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Nathaniel Hawthorne: „Zwanzig Tage ...“ und „Das alte Pfarrhaus“ : Paradiesäpfel aus Neuengland

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Bild: Verlag

Zwei kleine amerikanische Schätze sind nun endlich auch bei uns gehoben: Der große Nathaniel Hawthorne stöbert im puritanischen Pfarrhaus und übt sich als alleinerziehender Vater.

          Doch, es gibt sie noch, die etwas anderen Bücher, die sich leise an ihre Leser heranpirschen, um ihnen ein paar Stunden ungetrübten Lektüreglücks zu schenken. In dieser Saison gelingt dies beispielsweise dem als Melancholiker der menschlichen Abgründe verdächtigen Nathaniel Hawthorne gleich mit zwei sehr schlanken, höchst humanen, dabei recht unterschiedlichen Texten. Es sind späte, gut übersetzte und liebevoll eingeführte Überraschungsgeschenke vom Autor des „Scharlachroten Buchstabens“ an die deutschen Leser.

          Sie entstanden um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, in jener heroischen Jugendzeit der amerikanischen Literatur, als sich in Boston und Umgebung die schöpferischen Geister des neuen Aufbruchs in loser Formation zusammenfanden: darunter Emerson und Thoreau, Hawthorne und Melville. Es sind kostbare Bruchstücke einer Autobiographie, die freilich mehr von Eigensinn als von Gruppengeist zeugt: auf Brook Farm, einer Art philosophisch-sozialem Kibbuz unter der Ägide Emersons, hatte Hawthorne es nur ein halbes Jahr ausgehalten; schuld war das ewige Gerede, die Knochenarbeit und die fehlende Privatsphäre.

          Die reine Idylle

          Ein beschaulicheres Refugium fand er in dem Pfarrhaus (auf gut Presbyterianisch „Manse“ genannt) von Concord, einer Kleinstadt unweit von Boston. Emersons Großvater hatte es als Ortsgeistlicher erbaut, und dem Enkel war ebendort, in einer „allerreizendsten kleinen Studierstubenecke“, sein pantheistisches Glaubensbekenntnis in Gestalt des berühmten Essays „Natur“ aus der Feder geflossen. Hawthorne lebte darin nach der Nervenprobe von Brook Farm, frischverheiratet mit seiner geliebten Sophia, drei glückliche Jahre lang, die mit dem Auszug der Familie wegen Mietschulden endeten. Rückblickend und als Einleitung zu einer 1846 erschienenen Erzählsammlung schrieb er die reizvolle Skizze „The Old Manse“. Der als Romanautor nicht ganz unbekannte Karl-Heinz Ott hat sie übersetzt und herausgegeben.

          Hawthorne liebte dieses Haus, aber die schwärmerische Perspektive Emersons, der überall assyrische Morgenröten und zyprische Sonnenuntergänge sah, war ihm fremd. Gerade auf der Studierstube, dem innersten Rückzugsort des Schriftstellers, lagen einige Schatten der Vergangenheit; und nicht alle ließen sich so leicht vertreiben wie die grimmigen Porträts der puritanischen Geistlichen, die aussahen, als hätte die rußige Wildheit des Teufels, mit dem sie ständig ringen mussten, auf sie abgefärbt – die wurden kurzerhand durch eine Madonna Raffaels und Ansichten vom Comer See ersetzt. Aber war der Blick aus dem Fenster auf die verträumte Flusslandschaft mit Brücke nicht die reine Idylle? Genau durch dieses Fenster und an dieser Brücke hatte der einstige Pfarrherr das erste Gefecht des Unabhängigkeitskrieges aus nächster Nähe erlebt. Dem Nachmieter stand die blutige Szene sogleich lebhaft vor Augen.

          Nur die hübschen Familienporträts fehlen

          Bei anhaltendem Regenwetter durchstöberte der passionierte Bücherwurm auf der Suche nach dem geistigen Schatz seiner Vorgänger ihre im Speicher entsorgten theologischen Wälzer; doch die Fahndung nach dem lebendigen Geist blieb vergeblich. Das puritanische Erbe erwies sich als modrig, „Gedanken schimmeln“. Solch geringe Haltbarkeit geistiger Produkte hat, zumal für Autoren, etwas Demütigendes. Aber auch die Schwarmgeister und Nachtvögel, die Emersons Licht des neuen Denkens am anderen Dorfende anlockte, wurden mit Skepsis betrachtet. Der verborgene Schatz schien anderswo zu liegen: vielleicht in den unscheinbaren Funden aus einem uralten Indianercamp, die Freund Thoreau gelegentlich ausbuddelte, oder im Himmelsglanz, gespiegelt von einem Fluss, dessen Zauber sich Hawthorne rückhaltlos hingab, und sicherlich im leuchtenden Apfelgold des unerschöpflichen Obstgartens mit seinen Früchten, die „für meinen unorthodoxen Geschmack allergrößte Ähnlichkeit mit denen besitzen müssen, die im Garten Eden wuchsen“. Aber Eden ist endlich. „Im Märchenland misst man die Zeit nicht“, das tun nur die anderen draußen. Handwerker rückten an, dem Hort der Stille drohte gründliche Renovierung, und aus dem Pfarrhaus ging es, zum schnöden Geldverdienen, ab in ein Zollhaus.

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