie etwa einen unfruchtbaren Doppelgänger.

MIDEAST-ISRAEL-JAPAN-LITERATURE-MURAKAMI © AFP Vergrößern Literarischer Provokateuer: Haruki Murakami

Weniger mitreißend ist Murakamis Geschlechterkampfkulisse in diesem als apokalyptische Liebesgeschichte angelegten Werk: Heldin Aomame verkörpert die kämpferische Singlefrau, die allein, chic gewandet und „cool“ ihr Leben meistert. In Bars sucht sie nach Männern mittleren Alters (Typ Sean Connery) für eine Nacht. Zuvor befragt sie diese zu Größe und Leistungsvermögen ihres Geschlechtsteils. Tengo, ihr männlicher Gegenpart, gibt den typischen Murakami-Mann, der zwar über manches Talent verfügt, jedoch von keinerlei Ambition getrieben wird. Während sich Tengo als Mathematiklehrer an einer Nachhilfeschule im müden Mittelmaß wohl fühlt (nebenbei strebt er eine schriftstellerische Laufbahn an), betätigt sich Aomame, ausgebildete Martial-Arts-Spezialistin und Fitness-Trainerin, als Rächerin im Auftrag einer distinguierten alten Dame, die die Gatten misshandelter Frauen elegant beseitigen lässt.

Einsamkeit und Angst

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
NSU-Abschlussbericht Wie kaputt ein Teil dieses Landes sein muss

Drei Bände, fast zweitausend Seiten, ein deutscher Roman: Der Thüringer Untersuchungsausschussbericht zum NSU liest sich wie ein großes literarisches Werk voller Widersprüche und Lügen. Mehr

09.09.2014, 09:05 Uhr | Feuilleton
Harry-Potter ist in Japan angekommen

Seit kurzem lockt ein Harry-Potter-Freizeitpark Besucher im japanischen Osaka in Scharen an. Fans der erfolgreichen Fantasy-Reihe können eintauchen in die Welt der Zauberer und Hexen. Mehr

18.08.2014, 16:03 Uhr | Gesellschaft
Nordasien Der ewige Hass

Chinesen und Japaner halten nichts voneinander. Die Mehrheit der Chinesen rechnet sogar mit einem Krieg. Die Vietnamesen hat noch keiner befragt. Mehr

11.09.2014, 06:18 Uhr | Wirtschaft
Totale Mondfinsternis in Nordamerika

In den Vereinigten Staaten und anderswo auf der Welt konnten sich Himmelsgucker am Dienstag über eine totale Mondfinsternis freuen. Durch den Schatten der Erde wirkte der Mond für kurze Zeit rot. Mehr

15.04.2014, 14:04 Uhr | Wissen
Gestalten-Verlag Wenn Bücher, dann Hardcover

Mit Designbüchern hat sich Gestalten einen Namen gemacht. Der soll jetzt auch an anderer Stelle glänzen. Mehr

09.09.2014, 11:39 Uhr | Stil
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 25.07.2009, 12:39 Uhr