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Mo Yan: Frösche : Ich bin selbst schuldig

„Kleine Kaiser“ nennt man in China die verwöhnten Einzelkinder, die aus der staatlich verordneten Geburtenkontrolle resultieren. Sie ist Thema von Mo Yans neuem Roman. Bild: picture alliance / Photoshot

Die Nagelprobe auf den Nobelpreis: Was der neue Roman von Mo Yan über China zu erzählen weiß, ist spektakulär. Von der Mo oft unterstellten Flucht in einen halluzinatorischen Realismus kann keine Rede mehr sein.

          Jene Kritiker des letztjährigen Literaturnobelpreisträgers Mo Yan, die sein Werk kennen, stützen sich vor allem auf ein sprachliches Argument: Ausgerechnet mit den Mitteln der literarischen Moderne, mit dem, was das Nobelkomitee seinen „halluzinatorischen Realismus“ nannte, schaffe er es, heikle politische Themen zugleich anzusprechen und zu relativieren. Mit einem Feuerwerk an phantastischen Bildern, drastischen Detailschilderungen körperlicher Funktionen, folkloristischen Derbheiten und satirischen Übertreibungen halte er die Beschreibung von Missständen in einer Schwebe, die sie für die staatliche Zensur akzeptabel macht, und wenn er vordergründig die Mao-Sprache auch ständig persifliere, komme er letztlich aus deren Bannkreis nicht heraus. Der Sinologe Perry Link aus Princeton prägte für diesen Stil, der für eine Reihe chinesischer Gegenwartsautoren charakteristisch sei, den Begriff der daft hilarity, einer dümmlichen Lustigkeit, die letztlich apolitisch sei und systemkonform.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          All diese Annahmen und Vorwürfe müssen nach der Lektüre von Mo Yans jüngstem Roman „Frösche“, der gerade in der ebenso genauen wie flüssigen Übersetzung von Martina Hasse im Hanser Verlag auf Deutsch erschienen ist, revidiert werden. Der erste Fall von halluzinatorischem Realismus tritt dort erst nach mehreren hundert Seiten auf. Die Hauptfigur des Romans, Tante Gugu, die als Hebamme und Funktionärin der chinesischen Ein-Kind-Politik Tausende Kinder aus dem Mutterleib geholt und Tausende andere abgetrieben hat, viele davon mit Gewalt, gerät nach der alkoholisierten Abschiedsfeier von ihrer Arbeitsstelle in einen vom Mondlicht illuminierten Froschtümpel. Frösche stehen mit dem Thema des Romans, der menschlichen Geburt und deren staatlicher Kontrolle, in einem engen Zusammenhang. An mehreren Stellen wird betont, dass die Schriftzeichen für „Baby“ und „Frosch“ im Chinesischen gleich ausgesprochen werden und dass die Rufe von Fröschen an das Weinen neugeborener Kinder erinnerten.

          Monstrosität des staatlichen Zwangsapparats

          Die Tante, die sich zeitlebens nie vor etwas gefürchtet hat, verfällt inmitten der millionenfachen Schreie der Frösche, die ihr als Hassschreie in den Ohren gellen, in eine Panik, die sich noch steigert, als eine glitschige Flüssigkeit unter ihren Füßen sie am Weitergehen hindert und sich zahllose Frösche an ihr festsetzen und dabei eine unsagbar eklige Flüssigkeit absondern. Dieses über mehrere Seiten hinweg ausgemalte Bild der von Fröschen überfallenen und bedeckten Frau, eine wahrhaft surreale, eines Hieronymus Bosch würdige Vision, ist im Zusammenhang dieses Romans jedoch keine relativierende Ausschmückung, sondern das Gegenteil: eine Radikalisierung der moralischen These des Romans, der keinerlei Verflüchtigung durch Abstraktion zugestanden wird. In Gestalt der als Frösche erscheinenden ungeborenen Kinder holen die Gewissensqualen über die begangenen Abtreibungen die Tante, die so stolz auf ihren Materialismus ist, mit gewissermaßen materialistischen Mitteln ein. Eine schärfere Abrechnung ist im Rahmen dieses philosophischen Systems nicht möglich.

          Doch die Konstruktion des Romans geht über die Veranschaulichung der Monstrosität des staatlichen Zwangsapparats noch hinaus. Anfangs sieht die Erzählweise noch nach dem launig-grotesk unterfütterten Realismus aus, den manche Mo Yan vorwerfen. Wieder einmal schnurren die großen Kämpfe und Parolen der Geschichte auf die mal komischen, mal rüden Binnenverhältnisse der Dörfler von Nordost-Gaomi zusammen, wo fast alle Romane Mos spielen. Diesmal ist es das China der sechziger und siebziger Jahre, das auf solche Weise verlebendigt wird. Die Schrecken nehmen zu, als Tante Gugu, die zunächst nur als resolute Aufklärerin vorgestellt wird, die die abergläubischen Wehmütter vertreibt und mit wissenschaftlichen Methoden vielen Neugeborenen das Leben rettet, zur nicht minder resoluten Vorkämpferin der im Verlauf der siebziger Jahre einsetzenden staatlichen Geburtenkontrolle wird.

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