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Neues von Haruki Murakami : Das Fernziel? Die Rettung der Welt!

  • -Aktualisiert am

Japan in Murakami-Rausch: Trotz verhaltener Kritiken verkaufte sich „1Q84” in den ersten Tagen über eine halbe Million mal Bild: AP

In seinem neuen Roman „1Q84“ erzählt Haruki Murakami eine apokalyptische Liebesgeschichte. Das umfängliche Werk erstürmte in seiner japanischen Heimat sofort die Verkaufscharts - und findet trotzdem wenig Beifall.

          Murakamis neuestes Werk trägt den Titel „1Q84“ (zu lesen: 1984) und hat im japanischen Original tausend Seiten in zwei Bänden. Hat sich die Lektüre gelohnt? Ja und nein. Nach „Kafka am Strand“ (2002) und „After Dark“ (2005), den beiden letzten Arbeiten des Meisters „geruchsloser“, sprich wenig japanisch anmutender japanischer Literatur, weist „1Q84“ einen noch deutlicher ausgeprägten Hang zum Düsteren auf. Es geht um nichts weniger als um das Ende der Welt, wie wir sie kennen - dieses wird vermutlich eingeleitet durch die Wende einst linkspolitisch engagierter Intellektueller zu staatsfeindlichen Fundamentalisten mit anarchistisch-okkulten Ambitionen. Das Imperium des Okkulten offenbart sich - nach dem Matruschka-Prinzip - in Murakamis Roman durch einen zweiten Roman mit dem Titel „Das leere Gespinst“.

          Die Idee mit dem unheimlichen Roman im Roman, der, geschrieben von Fukada Eriko, der Tochter des Gurus, ein Bestseller wird, ist nicht schlecht. So rehabilitiert Murakami nebenbei nachhaltig das Medium Buch, erstens durch die ihm in der Dichtung bescheinigte Wirkkraft und zweitens durch den Beweis, den er für die Macht des Printmediums in unserer Realität antritt, wenn „1Q84“ bereits in den ersten Tagen nach Erscheinen über eine halbe Million Mal verkauft wurde.

          Ein Roman im Roman

          Der Leser von „Das leere Gespinst“, also des Romans im Roman, erfährt von einer anderen Dimension, in der seltsame kleine Wesen, die aus dem Maul eines toten Schafs kriechen, das Schicksal der Menschheit beeinflussen wollen. In der Welt, in die die „Little People“ eingedrungen sind, hängen zwei Monde am nächtlichen Himmel. Die „Little People“ zeichnen sich durch ihren rätselhaften Dauerkommentar (“Hoho“), die Fähigkeit zum Ausklappen ihres Körpers und einen zwielichtigen Charakter aus, und sie besitzen die Begabung, Luftfäden zu magischen Gespinsten zu verweben. So entsteht ihr Kokon, der so bedrohliche Dinge enthält wie etwa einen unfruchtbaren Doppelgänger.

          Literarischer Provokateuer: Haruki Murakami

          Weniger mitreißend ist Murakamis Geschlechterkampfkulisse in diesem als apokalyptische Liebesgeschichte angelegten Werk: Heldin Aomame verkörpert die kämpferische Singlefrau, die allein, chic gewandet und „cool“ ihr Leben meistert. In Bars sucht sie nach Männern mittleren Alters (Typ Sean Connery) für eine Nacht. Zuvor befragt sie diese zu Größe und Leistungsvermögen ihres Geschlechtsteils. Tengo, ihr männlicher Gegenpart, gibt den typischen Murakami-Mann, der zwar über manches Talent verfügt, jedoch von keinerlei Ambition getrieben wird. Während sich Tengo als Mathematiklehrer an einer Nachhilfeschule im müden Mittelmaß wohl fühlt (nebenbei strebt er eine schriftstellerische Laufbahn an), betätigt sich Aomame, ausgebildete Martial-Arts-Spezialistin und Fitness-Trainerin, als Rächerin im Auftrag einer distinguierten alten Dame, die die Gatten misshandelter Frauen elegant beseitigen lässt.

          Einsamkeit und Angst

          Weil Murakami - wohl nach dem Vorbild der Terrorsekte Aum Shinrikyô - die finsteren Pläne einer neureligiösen Vereinigung beschreibt, versteht man das Werk in Japan in erster Linie als „Post-Aum-Roman“. Nicht ganz zu Unrecht beanstandete die japanische Kritik an Murakamis neuem Werk eine wertkonservative Haltung. Konservativ kann man auch die Sicht des Autors auf Aomame nennen. Sie kultiviert ihren Vaterkomplex, sehnt sich nach einem (eigenen) Phallus, bekommt schließlich eine Pistole in die Finger - und muss doch spüren, dass sie die starken Arme eines Mannes entbehrt. Das notorische Penislob des Protagonisten darf ebenfalls nicht fehlen: Tengos Exemplar wird von seiner älteren Geliebten, die im weiteren Verlauf der Geschichte auf geheimnisvolle Art verschwindet, gebührend bewundert. Zwischendurch kocht Tengo wie so mancher Murakami-Held gesunde Hausmannskost, versucht sich als Romanautor, wird Redakteur und quasi Mitverfasser des gruselig-genialen Bestsellers „Das leere Gespinst“, entdeckt die zwei Monde und bemüht sich fortan um die Rettung der Welt.

          Hauptthema von „1Q84“ ist die Einsamkeit, die Menschen in der Gegenwart empfinden, und die Angst, die aus der Vereinzelung resultiert. Tengo hat nie jemanden aufrichtig geliebt, Aomame fühlt sich isoliert. Beide praktizieren Sex nur als entspannende Leibesübung, bleiben seelisch jedoch chronisch unbefriedigt. Heilmittel gegen Entfremdung und Ängste ist selbstverständlich die Liebe zu einem Seelengefährten, den beide sehr wohl besitzen. Hier wendet Murakami einen recht sentimentalen Kunstgriff an: Aomame und Tengo, die sich in „1Q84“ nacheinander sehnen, sich aber bis zum Schluss des Werks nicht (ganz) finden, begegneten sich einst als Kinder in der Schule. Damals gab es einen unvergesslichen Moment reiner Zuneigung. Dieser Augenblick gab ihnen Hoffnung in ihrer einigermaßen trostlosen Kindheit.

          Kaltschnäuzige Kunstfertigfkeit

          Für strukturell konsequent, wenn auch ebenfalls nicht für allzu originell mag man es halten, dass Murakami das Motiv des Zweigeteiltseins bis ins Detail durchexerziert. Alles ist bipolar: zwei Texte, zwei Monde, zwei Welten; der Kapitelwechsel zwischen Aomame und Tengo; eine in zwei Fraktionen gespaltene neureligiöse Gruppe, deren Machenschaften im Zusammenhang mit den kleinen Monstern stehen; das Doppelleben der Protagonisten, zwei Töchter des charismatischen, übernatürlich begabten religiösen Führers Fukada, eine rachsüchtige alte Dame und ein fürsorglicher alter Herr; die zwei Väter Tengos. Aber eigentlich hat Murakami nichts weniger als eine Trinität im Blick, nämlich Teil drei seines Werks, denn nach dessen tausend Seiten weiß man leider immer noch nicht, ob Aomame sich mit einer Pistole das Gehirn aus dem Kopf bläst, wer Tengos wahrer Vater ist und was eigentlich die bösen „Kleinen Leute“ außer Tiermeuchelei und Doppelgängerproduktion treiben.

          Der veritable Schöpfer leerer Gespinste ist also letztlich Murakami selbst, und man kann sich nicht entscheiden, ob man ihn wegen seiner kaltschnäuzigen Kunstfertigkeit verurteilen oder bewundern soll. Die deutsche Leserschaft wird wohl frühestens im Herbst nächsten Jahres anhand der Übersetzung alle weiteren Einzelheiten erfahren.

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