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Neuer Roman von Ingo Schulz : Tausend Prozent Zinsen? Wenn’s weiter nichts ist!

„Hoch lebe die Befriedigung notwendiger Bedürfnisse! Nieder mit dem persönlichen Egoismus, nieder mit dem Privateigentum!“ Bild: dpa

Ein Schelm, wer Echtes dabei denkt: Ingo Schulze hat mit „Peter Holtz“ den komischsten deutschen Roman dieses Herbstes geschrieben. Und den klügsten. Es erzählt ein reiner Tor von großer Geschichte.

          Um von „33 Augenblicken des Glücks“ bis zu einem ganzen glücklichen Leben zu erzählen, hat es bei Ingo Schulze 22 Jahre gedauert. Als 1995 seine erste Geschichtensammlung erschien, war sofort klar, dass da eine erzählerische Begabung zutage trat, wie man sie selten findet, und von diesen „33 Augenblicken des Glücks“ aus zog sich über „Simple Storys“ (1998) bis zu „Handy – Dreizehn Geschichten in alter Manier“ (2007) eine makellose Perlenkette an Kurzgeschichten, die umso neugieriger machten auf den Romancier Ingo Schulze, der 2005 im Alter von zweiundvierzig Jahren mit „Neue Leben“ debütieren sollte, aber dann trotz des ambitionierten Nachfolgers „Adam und Evelyn“ (2008) nie dieselbe ungeteilte Begeisterung bei Publikum und Kritik fand wie mit seinen Erzählungsbänden. Mit dem heute erscheinenden „Peter Holtz“ wird sich das ändern.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dieser Roman setzt 1974 ein und 1998 aus, umfasst also ein rundes Vierteljahrhundert und soll doch ein glückliches Leben vorstellen: das des Titelhelden, „erzählt von ihm selbst“, wie der Untertitel weiß. Als diese Ich-Erzählung anhebt, ist Peter beinahe zwölf Jahre alt. Geboren am 14. Juli, dem Jahrestag des Sturms auf die Bastille in Paris, ist er ganz Zögling der Revolution, allerdings der sozialistischen, deren Parolen der junge DDR-Bürger perfekt herunterbeten kann: „Hoch lebe die Befriedigung notwendiger Bedürfnisse! Nieder mit dem persönlichen Egoismus, nieder mit dem Privateigentum“, weiß er zu skandieren, wenn er zu Beginn des Buchs die Begleichung der Zeche in einem Ausflugslokal verweigert. Peter ist zwar Legastheniker, aber sein Mundwerk sondert geschliffene Rede ab: „Er frönt ständig seinem Geschlechtstrieb“, kritisiert er den Direktor des Kinderheims, in dem er lebt, „er schließt sich mit allen Frauen ein, deren er habhaft werden kann.“ Ein solch wonniges Bürschchen hat es leicht, Zieheltern zu finden: noch im Lokal nimmt sich das kinderlose Ehepaar Grohmann seiner an. „Was für ein ungewöhnlicher Junge!“

          Im Sinne des Vorbilds Simplicissimus

          Diese letzte Aussage ist nicht Teil der Romanhandlung, sondern stammt aus einer der Kapitelzusammenfassungen, die in barocker Manier à la Grimmelshausen jeden neuen Abschnitt des Buchs einleiten; insgesamt sind es 109 Kapitel, sortiert zu zehn Büchern, die jeweils einem einzelnen Jahr gewidmet sind – mit einer Ausnahme: Das Umbruchsjahr 1990, in dem aus zwei deutschen Staaten einer geworden ist, bekommt von Schulze zwei Bücher zugestanden. Zu viel passiert da im glücklichen Leben des Peter Holtz.

          Der ist mittlerweile Maurer geworden, nachdem gleich mehrere alternative Karrieren im Ansatz steckengeblieben sind. Die als Rocksänger durch eine Vortragsweise, die der Staatsmacht als despektierlich erscheint, und die als Stasi-Spitzel (unter dem selbstgewählten IM-Namen Pawel Kortschagin, des Protagonisten aus Ostrowskis Agitprop-Roman „Wie der Stahl gehärtet wurde“) durch Dekonspiration: Seine Freunde seien begeistert, erzählt er seinen darob entgeisterten Führungsoffizieren, „und als ich ihnen dann sagte, dass sich zwei Experten von der Partei bei mir gemeldet haben, die uns unterstützen wollten, da wollten sie alles wissen, wie wir uns kennengelernt haben und wie das gehen soll“. So springt Peter Holtz der Stasi wieder von der Schippe.

          Schriftsteller Ingo Schulze
          Schriftsteller Ingo Schulze : Bild: dpa

          Das Wunderbare an Schulzes Figur ist, dass ihm all dies ungewollt widerfährt, denn niemand könnte überzeugter sein vom DDR-System als Peter Holtz. Doch seine Ehrlichkeit und die konsequente Befolgung aller angeblichen Ideale des Sozialismus sind in der giftigen Atmosphäre des auf Bespitzelung und Versteckspiel ausgelegten Staats ein wirksames Antidot. Holtz bewegt sich durch die DDR als reiner Tor, als Schelm ganz im Sinne des literarischen Vorbilds Simplicius Simplicissimus, der gar nicht merkt, wie er sich durch Zeiten laviert, die den meisten zum Verhängnis werden.

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