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Neuerscheinungen zu Tolstoi : In allen Längen und für alle Lebenslagen

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Bild: Verlag

Er war der erste Popstar der Literaturgeschichte: Zu seinem hundertsten Todestag lässt sich Leo Tolstoi in frischen Übersetzungen und Deutungen als großer Schriftsteller der Gegenwart ganz neu erleben.

          Ich kann nicht länger in diesen Verhältnissen des Luxus leben, in denen ich bisher lebte, und tue nun das, was alte Männer in meinen Jahren für gewöhnlich tun: Sie gehen fort aus dem weltlichen Leben, um in Zurückgezogenheit und Stille ihre letzten Tage zu verbringen.“

          Als Leo N. Graf Tolstoi eilig diese Zeilen in der Nacht des 28. Oktober 1910 an seine in einem Nebenzimmer schlafende Frau schrieb, war er zweiundachtzig Jahre alt. Jahre der Konflikte lagen hinter ihm. Ein Reiseziel existierte nicht. Begleitet wurde er lediglich von seinem Hausarzt. Auf einer nahen Eisenbahnstation löste er Billetts für unterschiedliche Routen. Er wollte gen Süden, inkognito, um den häuslichen Dramen, die vor allem im Streit um die Rechte an seinen Werken zwischen seiner Frau und dem Tolstojaner Tschertkow mündeten, zu entfliehen. Längst hatte er seinen Besitz anderen übertragen, seine Werke sollten dem russischen Volk gehören. In seinen letzten Jahren zitierte er immer wieder die Legende um Alexander I., die besagte, der Zar sei nicht gestorben, sondern habe als Bettelmönch Kusmitsch noch lange und glücklich gelebt. Der einsame Mönchstod, den sich Tolstoi ersehnte, blieb ihm verwehrt.

          Der letzte Federstrich am Gesamtkunstwerk

          Wie so oft erreichte Tolstoi auch mit diesem letzten spektakulären Protest nicht das, was er intendierte. Sein Sterben wurde, wie William Nickell packend darstellt, zu einem der ersten spektakulären Medienereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts, zur symbolisch aufgeladenen Schicksalsstunde der Russen. Alle waren dem berühmten Autor und spirituellen Führer auf den Fersen: die Familie, die ihn liebte, aber nicht verstand, die Staatsmacht, die ihren Kritiker lange beobachtete, aber anzutasten nicht wagte, die orthodoxe Kirche, die den Exkommunizierten auf seinem Totenbett noch schnell in ihren Schoß zurückzuholen suchte, die ebenso getreuen wie fanatischen Tolstojaner, die sich, obwohl ihr Prophet sich nie als Mitglied ihrer Gruppe sah, als seine geistigen Erben betrachteten, und Ärzte, die jede Regung des greisen Körpers, jede Mahlzeit und jedes Klistier dokumentierten und als Bulletins an die in Massen anreisende Presse weitergaben. Die kleine Bahnstation Astapowo, auf der Tolstoi, von Fieber geplagt, seine Reise in die Einsamkeit hatte unterbrechen müssen, wurde zur Bühne eines weltweit übertragenen shakespeareschen Dramas.

          Dieser Tod ist der letzte Federstrich an dem Gesamtkunstwerk Tolstoi, dem Leben eines Welt- und Popstars, wie die Literaturgeschichte kein zweites kennt. Kaum ein anderer Zeitgenosse wurde so oft gezeichnet, fotografiert und mit dem Aufkommen des neuen Mediums gefilmt. Man kann Tolstoi auf Youtube begegnen, wie er mit wallendem Bart, der sich in zwei flockige Wolken teilt, durch den russischen Schnee stapft oder kraftvoll Baumstämme zersägt. Szenen seines Todes, seiner Aufbahrung auf seinem Gut, wo Zehntausende vor dem Sarg defilierten, sowie seiner Grablegung unter jenen Birken, wo er als Kind mit seinem Bruder spielte, sind filmisch erhalten. Online lassen sich T-Shirts, Tassen, Hausschuhe und Mützen mit seinem Konterfei und dem Aufdruck „Tolstoi ist mein Kumpel“ erstehen. Er ist ein Held der wachsenden Gemeinschaften der Vegetarier und Veganer, der Pazifisten und Reformpädagogen. Er beeinflusste Gandhi, die Kibbuzbewegung, Martin Luther King aber auch die samtenen Revolutionen von 1989. Als er starb, schrieb Erich Mühsam „Die Menschheit weint“ und traf damit zweifelsfrei den Geist der Stunde.

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