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Mourad Kusserow: Schicksal Agadir Was immer auch geschieht, irgendwann erreicht es alle

Mourad Kusserow wirft einen Rundblick auf den Norden Afrikas im zwanzigsten Jahrhundert und lässt uns den Alltag in dieser Region besser verstehen.

© Verlag Vergrößern

Ein abenteuerliches Leben führt dieses Buch vor, geprägt von Unternehmungen und Erfahrungen, wie sie wenigen von uns zuteilwerden. Dabei ist der Autor Mourad Kusserow, zugleich Subjekt und Objekt dieser Biographie, einer von uns, ein Deutscher. 1939 geboren in Berlin, wuchs er auf in der Sowjetischen Besatzungszone und in der frühen DDR, aus der er 1954, gerade mal fünfzehn Jahre alt, flüchtete. Seine bedrückende, hoffnungsarme Kinderzeit und die angstmachende Ausreißertour mit der S-Bahn nach West-Berlin beschrieb er in einer Veröffentlichung mit dem Titel “Rüber machen“.

Aber was er dort berichtet, kann die Neugier eines historisch interessierten Lesers nicht hinreichend stillen. Was, so fragt man sich, fängt ein Halbwüchsiger an mit einer Freiheit, die ihn schutzlos lässt, ihn mit Aufgaben belastet, denen er kaum gewachsen ist? Wie kann er zum Mann reifen, sein Leben in den Griff bekommen? Von dieser Phase erzählte Kusserow in einem weiteren Buch, es heißt „Flaneur zwischen Orient und Okzident“.

Schilderung einer Gesamtwelt

Hier erfahren wir, wie er sich den beiden Fixpunkten seines späteren Daseins annäherte und schließlich mit ihnen verschmolz. Er entwickelte sich zum Geschichtsschreiber seiner Gegenwart, das heißt, er wurde Journalist. Und er wandte sich dem Islam zu als einer Heimat, wie er sie in seiner abendländischen Frühzeit immer ersehnt, aber nie gefunden hatte. Daraus erklärt sich auch der Vorname, mit dem er seither verwachsen ist.

Kusserow schildert diese Abkehr von seinen Ursprüngen sehr ausführlich und bilderreich. Es wird wahrscheinlich nicht jedem Leser leichtfallen, seine diesbezüglichen Entscheidungen zu verstehen, aber das muss auch nicht unbedingt sein. Welchem Gott, welchen Leitsternen sich ein Mensch anvertraut, ist schließlich allein dessen Sache.

Außerdem tritt uns dieser Autor nirgendwo als Glaubenseiferer entgegen, sondern immer als Schilderer einer Gesamtwelt, in der auch wir unseren Heimatwinkel haben. So öffnet er uns in seinem jüngsten Buch, dem er den Titel „Schicksal Agadir“ gab, zwar die Tür zu Erlebnissen, die speziell sein Herz berührten, zugleich aber eine Pforte zu Geschehnissen, die auch uns betrafen, ganz gleich, wie weit entfernt sie sich zutrugen. Schließlich gibt es keine politischen Unternehmungen, deren Auswirkung sich auf einen Erdenwinkel beschränkt und den Rest unseres Heimatplaneten unangetastet lässt. Was immer geschieht, erreicht irgendwann alle, deshalb ist es für alle gut, wenn sie sich dafür interessieren.

Mit Farbigkeit und Phantasie

“Schicksal Agadir“ arbeitet das zwanzigste Jahrhundert auf, versieht uns mit einem Rundblick über Nordafrika, den Vorderen Orient und große Teile Europas. Was sich im Buch zuträgt, haben seinerzeit Presse, Rundfunk, später Fernsehen mitgeteilt, aber da sich das Wenigste direkt vor unseren Haustüren abspielte, ist unsere Erinnerung an jene abgelebte Weltgeschichte oft nicht mehr so ganz scharf.

Kusserow hilft, das zu korrigieren, erinnert uns an den Zugriff der spanischen und der französischen Kolonialmacht auf marokkanische und algerische Gebiete, an die Politspiele abendländischer Staaten, darunter auch zeitweise der DDR, an das Jammerleben der unterdrückten Einheimischen Nordafrikas, an Unterwerfung, Gegenwehr, heroische Opfer und Aktionen des Verrats.

Wenn man seine Schilderungen aufmerksam liest, wird einem immer wieder ein Aha-Erlebnis zuteil, sowohl unsere gegenwärtige Situation betreffend wie das, was ihr vorausging und die heutigen Probleme zeugte. Einen intensiven Geschichtsunterricht vermittelt uns der Buchautor, erteilt nicht auf trockene Schulmanier, sondern voller Leben, oft mit der Farbigkeit und Phantasie von Tausendundeiner Nacht.

Eine der spannendsten Passagen ist die Schilderung des sogenannten „Grünen Marsches“, einer Aktion marokkanischer Bürgermassen mit dem Ziel, die sogenannte Spanische Sahara zu befreien. Ohne Krieg sollte sie zurückgewonnen werden, doch zunächst sah es gefährlich aus. Kusserow vermerkt: „Der Sicherheitsrat der UN tagte pausenlos, Algerien verstärkte seine Truppen an der Grenze zu Marokko, spanische Elite-Einheiten marschierten im Hinterland von Tarfaya auf, die spanische Kriegsmarine lief demonstrativ in Richtung Kanarische Inseln aus ...“

Alltag unter der Oberfläche

Der Journalist gesellte sich zu den Demonstranten, die von Oktober 1975 an zusammenströmten. Zwar konnte er nicht bis zum Ende der Aktion bleiben, musste aus beruflichen Gründen nach Deutschland zurückkehren, durfte aber schließlich mit Genugtuung verzeichnen, was das Unternehmen erreicht hatte, und zwar ohne Blutvergießen: „Der historische Schlussstrich unter das politische Gerangel um die marokkanische Sahara wurde am 14. November 1975 im Madrider Abkommen gezogen.“ Das Wüstengebiet fiel endgültig an Marokko zurück.

Die historisch-politischen Passagen seines Buches vereint der Autor Kusserow mit lyrisch-zarten Schilderungen persönlicher Erlebnisse. Man könnte sagen, dass er ein solides Gebäude mit einer Fülle zarter Girlanden verziert, deren Blüten die Augen und deren Düfte den Geruchssinn umschmeicheln. Natürlich gelten diese Partien der Erzählung vor allem seiner großen Liebe, dem Berbermädchen Hadia, der Frau, die seit Jahrzehnten sein Leben teilt.

Aber indem er uns mit ihr und ihresgleichen vertraut macht, dem oft harten Schicksal nachspürt, das diese Menschen bewältigen mussten, lehrt er uns, das Dasein in Ländern zu begreifen, von denen wir in der Regel nur die Oberfläche kennen. Wenn wir ihm aufmerksam folgen, verstehen wir ein bisschen besser, welche Rolle jene exotischen Regionen in der Weltpolitik spielen, was an menschlichem Alltag hinter den Nachrichten steckt, die unsere Medien vermitteln.

Mourad Kusserow: „Schicksal Agadir“. Maghrebinische Abenteuer. Verlag Donata Kinzelbach, Mainz 2012. 226 S., br., 19,- Euro.

Quelle: F.A.Z.

 
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