Home
http://www.faz.net/-gr4-wy24
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 17. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Mondfest und Volksweihnacht

24.05.2008 ·  Ein Leben zwischen den Kriegen und Kulturen als Zeitzeugnis des zwanzigsten Jahrhunderts - die Sinologin Susanne Hornfeck verwebt die reale, höchst aufregende Biographie einer Chinesin, die sie in Taiwan kennenlernte, zu einem ambitionierten Jugendroman. Bei Ausbruch des chinesisch-japanischen Kriegs ...

Artikel Lesermeinungen (0)

Ein Leben zwischen den Kriegen und Kulturen als Zeitzeugnis des zwanzigsten Jahrhunderts - die Sinologin Susanne Hornfeck verwebt die reale, höchst aufregende Biographie einer Chinesin, die sie in Taiwan kennenlernte, zu einem ambitionierten Jugendroman. Bei Ausbruch des chinesisch-japanischen Kriegs 1937 wurde die siebenjährige Yinna - der Name bedeutet "Silbermädchen" - von ihrem besorgten Vater aus Schanghai auf Schiffs- und Bahnreise zu einer deutschen Bekannten der Familie nach Brandenburg an der Havel geschickt. Das aufgeweckte Mädchen lernte Deutsch und besuchte als Ina die Schule. Im Endstadium des Weltkriegs im April 1945 floh sie in die Schweiz. 1955 übersiedelte sie, zumal eine Rückkehr nach Schanghai wegen der gewandelten politischen Lage nach Gründung der Volksrepublik China nicht in Betracht kam, nach Taiwan.

Die Verbindung von Inas Familie Chen zur Familie der deutschen Pflegemutter reicht dabei bis zum Boxeraufstand 1900 zurück, als Inas Großonkel und der Schwiegervater der Pflegemutter, Major von Steinitz, sich als Offiziere befeindeter Parteien in Peking gegenüberstanden, aber dennoch anfreundeten. Zunächst hält sich Inas Vorfreude auf das "Land, wo es Stubenarrest, Schulranzen und diese schreckliche warme Milch gibt", in Grenzen. Doch allmählich findet sie bei Frau von Steinitz, einer strengen, aber fürsorglichen Witwe, eine zweite Heimat.

Konsequent gleicht dabei die kleine Ina in Hornfecks sinnlichem Roman den Erfahrungshorizont und Bildervorrat, Geräuschkulissen und Gerüche der chinesischen und deutschen Kultur wie Garküchen, Frühlingsrollen und Mondfest einerseits und Bohnerwachs, Malzkaffee oder nationalsozialistische Volksweihnacht andererseits miteinander ab. Während sie von der Disziplin der Fußgänger beeindruckt ist, wundert sie sich, dass Deutsche Hühner kaufen, die sie zuvor nicht lebend gesehen haben. Hornfecks rhetorischer Kunstgriff der Erzählperspektive der außenstehenden, kindlich-neutralen Beobachterin von historischen Vorgängen und Verirrungsmomenten führt das nationalsozialistische System ohne offene Wertung ad absurdum. Die zunehmende Indoktrinierung, Radikalisierung, Rationierung und Mobilisierung des Alltagslebens in Brandenburg werden etwa in Form der Ereignisse wie der Pogrome von 1938 oder des Verführungspotentials der BDM-Romantik und HJ-Paraden dargestellt.

Auch Ina ist kurz geneigt, dem zu erliegen. Doch als sie erfährt, dass ihre Freundin Inge, deren Vater Jude ist, mit ihren Eltern quasi in Gegenbewegung - etwa 17000 Juden fanden Ende der 1930er Jahre in Schanghai ohne Visum Aufnahme - in Inas Heimat auswandert, sieht sie die Dinge in einem anderen Licht. Ina, die von den Deutschen oft für eine Japanerin gehalten wird, gerät in eine Identitätskrise angesichts der Willkür der rassischen Zuordnungen und Allianzen, zumal Japan als Mitglied der Achsenmächte auf Seiten Deutschlands steht: "Was tut man, wenn der Feind plötzlich zum Verbündeten und der Verbündete zum Feind wird?"

Als sich die Bombardements verschärfen und die Ostfront einzubrechen beginnt, flüchtet Ina auf Wunsch ihres Vaters in die Schweiz. Paradoxerweise entpuppt sich die Rückkehr der nunmehr erwachsenen Heldin in den eigenen Kulturkreis nach Taiwan 1955 als eine "Ankunft in erneuter Sprachlosigkeit", wobei sich im Wechsel der Schauplätze die Kulturverortungen relativieren: "Hier ist Ina wieder Yinna, das Silbermädchen. Manchmal wird ihr ganz schwindelig, wenn sie sich fragt, wer sie denn nun eigentlich ist. Eine deutsche Ina mit chinesischem Gesicht, eine chinesische Yinna, die deutsch denkt?"

So ist "Ina aus China" eine Parabel über die Einsamkeit des Kulturenwanderers, über Suche und Flucht, Spracherwerb und Fremdheitserfahrung, aber auch über die grenzüberschreitende Kraft der Freundschaft. Gleichwohl verlangt die Autorin den jungen Lesern wegen der Komplexität der historischen Zusammenhänge einiges ab. Als Versuch eines didaktischen Brückenschlags zwischen den Kulturen ist der Roman aber durchaus lesenswert.

STEFFEN GNAM

Susanne Hornfeck: "Ina aus China oder: Was hat schon Platz in einem Koffer". Roman. Reihe Hanser. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2007. 304 S., br., 8,95 [Euro]. Ab 12 J.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.05.2008, Nr. 119 / Seite 36
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel