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Nebensaison

 ·  Keiner verläßt die Insel: Ein Krimi des Kroaten Zoran Feric

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Ein Krimi funktioniert am besten innerhalb eines geschlossenen Systems. Bis zur Aufklärung gilt die Devise: Keiner verläßt den Raum! Für ihre modellbildenden Whodunnits bediente sich Agatha Christi gerne eines abgelegenen Landhauses im englischen Nebel; Zoran Feric wählt für seinen Roman die Insel Rab vor der kroatischen Küste. Dorthin kehrt der Erzähler, der Pathologe Fero, nach vielen Jahren zurück, um der Beerdigung der Tochter eines Jugendfreundes beizuwohnen.

Feric listet gleich zu Beginn tabellarisch die wichtigsten der vielen verschrobenen Charaktere mit einer kurzen Beschreibung auf, als entstammten sie einer Balkan-Version von "Twin Peaks". Doch wo David Lynchs Serie ins Esoterische abdriftet, da steht bei Feric das allzu Reale. Denn so weit liegt die Insel nicht im Meer, daß vom Festland nicht mehr der Geschützdonner zu hören wäre. Es herrscht Bürgerkrieg im zerbrochenen Jugoslawien Anfang der neunziger Jahre, und das Friedensidyll der Insel, auf der sich die Journalisten im Café von der Front erholen, ist äußerst brüchig. Schon kurz nach seiner Ankunft bittet ihn sein alter Freund Mungos, mittlerweile Polizeichef der Insel, um eine pathologische Auskunft und zeigt ihm die übel zugerichtete Leiche der rumänischen Transsexuellen Marillena. Ihren märchenhaften Spitznamen verdankte sie dem Tripper, dessen Brennen sie als Prostituierte großzügig über die Stadt verteilte; nun ist sie vielleicht von einem unbekannten Tier angefallen, vielleicht aber auch ermordet worden.

Nicht das einzige merkwürdige Vorkommnis: Man berichtet von Geistererscheinungen, ein Monster soll sein Unwesen treiben, und jemand gräbt die Leiche des kleinen Mädchens aus. Im Kloster treffen grimmige Priester ein, bewaffnet mit Kameras und einem Landrover. Ist der Teufel nach Rab beziehungsweise in die Welt gekommen? Geschickt lenkt Feric die Erwartung des Lesers in Richtung Mystery-Thriller, um ihn dann wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen: Pater Marijan reagiert auf die Frage nach dem Teufel, indem er dem Erzähler Zeitungsbilder vom täglichen Kriegsgrauen zeigt.

Der Roman ist eine Geschichte aus der Zwischenzeit: Das gilt für die Insel in der Nebensaison, wenn die Touristen fort sind und der Nebel kommt, und es gilt für das Land im blutigen Übergang zwischen Diktatur und demokratischem Neuanfang. Zoran Feric, der bereits zwei Erzählbände veröffentlicht hat, gelingt das Kunststück, einen spannenden Krimi und gleichzeitig ein subtiles Porträt seines Landes zu schreiben, das sich zur Parabel über das Böse und die Liebe weitet.

SEBASTIAN DOMSCH

Zoran Feric: "Der Tod des Mädchens mit den Schwefelhölzchen". Roman. Aus dem Kroatischen übersetzt von Klaus Detlef Olof. Folio Verlag, Wien 2003. 204 S., geb., 19,50 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.03.2004, Nr. 51 / Seite 34
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