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Moritz von Uslar: Deutschboden Nachrichten aus dem wilden Osten

02.10.2010 ·  Moritz von Uslar hat drei Monate in der Brandenburgischen Provinz verbracht. Sein Bericht überzeugt, weil er nicht klüger sein will als das Klischee.

Von Wiebke Prombka
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Zumindest in Berlin gibt es kaum jemanden jenseits der dreißig, der in den letzten Jahren nicht mehr oder weniger ernsthaft darüber nachgedacht hat, sich ein kleines Häuschen im Umland zu kaufen, sei es für die Wochenenden, sei es als festen Wohnsitz. Raus ins Brandenburgische, das ist zur neuen Spießigkeit derer geworden, die sich nach der Wende in Mitte und im Prenzlauer Berg ein geschmackvoll durchgestyltes Leben eingerichtet haben und nun auf der Suche nach ein wenig Ursprünglichkeit sind. Dass dennoch Ratlosigkeit die Runde bestimmt, als Moritz von Uslar das erste Mal sein Brandenburg-Projekt verkündet, liegt daran, dass sein Plan so gar nichts mit der allerorten um sich greifenden Eigenheimromantik zu tun hat. Drei Monate will Uslar in ein kleines brandenburgisches Städtchen gehen, um zu beobachten, was das für ein Leben ist, das die ganz normalen Menschen führen, diejenigen, die nicht nach ökologischen Gesichtspunkten ein altes Haus renoviert haben, sondern dort aufgewachsen sind. „Ich will dahin, wo Leute in strahlend weißen Trainingsanzügen an Tankstellen rumstehen und ab und an einen Spuckefaden zu Boden fallen lassen!“

„Deutschboden“, das Resultat dieses Projekts, ist mithin gleich in zweifacher Hinsicht eine fast vierhundert Seiten schwere Reportage zu zwanzig Jahren Wiedervereinigung. Was Uslar als „teilnehmende Beobachtung“ untertitelt, ist nicht nur eine Nahaufnahme der ostdeutschen Provinz. Mindestens genauso eingehend, vielleicht sogar noch ein wenig mehr dokumentiert werden die Ressentiments der arrivierten Westdeutschen, unter denen Uslar, der Salem-Schüler, ein nur allzu mustergültiges Exemplar ist. „Ich haue ab von hier, dorthin, wo kaum ein Mensch je vor uns war“, erklärt er anfangs beim Steak seinen Freunden – freilich ist Uslar zu klug, als dass ihm die Hybris, die in diesem Satz steckt, zufällig unterlaufen sein könnte.

Grillfleisch in der Videothek

Diese Hybris aber ist Teil von Uslars Konzept, das allem voran in der unbedingten Vermeidung jeglichen falschen Gutmenschentums besteht. Seine Vorurteile gegen Spuckefaden absondernde Hartz- IV-Empfänger und die vermeintliche Allgegenwärtigkeit von Neonazis zelebriert Uslar geradezu. Als er sich ins Auto setzt, um einen passenden Ort für seine Feldforschung zu suchen – Voraussetzungen: nicht zu klein, aber mit Boxclub, in dem er zu trainieren gedenkt –, tendiert seine Emphase gegen null. Fast hat man den Eindruck, er fahre nur, um vor seinen Freunden nicht gekniffen zu haben, nachdem er das Projekt großspurig angekündigt hat.

Wer mag, kann leicht herausfinden, dass die 14 000-Einwohner-Stadt, in der Uslar schließlich landet, nachdem er eine ganze Reihe anderer Ort als ungeeignet für sein Unternehmen befunden hat, Zehdenick ist, knapp sechzig Kilometer vor Berlin. Uslar selbst retuschiert Orts- und Straßennamen notdürftig, nennt Zehdenick Oberhavel oder die Berliner Straße Spandauer Straße. Ebendort quartiert er sich in einem Hotel ein, das selbstverständlich einigermaßen deprimierend ist. Immerhin hat es einen freundlich kalauernden Wirt und eine, wie Uslar findet, recht süße Bedienung zu bieten, die ihre von einem der überproportional vielen Nagelstudios der Stadt manikürten Hände allerdings fast ohne Pause ins Spülwasser hält und mit unerschütterlicher Trägheit auf seine Flirtversuche reagiert.

Was Uslar in den folgenden Wochen (während deren er sich immer wieder ein paar Tage Berlin-Urlaub nimmt) macht, ist wenig spektakulär. Der erste Tag gereicht ihm, um ein kleines Panorama der Stadt zu entwerfen. Er geht ein wenig die Einkaufsstraße hinauf und hinunter und dokumentiert das erwartungsgemäß sieche Geschäftsleben. Neben den unzähligen Nagelstudios gibt es kaum einen Laden, dessen handgeschriebene, provisorische Schilder nicht davon zeugen, dass er die eigene Überlebensdauer äußerst gering veranschlagt. Und auch kaum ein Geschäft, in dem nicht zusätzlich etwas Sortimentsfremdes angeboten würde, die Schneiderei ist gleichzeitig Steuerbüro, die Videothek bietet Grillfleisch an, um die Möglichkeit auf Umsatz zumindest ein wenig zu steigern. Vor den Geschäften stehen genau diejenigen herum, die Uslar erwartet hat. Junge Männer mit kurzen Haaren, Dreiviertelhosen, Käppis, tätowierten Armen und Schenkeln, die ab und zu den Motor ihrer Autos aufheulen lassen oder einen Spuckefaden absondern.

Der Musik lauschen und dabei Bier trinken

Aber genau das ist natürlich das Prinzip der teilnehmenden Beobachtung. Wo keine Abenteuer passieren, kann man auch keine erleben, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne. Für Uslar ist es schon Abenteuer genug, ins „Schröder“ zu gehen, die erste Gaststätte am Platze, wo sich allabendlich der männliche Teil der Bevölkerung versammelt und jeder mit Handschlag begrüßt wird. Dass er hier Raoul kennenlernt, Mitglied einer Punkrock-Band, ist eine Art Eintrittskarte in den jüngeren Inner Circle von Oberhavel. Fortan kann er Notizbuch oder Aufnahmegerät offen zeigen, darf mit zu Bandproben, hängt mit den jungen Männern des Orts herum, die mit wenigen Ausnahmen gelernte Handwerker sind, nun aber von Hartz IV leben, ab und an mischt sich auch die eine oder andere Frau darunter. Wenn Uslars Buch ein Bild, das man von der ostdeutschen Provinz hat, bestätigt, dann das der Frauenlosigkeit. Aber eben nicht nur das.

Das Interessante an Uslars Buch ist, dass nicht etwa mit Vorurteilen aufgeräumt wird, indem sie für null und nichtig erklärt werden: Natürlich ist ein Großteil der Einwohner von Oberhavel arbeitslos, natürlich waren fast alle Jungs, mit denen Uslar Bier trinkt, in den Neunzigern kahl rasiert, natürlich werden hier noch immer rechtslastige Witz gemacht. Vielmehr zeigt Uslar diesen sozialen Kosmos in seiner inneren Logik, dem wenig Bedrohliches, dafür umso mehr Selbstverständlichkeit innewohnt. Was natürlich nichts daran ändert, dass das Leben in Oberhavel nicht eben der Idylle entspricht, in der man gern leben möchte. „Alte Kacke, gehen mir die Penner, gehen mir die Alkoholiker, Hirntoten, Eingefallenen, Zusammengefallenen und sonst wie Hinüberen und Weggetretenen in diesem Ort auf den Sack“, befindet Uslar, als er den Blick über den Marktplatz schweifen lässt. Gerade dieses Absehen von moralischer Integrität führt dazu, dass Uslars Buch glaubwürdig wird, auch in den Momenten im Probenraum etwa, in denen er enthusiastisch der Musik von „5 Teeth less“ lauschen und dabei Bier trinken kann.

Die Frage, die man sich schließlich stellt, ist unumgänglich die, ob Uslar mit seinen Beobachtungen Indikatoren dafür liefert, wie viel Wiedervereinigung nach zwanzig Jahren tatsächlich stattgefunden hat. Vermutlich ist es nur konsequent, dass diese Frage kaum beantwortet wird, Uslar will sie aber auch gar nicht beantworten, zumindest nicht explizit. Dass das so ist, liegt nicht zuletzt daran, dass die Unterschiede, über die er erzählt, vor allem die von Milieus ist. Es wäre geradezu absurd, würde Uslar behaupten, dass diese Fremdheit sich geben würde, trotz aller Abende, die man gemeinsam verquatscht. Dass das Projekt scheitert, gehört zu seinem inneren Prinzip. Das eigentlich Überraschende bleibt, mit welcher Ruhe sich die jungen Leute in Uslars Oberhavel mit ihrem Leben eingerichtet haben, das von außen genau nach jener Mischung aus Perspektivlosigkeit und rechter Aggression aussieht, die man vom wilden Osten hat.

Moritz von Uslar: „Deutschboden“. Eine teilnehmende Beobachtung. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 384 S., geb., 19,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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