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: Mutter spricht jetzt Deutsch

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Es war nur eine Frage der Zeit, wann der erste Einbürgerungsroman in den Buchläden stehen würde. Marktlücken, wie sie die gesellschaftspolitische Entwicklung von Zeit zu Zeit aufreißt, finden fast immer einen Autor. In diesem Fall war die deutsch-iranische Schriftstellerin Fahimeh Farsaie am schnellsten, auch ...

          Es war nur eine Frage der Zeit, wann der erste Einbürgerungsroman in den Buchläden stehen würde. Marktlücken, wie sie die gesellschaftspolitische Entwicklung von Zeit zu Zeit aufreißt, finden fast immer einen Autor. In diesem Fall war die deutsch-iranische Schriftstellerin Fahimeh Farsaie am schnellsten, auch wenn ihr satirischer Roman "Eines Dienstags beschloß meine Mutter Deutsche zu werden" nicht als Reflex auf die jüngste Integrationsdebatte entstand. Die Handlung reicht einige Jahre zurück, in die merkwürdig ferne Zeit, als Boris Becker noch Kinder in Wäschekammern zeugte, der Innenminister Otto Schily hieß und Christoph Daum folgenschwere Haarproben abgab.

          Was zunächst auffällt, ist der Erscheinungsort: Es ist der auf Frauenliteratur und Geschlechterforschung spezialisierte Ulrike Helmer Verlag. Da die Autorin - 1952 in Teheran geboren, sowohl unter dem Schah als auch unter Chomeini verfolgt und seit 1983 in Deutschland - überdies im Klappentext durch ihre "Leidenschaft für engagierte Kunst und Literatur" und ihr Engagement "für Migrantinnen und Antidiskriminierung in Deutschland" charakterisiert wird, rutscht das Buch sehr weit in die Regalecke für Frauenhaus-Literatur und Amnesty-International-Prosa. Dabei gehört es dort eigentlich nicht hin.

          Fahimeh Farsaie erzählt keineswegs eine typische Migrantengeschichte. Sie handelt nicht vom bedrückenden Gefühl der Fremdheit, sondern vielmehr von der bizarren Lebensform der Familie. Aus der Perspektive der Tochter Roya berichtet der Roman vom Innenleben einer vor Jahrzehnten aus Iran nach Deutschland geflohenen Kleinfamilie aus der Oberschicht, deren Gleichgewicht durch den Einbürgerungsantrag der Mutter Sima empfindlich gestört wird. Tatsächlich kreist die Geschichte um den Topos vom warmen Familienhort, der durch das plötzliche Einströmen des gesellschaftlichen Außenklimas in seinem Fortbestand bedroht wird.

          Zwar sind die Rollen mit dem patriarchalischen, aber entmachteten Vater, der auf ihre späten Jahre noch auf Emanzipation bedachten Mutter, dem verwestlichten Bruder mit seinen Piercings und der ständig als Vermittlerin mißbrauchten Tochter fast archetypisch aufgeteilt. Dennoch braucht es seine Zeit, bis man in die oft sehr umwegigen und anspielungsreichen Ausdrucksformen hineinfindet: Es ist ein wenig, als liefe im Fernsehen eine orientalische Sitcom mit deutschen Synchronsprechern. Man versteht zwar, daß der Vater wie ein Doppelgänger von Omar Sharif in "Lawrence von Arabien" auftritt - aber daß er zugleich in die Rolle des persischen Volkshelden Dash Akoll schlüpft, überfordert das Assoziationsvermögen eines Lesers ohne Hintergrundkenntnisse.

          Während Farsaie den Familienroman bis in frühkindliche Arabesken zurückverfolgt und fast nach dem gruppentherapeutischen Muster des Psychodramas aufarbeitet, indem sie immer wieder theatralische Zerwürfnisse in der Kölner Wohnung in Szene setzt, zieht sie den Versuch der Mutter, in die tiefsten Tiefen und feinsten Feinheiten der deutschen Kultur einzudringen, als volkskundliches Mammutprojekt auf. Sima memoriert den Namen jenes Polizisten, auf den Joschka Fischer einst einprügelte, sie rüstet sich für Schöffendienste vor deutschen Gerichten und schaut sogar "Tatort" aus Ludwigshafen.

          Die undankbare Rolle des Lehrmeisters fällt dabei einem Nachbarn namens Herbert zu, der, tief verwurzelt in der deutschen Trauerkultur, Brahms liebt, der Perserin ein Windspiel fürs Küchenfenster schenkt und sie zur Krötenrettung an die Wupper mitnimmt. Tatsächlich legt sich Sima als gelehrige Kultur-Adeptin sogar den obligatorischen Jack-Wolfskin-Rucksack zu.

          Das Ziel der Integration ist, und das macht diesen Roman so überraschend, eben nicht die überstrapazierte Disziplinarkultur der Hausmeister und Bürohengste, sondern genau jenes alternative Individualistentum, das zum Deutschtum eine leicht larmoyante Distanz einhält und gerade damit längst zum Inbegriff des Deutschen geworden ist. Selbst Royas Freund, der etwas klischeehafte Buchhändler Peter, verbringt seine Zeit mit beflissenem Arabischlernen - obwohl ihn dabei eher seine erotischen Scheherazade-Phantasien antreiben.

          Natürlich entlarvt der Roman den Glauben, sich eine Kultur wie eine zweite Haut überziehen zu können, auf beiden Seiten als überflüssige Illusion. Denn die Mutter vernachlässigt bei ihren enzyklopädischen Deutschland-Studien, welche die Familie an den Rand des Wahnsinns treiben und den Vater zum langbärtigen Derwisch konvertieren lassen, die schlichte Grundvoraussetzung fehlerfreien Sprechens. Auch dem in alle Richtungen wuchernden Roman, dessen mitunter etwas blumige und gedrechselte Ironie durchaus ihren Reiz hat, hätte man allerdings mehr Konzentration auf die Kernhandlung gewünscht. Dann könnte er womöglich sogar als warnendes Musterbeispiel in den Integrationskursen auf den Tischen liegen.

          ANDREAS ROSENFELDER

          Fahimeh Farsaie: "Eines Dienstags beschloß meine Mutter Deutsche zu werden". Roman. Ulrike Helmer Verlag, Königstein/Taunus 2006. 260 S., br., 17,90 [Euro].

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