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Naoki Inose und Hiroaki Sato: Persona : War sein Leben Fiktion?

  • -Aktualisiert am

Bild: Stone Bridge Press

Exzentrik auf die Spitze getrieben: Zwei japanische Autoren publizieren eine amerikanische Biographie des Schriftsteller-Enfant-terribles Yukio Mishima.

          Schillernder kann ein Leben kaum sein: ein berühmter Schriftsteller, als führender Autor seiner Zeit anerkannt, daneben mit kommerzieller Literatur erfolgreich, Kosmopolit, extrem belesen, glamouröser Gastgeber, in allen Medien seiner Zeit präsent mit Auftritten als Filmdarsteller, Sänger, Dirigent und Fotomodell, Regisseur und Hauptdarsteller in der Verfilmung eines eigenen Werks. Er war Weltreisender und Nobelpreiskandidat, selbstironischer und witziger Dialogpartner in fast vierhundert aufgezeichneten Gesprächen und Interviews, der international bekannteste Japaner seiner Zeit. Und ein als Muttersöhnchen und Homosexueller verschriener Ehemann und Vater zweier Kinder, der sich als unglücklichen Überlebenden des Zweiten Weltkriegs bezeichnete, Materialismus und Kulturverlust geißelte, das Kaisertum wieder zu seinem Recht kommen lassen wollte, eine Privatarmee gründete und in einem spektakulären Akt der Selbstentleibung nach Samurai-Art am 25. November 1970 aus dem Leben schied. Die Rede ist von Yukio Mishima. Die einen verdammen ihn in ideologiekritischer Manier, die anderen verehren ihn als souveränen Selbstdarsteller seiner Lüste und eines ungehemmten Ästhetizismus.

          Über den Autor von 34 Romanen, mehr als 170 Erzählungen, fast siebzig Theaterstücken, die meisten schon zu seinen Lebzeiten aufgeführt, sechshundert Gedichten und unzähligen Essays, Rezensionen und journalistischen Texten, sind bereits Tausende von Publikationen verfasst worden, wie uns die jüngste, 2009 erschienene Bibliographie von Motoi Yamaguchi vorführt, nur wenig davon ist allerdings in westlichen Sprachen erschienen. Die Biographien seines Übersetzers John Nathan und des britischen Journalisten Henry Scott-Stokes, die auch ins Deutsche übersetzt wurde, waren erste Versuche, die Neugier auf dieses außergewöhnliche Leben zu befriedigen, wobei jedoch weder der Schriftsteller noch der Mensch Mishima nachvollziehbare Konturen gewann. Unter zugespitzter Perspektive versuchten etliche japanische und westliche Künstler, das Rätsel Mishima zu entschlüsseln, darunter Marguerite Yourcenar mit ihrem Essay „Mishima oder die Vision der Leere“ und Paul Schrader mit seinem vierteiligen, von Francis Ford Coppola und George Lucas koproduzierten Film-Essay aus dem Jahre 1985.

          Als hätte ihm seine Ehefrau nichts bedeutet

          Nun liegt der jüngste Versuch auf Englisch vor: eine Mishima-Biographie namens „Persona“, verfasst von Naoki Inose, ins Englische gebracht und wesentlich erweitert von Hiroaki Saito, einem in New York ansässigen Übersetzer und Publizisten. Das ursprünglich nur 400 Seiten zählende kleinformatige japanische Buch von 1995 ist in der englischen Fassung zu einem über 850 Seiten umfassenden Werk geworden.

          Inose und Sato bemühen sich, in 31 Kapiteln Mishimas familiäre Hintergründe und seinen Werdegang im Kontext der Nachkriegsgeschichte nachzuzeichnen. Besonderes Augenmerk gilt der Familiengeschichte von Mishimas Eltern mit der Verschmelzung von bäuerlichen, bürgerlichen und aristokratischen Elementen, ausführlich werden die Lehrjahre des 1925 geborenen jungen Dichters auf dem Gymnasium und als angehender Literat in den kargen Kriegsend- und Nachkriegsjahren bis zu ersten Höhenflügen und Auslandsreisen in den Fünfzigern geschildert, der Widerstand seines Vaters gegen die Schriftstellerei als brotlose Kunst, die kurze Episode als Beamter im Finanzministerium, all die für Karriere und Ruf wichtigen Begegnungen mit prominenten Autoren. Das geht so weiter bis in die sechziger Jahre.

          Mishimas Heirat wird ausführlich mit allen Vorbereitungen ausgebreitet. Das ist die einzige Episode, in der seine Ehefrau Yoko in Erscheinung tritt, ansonsten bildet sie eine unerklärliche Leerstelle in der Biographie, obgleich sie ihren Mann auf seinen Reisen begleitete und ihn auch sonst unterstützte: als Managerin eines großbürgerlichen Haushalts, Mutter seiner Kinder und diskrete Wahrerin seines Rufs. Es ist zwar bekannt, dass Yoko, die 1995 verstarb, auch nach Mishimas Tod im Gegensatz zu anderen Familienangehörigen nie von sich aus Einzelheiten über ihr Familienleben oder das Verhältnis zu ihrem Mann preisgegeben hat, doch erstaunt es, dass die beiden Biographen, die selbst die Hochzeitsgäste einzeln charakterisieren und in den Index aufnehmen, Yoko derart konsequent ignorieren, als hätte sie keine Bedeutung für sein Leben gehabt.

          Ghostwriter für einen Nobelpreisträger

          Staunenswert erscheinen Mishimas ungeheure Belesenheit und die Häufigkeit, mit der gerade im Frühwerk deutsche Wörter und literarische Reminiszenzen einfließen. Einem seiner frühesten Romane, dem 1949 erschienenen „Geständnis einer Maske“, verpasst er im ersten Manuskript den deutschen Nebentitel „Das sonderbare Geschlechtsleben eines Mannes“. Am Beispiel der Behandlung dieses Buchs wird allerdings auch ein Problem der Biographie sichtbar: Die Verfasser greifen immer wieder auf Mishimas fiktionales Werk zur Erklärung seiner Biographie zurück, hier etwa als Beleg für eine homophile Neigung. An anderer Stelle wird seine Literatur als Ausfluss seiner persönlichen Problematik gedeutet. Wenig erfahren wir hingegen über die besonderen, unverwechselbaren Qualitäten seines Schreibens im Vergleich mit zeitgenössischen Autoren oder über die Ausstrahlung seines Schaffens.

          Wenn es aber nicht um das eigentlich Literarische an Mishima ging, worum dann? Leider gibt uns das dürre Vorwort der Autoren keine Auskunft darüber. Zweifellos bietet dieses auf der Auswertung umfangreicher Sekundärliteratur beruhende Mammutwerk vielen vieles, aber so recht wird man bei der Lektüre nicht froh, fragt man sich doch immer wieder, was eigentlich im Fokus stehen soll: die Person, das Werk, das Umfeld? Das Buch bietet von allem etwas, aber angesichts der wuchernden Exkurse, der Informationen über alles und jedes im Haupttext und in den Fußnoten, verliert man leicht den roten Faden. Man kann sich auch fragen, wie weit dieses Buch nicht seinerseits wieder zur Fiktion tendiert mit seinen Dialogpassagen und vielen nicht belegten Episoden, was, wie, so die Autoren, typisch für japanische Biographien sei.

          Für Mishima-Fans und geduldige Leser ist das Buch aber zweifellos auch eine Fundgrube. Wer hätte gedacht, dass Mishima sich eine Zeitlang vor seiner Heirat mit Michiko Shoda traf, der heutigen Kaiserin von Japan? Oder dass er sich als Ghostwriter für den späteren Literaturnobelpreisträger Yasunari Kawabata betätigte? Kawabatas berühmter, aber höchst umstrittener Text „Die schlafenden Schönen“ von 1961 über narkotisierte junge Frauen, mit denen sich ein Greis vergnügt, erscheint in neuem Licht, wenn wir wissen, dass Mishima Anteil daran hatte.

          Der Autor ist Gouverneur von Tokio

          Nicht zu Unrecht gilt Mishima als der japanische Autor, der wie kein anderer mit seinem Leben und Sterben Künstler in aller Welt inspirierte: von Maurice Béjart über Hans Werner Henze bis hin zu T. C. Boyle, Amélie Nothomb oder Qiu Miao Jin. Von alldem ist in der Biographie nicht die Rede. Sie endet recht konventionell mit einer minutiösen Schilderung von Mishimas Selbsttötung am 25. November 1970.

          Auch zu kurz kommen Mishimas Selbstinszenierung und sein neuartiger Umgang mit den Medien. Man muss diesen Selbstdarsteller und Dandy sehen, nicht nur über ihn lesen. Da hätten einige, womöglich unbekannte Fotos gutgetan. Die einzige Abbildung des Bandes aber ist ein nichtssagendes Schülerfoto auf der Umschlagrückseite.

          Wie politisch war Mishima? War er der rechtsradikale Wirrkopf, als den ihn auch die japanische Presse in den späten sechziger Jahren immer wieder abgestempelt hat? Oder ist er eher als romantischer Traditionalist zu verstehen? Wie ernst sind seine zeit- und kulturkritischen Äußerungen zu nehmen? Und wie subversiv war seine Kunst? All dies sind Fragen, die das Buch nicht stellt. Immerhin stellt es Material für einige Antworten bereit.

          Nicht ohne Pikanterie ist das Faktum, dass der Publizist und Essayist Naoki Inose, Jahrgang 1946, der zahlreiche Bücher über historische und Zeitthemen sowie Literatenbiographien verfasst hat, seit Ende 2012 Gouverneur von Tokio ist - vorher war er Stellvertreter seines Vorgängers Shintaro Ishihara. Letzterer hatte in den fünfziger Jahren mit rebellischen Jugendwerken als Rivale Mishimas von sich reden gemacht. Ishihara gilt als Rechtsnationalist, der auch jetzt noch als Vorsitzender der neugegründeten Partei Nippon Ishin no kai (“Japans Wiedergeburt“) von sich reden macht. So viel zum Zusammenhang von Literatur und Politik in Japan.

          Naoki Inose with Hiroaki Sato: „Persona“. A Biography of Yukio Mishima. Stone Bridge Press, Berkeley 2012. 852 S., geb., 39,95 Dollar.

          Quelle: F.A.Z.

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