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Nadine Gordimers Essays und Erzählungen : Als Sisyphos nach Südafrika kam

Bild: Berlin Verlag

„Bewegte Zeiten“, „Erlebte Zeiten“: Zwei Auswahlbände versammeln die wichtigsten Erzählungen und Essays der Literatur-Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer. Sie sind eine Entdeckungsreise auf eigene Faust wert - und sie sind unentbehrlich, weil es keine Alternative gibt. Dabei ist die Edition eine Katastrophe.

          Mit der südafrikanischen Großschriftstellerin Nadine Gordimer, die 1991 den Literatur-Nobelpreis erhielt und in wenigen Wochen neunzig Jahre alt wird, verhält es sich in etwa so wie hierzulande mit Martin Walser. Ihr umfangreiches Werk - seit 1949 publizierte sie fünfzehn Romane, mehr als zweihundert Erzählungen und Kurzgeschichten sowie Hunderte von Artikeln, Aufsätzen und Reden - verdankt sich einer ungeheuren, von keiner nennenswerten Krise je beeinträchtigten Schreibenergie, die sich stets auch aus den politischen und gesellschaftlichen Konflikten ihres Landes speiste. Naturgemäß kennt dieses Werk Höhen und Tiefen, charakterisiert aber ist es selbst noch im punktuellen Misslingen durch die Selbstverständlichkeit seines Niveaus, also durch die in jedem einzelnen Text sofort erkennbare Handschrift der Verfasserin.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Just die in toto unbestreitbare literarische Qualität aber scheint - auch dies eine Parallele zu Martin Walser - einem ganz und gar außergewöhnlichen Wurf von fraglos weltliterarischem Rang im Weg zu stehen. Selbst ihre besten Romane - „Die spätbürgerliche Welt“ (1966), „Burgers Tochter“ (1979) oder „Die Hauswaffe“ (1997) - verknüpfen sich für die Leser keineswegs so emphatisch mit der Autorin, wie sich „Die Blechtrommel“ mit Günter Grass, „Hundert Jahre Einsamkeit“ mit Gabriel García Márquez oder die „Mitternachtskinder“ mit Salman Rushdie verbinden. Eine allerletzte Evidenz des Genialen fehlt.

          Ein Universum der Unwahrheit

          Dafür ist Nadine Gordimer inzwischen die letzte große Repräsentantin einer Schreibhaltung, deren hohe Zeit in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg begann, bis weit in die siebziger Jahre hinein währte, dann aber zunehmend in Verruf geriet: der engagierten Literatur. In vielen der fünfundzwanzig politischen wie poetologischen Essays und Reden aus fünfeinhalb Jahrzehnten, die der Auswahlband „Bewegte Zeiten“ versammelt, lässt sich noch einmal nachvollziehen, welch enorme Anziehungskraft von diesem Begriff und dem damit verbundenen Aufbruch einst ausging. Vor allem kann man erkennen, dass Nadine Gordimer angesichts der Situation in Südafrika gar keine andere Wahl blieb, als sich in ihren Büchern vehement gegen die Herrschaft der Weißen und das System der Apartheid zu wenden. Reine Poesie hätte reinen Verrat bedeutet.

          Ganz im Gegensatz dazu setzte das von Jean-Paul Sartre 1945 propagierte Engagement der Literatur gerade die Möglichkeit der Wahl voraus, für europäische Künstler und Intellektuelle also die bewusste Entscheidung wider die kapitalistische Ausbeutung, die Unterdrückung der Dritten Welt oder den Krieg in Vietnam - oft genug ging damit eine ebenso freiwillige Blindheit gegenüber den Verbrechen des Kommunismus einher. Sehr anders - und ungleich konkreter, ja hautnah - war die Situation für die junge und nach eigenem Bekunden völlig „unpolitische“ Nadine Gordimer. Tochter jüdischer Eltern, zugleich Tagesschülerin in einem katholischen Internat, wuchs sie nahe Johannesburg im Milieu des liberalen weißen Bürgertums auf, für das es nichts Alltäglicheres gab, als die schwarzen Hausangestellten und die farbigen Dienstleister einigermaßen passabel zu behandeln - und gleichzeitig zutiefst zu verachten. Die Lebenslügen dieses Milieus wurden später ein zentrales Thema von Nadine Gordimers Geschichten und Romanen. Im exzellenten Essay „Eine südafrikanische Kindheit“ (1954) schildert sie sich rückblickend selbst als (wenngleich noch naiven) Teil dieses Universums der Unwahrheit.

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