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Neue Türme zu Babel

Der Mentor spricht: Artikel und Essays von Mario Vargas Llosa

Mario Vargas Llosa hat neben seinen rund zwanzig Romanen regelmäßig Aufsätze und kurze Essays in Zeitungen veröffentlicht. Seine in den drei Bänden unter dem Titel "Contra viento y marea" (Gegen Wind und Wetter) gesammelten Artikel hatten, vor allem in Lateinamerika, beachtlichen Einfluß. Als der Schriftsteller dann 1990 für die Präsidentschaft Perus kandidierte und den ersten Wahlgang gewann, war er längst zu einer über die spanischsprachigen Länder hinaus bekannten politischen Figur geworden. Die vierzehntägigen Artikel von Vargas Llosa in der Madrider Tageszeitung "El País" werden in zahlreichen hispanoamerikanischen Ländern nachgedruckt, Übersetzungen auch in großen europäischen Zeitungen. Eine Auswahl dieser Aufsätze ist vor zwei Jahren unter dem Titel "El lenguaje de la pasión" auf spanisch erschienen und liegt jetzt in deutscher Übersetzung vor. Die deutsche Ausgabe respektiert die vom Autor selbst getroffene Auswahl seiner Texte aus den Jahren zwischen 1992 und 2000. Man hätte darunter gern seinen schönen Essay über Berlin, "Ein neuer Turm zu Babel", gesehen, auch einige aufschlußreiche Aufsätze zu politischen Fragen Südamerikas, jene etwa über Chile und Peru. Vielleicht werden diese in einen zweiten Band aufgenommen.

Mario Vargas Llosa hatte für das spanische Original Aufsätze über grundsätzliche Themen der Politik, über Kunst und Literatur bevorzugt, wohl in der Annahme, diese würden leichter die Zeiten ihrer aktuellen Anlässe überdauern. Das muß nicht immer so sein, wie der damals für die spanischsprachige Welt sicher sehr informative, inzwischen aber doch überholte Aufsatz zum Kruzifixstreit in bayerischen Schulen zeigt. Manche Texte gehen von der Lektüre eines Buches aus, beginnen wie eine Rezension und werden dann mit Erlebnissen und Reflexionen des Autors angereichert oder, wie in dem Text über Leben und Leiden Frida Kahlos, mit unangenehmen, manchmal auch abstoßenden Details ausgemalt.

Im Beitrag "Der Tod des großen Schriftstellers" beschäftigt sich Vargas Llosa mit seiner eigenen Rolle. Obwohl er die Meinung vertritt, daß es die Figur des "geistigen Mentors", wie sie einst Voltaire, Zola, Gide oder Sartre für ihre Zeitgenossen verkörperten, in unserer Gesellschaft nicht mehr geben kann, wird ihm selbst von vielen seiner Leser, vor allem in den iberoamerikanischen Ländern, diese Rolle, die auch die Funktion eines öffentlichen Gewissens beinhaltet, zugesprochen. Ähnlich wie im Fall des mexikanischen Dichters Octavio Paz werden die Ideen und Stellungnahmen von Vargas Llosa von zahlreichen Menschen übernommen, sogar seine Lebensgewohnheiten und Gesten dienen manchen noch als Verhaltensmuster. Wenn es eine öffentliche Persönlichkeit mit kontinuierlichem Einfluß auf Politiker, Intellektuelle ebenso wie auf einfache Leser in den spanischsprachigen Teilen der Welt - und wahrscheinlich nicht nur in diesen - gibt, dann ist es Vargas Llosa. Zumindest werden dessen gewöhnlich sehr klarsichtige, manchmal auch einseitige Aussagen und Urteile mehr als die eines jeden anderen zitiert. Vargas Llosa trägt seine eigenen Meinungen in einer häufig brillanten, stets eingängigen Sprache vor. Sein engagierter Ton erinnert oftmals an die Zeit, in der er sich als Politiker bemühte, die peruanische Bevölkerung zu überzeugen. In ihrer Argumentation behalten seine Essays allerdings immer eine rationale Durchsichtigkeit.

Besonders gut gelingen Vargas Llosa die porträtierenden Aufsätze, etwa über Octavio Paz, Nelson Mandela oder die als Mumie gefundene "Schöne Juanita", eine in der Inkazeit als junges Mädchen geopferte Indianerin. In "Italien ist nicht Bolivien" hält Mario Vargas Llosa eine höchst berechtigte Verteidigungsrede für die südamerikanischen Länder gegen die Beleidigungen durch den Pressesprecher des italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi. Das korrupte Italien habe keinerlei Recht, auf das neue demokratische Bolivien herabzuschauen. Im Eifer des Gefechts unterlaufen Vargas Llosa jedoch einige Irrtümer: Paz Estenssoro wurde 1985 nicht zum zweiten, sondern zum vierten Mal zum Präsidenten Boliviens gewählt; sein alter Kampfgefährte Siles Zuazo war auch kein "kläglicher Demagoge", und Paz Estenssoro wiederum verbrachte seine letzten Lebensjahre keineswegs in "tiefster Armut". Víctor Paz Estenssoro galt nicht als korrupt, verfügte aber dennoch im hohen Alter über ausreichende Mittel. Er starb im Juni vorigen Jahres und hinterließ ein Erbe, das nicht so gering sein kann, sonst würden sich sein Sohn Ramiro und seine Tochter Moira jetzt nicht so heftig darum streiten.

Von Berlin aus erinnert sich Mario Vargas Llosa im Jahre 1992 an seine zahlreichen schon verstorbenen Jugendfreunde unter den Literaten und Künstlern aus Barcelona. Bei den bewegenden Worten über den Lyriker und Philosophen Gabriel Ferrater unterläuft dem erfahrenen Übersetzer Ulrich Kunzmann ein überraschender Fehler. Eine "Bar del Colón", eine "Bar des Kolumbus", in der Ferrater sich zu Tode getrunken haben soll, kann es schon aus grammatischen Gründen nicht geben; gemeint ist natürlich die Bar des Colón, die des berühmten Hotels Colón gegenüber der Kathedrale.

WALTER HAUBRICH

Mario Vargas Llosa: "Die Sprache der Leidenschaft". Aus dem Spanischen übersetzt von Ulrich Kunzmann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002. 308 S., geb., 24,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.04.2003, Nr. 84 / Seite 36

 
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Veröffentlicht: 09.04.2003, 12:00 Uhr