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: Mit siebzehn hat man noch Träume

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Im Osten Europas gehen die Uhren anders. Die Rasanz der sozialen Veränderungen dort scheint auch den Verlauf literarischer Karrieren zu beeinflussen: In Polen wirbelte zunächst die 1982 geborene Dorota Maslowska, dann der noch einmal zwei Jahre jüngere Miroslaw Nahacz die Literaturszene durcheinander.

          Im Osten Europas gehen die Uhren anders. Die Rasanz der sozialen Veränderungen dort scheint auch den Verlauf literarischer Karrieren zu beeinflussen: In Polen wirbelte zunächst die 1982 geborene Dorota Maslowska, dann der noch einmal zwei Jahre jüngere Miroslaw Nahacz die Literaturszene durcheinander. Auch die jüngste deutsche Debütantin in diesem Herbst, Susanne Heinrich, gerade zwanzig, kommt nicht zufällig aus Ostdeuschland. Es ist der rasante Autoritätsverlust ihrer Eltern und Lehrer, der die in der Nachwendezeit aufgewachsenen Autoren so früh reifen und eigene Wege suchen ließ: Das Alte taugte nicht einmal mehr ernsthaft zur Reibungsfläche.

          Der Ukrainer Ljubko Deresch ist noch so ein Wunderkind dieser "Generation Nichts", wie sie in Polen heißt. Der 1984 geborene Autor war siebzehn, als sein Roman "Kult" erschien. An ihm könnte man die These von einem mangels Gegner ausgefallenen Generationenkonflikt besonders gut veranschaulichen, spielt er doch an einem Ort, wo gemeinhin der Aufstand gegen die Väter geprobt wird: der Schule. Schauplatz der Handlung ist ein Internat, ein "College", in der Kleinstadt Midni Buky, zweieinhalb Stunden Zugfahrt von Lemberg entfernt, am Rande der Karpaten. Dort soll der Biologiestudent Jurko Banzai ein Lehramtspraktikum absolvieren. Doch ihm wird bald klar, daß er von diesem aus lauter Sonderlingen bestehenden Kollegium - ein verkrachter Dichter, eine manische Sammlerin von Kunstpostkarten, ein kiffender, der Esoterik verfallener Psychologe, ein erotomaner Direktor - kaum etwas zu lernen hat. Freilich auch nicht viel zu befürchten, denn die auf ihre "unkonventionellen Konventionen" stolze Anstalt nimmt auch wenig Anstoß an Jurkos einziger Leidenschaft: dem Züchten und Konsumieren bewußtseinserweiternder Pilze, die ihn schon mehrfach auf die Intensivstation gebracht haben. Als er sich in seine Schülerin Daria verliebt und bald gemeinsam mit ihr an der Wasserpfeife nuckelt, wird Banzai endgültig klar, daß er auf der anderen Seite steht.

          Könnte man aus den Büchern auf den realen Drogenkonsum osteuropäischer Jugendlicher schließen, so müßten die Haschischwolken hinter den Karpaten noch bei uns zu riechen sein. Doch nur anfangs gibt sich der Roman als ein weiteres ernüchterndes Porträt einer orientierungslosen und von allen guten Geistern verlassenen Jugend, die sich fleißig ins Nirwana kifft und trinkt, psychedelische Musik hört und die siebziger Jahre wie einen schlechten Trip noch einmal durchlebt: ein nachgestelltes Hippietum abzüglich Optimismus. Außer zu einer satirischen Typologie jugendlicher Subkulturen - von den "Hopniks" bis zu den "Synthetikern" - nutzt Deresch die Form des Internatsromans vor allem zur Abrechnung mit dem Mythos einer autonomen ukrainischen Nationalkultur und erinnert in seinen besten Momenten an Witold Gombrowiczs "Ferdydurke".

          Schon bald aber verdichten sich die Anzeichen, daß das College nicht nur Opfer des üblichen Schlendrians, sondern jenseitiger, dämonischer Kräfte ist: Schüler verschwinden; Botschaften in unverständlicher Sprache finden sich auf dem Schulklo; die Drogentrips vermischen sich mit grausigen Visionen, in deren Mittelpunkt stets der unheimliche Schulpförtner Korij steht. Daria und Banzai müssen feststellen, daß eine fremde Macht die Kontrolle über ihre Träume gewinnt, die immer schwerer von der Realität zu unterscheiden sind.

          In dem Maße, wie die "Kult"-Handlung Fahrt aufnimmt, moduliert Deresch die Atmosphäre seines Romans zur gothic novel. Was bis dahin lediglich wie eine galizische "Burg Schreckenstein" mit Drogenfreigabe erschien, wird zum anspielungsreichen Horrorthriller, der sich offen vor Stephen King und dem Altmeister des Genres H. P. Lovecraft verbeugt. Das verschlafene Karpaten-College bildet das Einfallstor jener "Götter aus grauer Vorzeit", um die Lovecrafts "Cthulhu"-Erzählungen kreisen: Yog-Sothoth, der letzte übriggebliebene "Große Alte", hat den sadistischen Korij mit unbegrenzter Macht versehen, um seine Wiederkehr vorzubereiten und die Menschheit zu vernichten. Ausgerechnet der antriebsschwache Neohippie Banzai wurde von den guten Mächten auserwählt, um dem Bösen den Weg in die Welt zu versperren.

          Immer spannender wird die Geschichte bis zum Showdown im Schulkeller, immer irrwitziger der Mix aus literarischen und popkulturellen Versatzstücken, immer atemraubender die Kühnheit, mit der Deresch Bildungszitate mit Esoterik, Trash und Splatter-Elementen zu einem großen literarischen Synkretismus verschmilzt. Das hat etwas Naiv-Ungestümes, ähnlich wie in den Werken von Tobias O. Meißner, dem begabtesten Mythenrecycler der jungen Deutschen, und geht mitunter über die Ekelgrenze, zeugt aber von einer großen, kaum kanalisierten Energie, die sich eben in jene narrativen Formen ergießt, die ihrem Lebensgefühl am nächsten liegen.

          Übrigens hat sich ja Suhrkamp seinerzeit in der "Phantastischen Bibliothek" um Lovecrafts Werk verdient gemacht, und daher ist die Aufnahme Ljubko Dereschs in die arg renovierungsbedürftige Edition durchaus konsequent. Man muß nun nicht gleich wie die Verlagswerbung mit einem knallorangefarbenen Retro-Cover den Geist der jüngsten ukrainischen Revolution beschwören: Daß eine Welt verkrusteter Institutionen dem Untergang geweiht ist und destruktiven, "bösen" Kräften ein leichtes Spiel bietet, ist eine realistische Lesart des Romans, die keineswegs auf den Osten beschränkt wäre. Die diffuse, ungreifbare Angst, von der Dereschs "Kult" zeugt, ist längst hierzulande angekommen.

          Ljubko Deresch: "Kult". Roman. Aus dem Ukrainischen übersetzt von Juri Durkot und Sabine Stöhr. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005. 262 S., br., 10,- [Euro].

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