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: Naturbursche schlägt Naturfreund

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Das Scheitern der guten Absichten dreier Protagonisten dieses Romans ist bereits seinen Metaphern und Allegorien eingeschrieben. Die junge Paulette Regina Starr, von ihren Mitkommunarden nur "Star" genannt, durchstreift das Terrain von Drop City, einer kalifornischen Hippiesiedlung, und läßt ihre ...

          Das Scheitern der guten Absichten dreier Protagonisten dieses Romans ist bereits seinen Metaphern und Allegorien eingeschrieben. Die junge Paulette Regina Starr, von ihren Mitkommunarden nur "Star" genannt, durchstreift das Terrain von Drop City, einer kalifornischen Hippiesiedlung, und läßt ihre Blicke an "der grauen Straße des Baumstamms entlang"-wandern, hin zu einem Ast, "der so dick war wie die Wasserrohre in der Stadtrandsiedlung". Wenn der einundvierzigjährige Marco Connell, der Stars Liebhaber werden soll, sich Drop City nähert, rasen "die Bäume vorbei wie Tiefflieger". Und Norman L. Sender, Gründer der Kommune, verkündet seinen Gesinnungsgenossen: "Wir werden die Natur essen, weil das ein riesiger Selbstbedienungsladen ist." Wie soll man sich aber einer Natur anvertrauen, die nur noch in Termini des technischen Fortschritts beschreibbar ist?

          Solche geradezu hinterhältigen Formulierungen machen die besondere Stärke des neuen Romans von T. Coraghessan Boyle aus, der lediglich ein halbes Jahr nach seiner amerikanischen Publikation bereits auf deutsch vorliegt. Eine weitere Stärke dieses Buches besteht darin, daß die dazu erforderliche Eile Boyles langjährigen Übersetzer Werner Richter nicht verleitet hat, weniger Sorgfalt walten zu lassen. Der Text stellt hohe Anforderungen an die Übertragung, denn er lebt nicht unerheblich vom Jargon des Jahrs 1970, in dem die Handlung angesiedelt ist, von den Parolen Timothy Learys vor allem, dessen "Turn on, tune in, drop out" zum Leitmotiv einer ganzen Generation wurde, die vom Engagement ihres Landes im Vietnam-Krieg und dessen bedingungslosem Bewegungs- und Konsumrausch so enttäuscht wurde, daß sie ihre Zuflucht zu Drogen, Rockmusik und freier Liebe nahm. Diese Rauschmittel versprachen Alternativen, die das bürgerliche Leben, die "Plastikwelt", nicht mehr bereitzuhalten schien. Die entsprechenden Passagen hat Richter mit großer Einfühlsamkeit ins Deutsche gebracht; auf die Originalslogans hat er bemerkenswerterweise verzichtet, obwohl fast jeder sie kennen dürfte.

          Ziel der drop outs, der Aussteiger, waren damals bevorzugt die Landkommunen. Im fruchtbaren Klima Kaliforniens stellt das Überleben für Star und Marco kein Problem dar: Mutter Natur bietet dem Kundigen Nahrung in Hülle und Fülle. Und selbst für den Abwasch sorgt das sanfte Naturgesetz: "Am nächsten Tag sind sowieso die Ameisen, die Vögel und Fliegen und sonstwas drüber hergefallen", erklärt Ronnie Sommers, mit dem Star von zu Hause in Peterskill, New York, ausgerissen ist. "Die Sonne. Der Regen. Die Natur regelt das schon."

          Genau dieses Grundvertrauen erweist sich als Problem, denn Drop City stellt keine eigenen Regeln mehr auf. Wer arbeiten möchte, mag es ruhig tun, doch die gemeinschaftlichen Essen stehen auch den Faulenzern zu. Kein Wunder, daß sich alsbald eine ganze Horde von Schmarotzern in der Kommune einfindet, und am Wochenende fallen zusätzlich die Touristen aus San Francisco ein, die sich für ein paar Tage als Aussteiger gerieren möchten.

          All dies beobachtet Boyle mit den Augen von Star und deren in gegenseitiger Eifersucht erstarrten Begleitern Marco und Ronnie. Diese beiden repräsentieren jeweils einen Typus des Aussteigers: Marco den Philanthropen, Ronnie, der sich Pan nennen läßt, den Hedonisten. Und obwohl die Gegensätze so klar sind, fällt Star die Entscheidung zwischen den beiden Männern schwer. Boyles erzählerische Meisterschaft besteht darin, keinen Schwerpunkt auf einzelne Blickwinkel zu legen. Wie ein geschickter Puppenspieler vermag er es, alle seine Figuren zugleich zu bewegen.

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