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Neue Hölderlin-Ausgabe Was bleibet aber, stiftet der Dichter

Nach dreiunddreißig Jahren ist die großangelegte Frankfurter Hölderlin-Ausgabe vollendet. Sie lehrt uns, den genialen Dichter ganz neu zu sehen. Und sie bringt einen Modernisierungsschub für die Editionswissenschaft.

© picture-alliance/ dpa Vergrößern Der ekstatische Dichter: Friedrich Hölderlin

Anfang und Ende haben nicht getäuscht. Im Gegenteil, was für die Öffentlichkeit am 6. August 1975 so spektakulär wie absichtsvoll provokativ begann, findet nun einen eher stillen, gerade deshalb besonders triumphalen Abschluss. Seit dem vergangenen Freitag wird der Schlussband der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe an die Buchhandlungen ausgeliefert und an die Subskribenten verschickt. Und mit diesem zwanzigsten Band, der neben manch nützlichem Register eine sogenannte „chronologisch-integrale“ Edition sämtlicher Werke und Korrespondenzen des Dichters vorlegt, vollendet sich ein Unterfangen, das einst einer Ausfahrt im Sturm gleichkam, auf hoher See nicht selten dem Untergang geweiht schien, jetzt aber im Hafen des Gelingens sicher vor Anker geht. Dass die Fahrt dreiunddreißig Jahre währte und damit die heilige Dreizahl gleich doppelt erfüllt, hätte der Dichter Friedrich Hölderlin wohl ein „fernhintreffendes“ Zeichen genannt.

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Der 1939 geborene Herausgeber Dietrich Eberhard Sattler schloss weder die Schule noch die Ausbildung zum Buchgrafiker an der Werkkunstschule in Kassel ab, fasste stattdessen „unbeirrbar“ ein „künstlerisches Leben“ ins Auge und beschäftigte sich von 1959 an kontinuierlich mit Hölderlins Werk. Er studierte es in Friedrich Beißners „Großer Stuttgarter Ausgabe“, jener 1943 begonnenen, als Monument geltenden Edition. Sich und seine junge Familie ernährte Sattler, der seine Vornamen zum Kunstzeichen D.E. verkürzte, etwa als Werbeleiter bei einem VW-Händler in Kassel oder bei der kurhessischen Molkereizentrale.

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Texte als Bilder verstehen

Als Sattler, ein Autodidakt reinsten Wassers, 1972 in Stuttgart erstmals vor den originalen Manuskripten des Dichters steht, stellt er fest, dass er dessen deutsche Schrift gar nicht entziffern kann. Er lernt auch dies. Zugleich aber besitzt er ein grafisches Talent, das ihn jedem Philologen überlegen macht: Er kann sehen, er kann sichtbar machen - und auf diese Weise andere Menschen zum Selbstsehen verführen. Es sind just diese Eigenschaften, die ihn jetzt binnen weniger Jahre vom Außenseiter zum Erneuerer der deutschen Editionsphilologie werden lassen. Misstrauisch geworden, weil er manche von Hölderlins Textsegmenten anders entziffert als der große Beißner, versucht er seine Funde zunächst den etablierten Institutionen, etwa der Hölderlin-Gesellschaft, nahezubringen. Natürlich interessiert sich niemand für ihn. Aber er hat seine wichtigste Entdeckung bereits gemacht: Gerade die Handschriften des späten Hölderlin, zumal jene der Jahre 1804 bis 1806, wollen nicht nur lesend dechiffriert, sondern vor allem auch als Bilder wahrgenommen und verstanden sein.

Der späte Hölderlin ist ein Mann von Mitte dreißig. Zwischen 1804 und 1806 überarbeitet er im sogenannten „Homburger Folioheft“ stets aufs Neue bereits früher entstandene Gedichte, etwa die Elegien „Brod und Wein“ oder „Stutgard“, und entwirft Gesänge wie „Patmos“ oder „Die Titanen“. Nichts davon wird fertig, mehr noch: Hölderlin häuft Bruchstück auf Bruchstück, entscheidet sich aber nicht mehr, streicht deshalb auch nichts mehr aus. Was bleibt, sind einige der kostbarsten Verse unserer Literatur; was bleibt, ist eine so gewaltige wie ungezähmte Wörterwelt, Dichten als Prozess.

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Veröffentlicht: 08.09.2008, 14:46 Uhr