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: Nebel ist Leben, nur rückwärts und rumgetränkt

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Der wie eine alte Schallplatte in eine A- und eine B-Seite eingeteilte Roman ist eine von Hans-Joachim Hartstein glänzend übersetzte melancholische Zeitreise in die vorrevolutionären Tage Havannas, in denen das Nachtleben den Rhythmus des Lebens vorgab. Dabei verschließt der "eingefleischte Nostalgiker" Conde nie die Augen vor dem heutigen Verfall Havannas, der sich im Altstadtviertel Atarés nicht nur auf den Zustand der Häuser beschränkt, deren Farbe im gleichen Maß verblasst, wie die Zahl der Riegel und Schlösser zunimmt, mit denen die Bewohner ihre spärliche Habe zu schützen versuchen. "Gewalt als Ventil ständiger Frustrationen war hier die übliche Währung, mit der Schulden und Beleidigungen beglichen wurden." Für dieses von Drogendealern, Prostituierten und organisierten Kriminellen geprägte Viertel braucht Conde, der sein Havanna wie kein Zweiter kennt, inzwischen einen Stadtplan, und genau hier wird er bei seiner Suche nach dem Geheimnis der Bolerosängerin derart vermöbelt, dass er im Fiebertraum seinem Heiligen, dem - wie Violeta del Río - vor einem halben Jahrhundert verstummten Salinger, begegnet.

Der trägt eine orangefarbene Tunika, deutliche Zeichen der Erleuchtung und antwortet auf Paduras Frage, wie er ihn nennen soll, mit der Anspielung auf Melvilles "Moby-Dick": "Nenn mich J. D." Derart vertraut angesprochen, fragt ihn Conde ungeniert: "Stimmt es, dass du in all diesen Jahren nichts geschrieben hast?" Woraufhin der Meister schweigt und sich wieder in Dunkelheit verwandelt. Spätestens in dieser Szene gibt sich Padura als studierter Literaturwissenschaftler zu erkennen. Und so bildet der neue Roman zusammen mit "Adiós Hemingway" und dem bisher nicht übersetzten Roman "La novela de mi vida" (2002), in dem Padura sich mit dem Nationaldichter José María Heredia befasst, eine Trilogie der Hommagen an große literarische Vorbilder, bei der er kräftig den langsam aus der Mode kommenden Medien wie Büchern und Schallplatten huldigt.

"Bolero, Bars und weise Bücher" wäre ein ebenso passender Titel für diesen Kriminalroman gewesen, der vielleicht ein paar Themen zu viel auf einmal abzuhandeln versucht, was aber nicht einmal zu Langeweile führt. Die kleine Mogelei, mit welcher der Autor seinen lebensklugen Helden als Ermittler reanimiert und noch einmal mit seiner alten Wirkungsstätte in Berührung bringt, lässt man sich als Leser gern gefallen. Auf diese Weise haben wir erneut teil an den vertrauten rumgetränkten Runden mit seinen Freunden - dem dünnen Carlos, dem Hasenzahn und dem Roten -, für die Carlos' Mutter Josefina mit erzwungenem Einfallsreichtum kulinarische Wunderwerke zaubert, während sich die alternden Jungs beim Abspielen der größten Hits von Creedance Clearwater Revival den schönen Momenten der Vergangenheit hingeben.

Zum guten Schluss sehen wir den Junggesellen Conde, wie er seine Dauerfreundin Tamara glücklich macht - mit dem Band "Niagara" von Heredia, Edition Toluca, 1832, aus der Bibliothek der Geschwister Ferrero. Dabei fließen dem Büchernarr und Noch-immer-Möchtegern-Schriftsteller Mario Conde tatsächlich ein paar Tränen über die Wange. Gut möglich, dass ihn diesmal die echte Liebe erwischt hat.

REINHARD HELLING.

Leonardo Padura: "Der Nebel von gestern". Roman. Aus dem kubanischen Spanisch übersetzt von Hans-Joachim Hartstein. Unionsverlag, Zürich 2008. 366 S., geb., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2008, Nr. 237 / Seite 38

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