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: Mit der Gondel zum Styx

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Giftmord ist Frauensache, gilt er doch als hinterlistiger, sauberer und leiser Tod. Was aber, wenn er grauenvolle Agonie bedeutet? "Sie erbricht eine tintenschwarze, stinkende Brühe, sie pißt Blut, und gelegentlich schießt ihr das Blut aus der Nase. Im Verlauf der letzten Woche treten am ganzen Körper Geschwüre ...

          Giftmord ist Frauensache, gilt er doch als hinterlistiger, sauberer und leiser Tod. Was aber, wenn er grauenvolle Agonie bedeutet? "Sie erbricht eine tintenschwarze, stinkende Brühe, sie pißt Blut, und gelegentlich schießt ihr das Blut aus der Nase. Im Verlauf der letzten Woche treten am ganzen Körper Geschwüre auf, und der Geruch wird so entsetzlich, daß man es im Zimmer nicht aushält." Die Qualen, die hier geradezu lustvoll ausgebreitet werden, verheißen den erneuten Erfolg jenes Mörders, dessen perfide Kräuterkunde jeder der Gemahlinnen Alvise Lanzis zum Verhängnis wird. Im späten Settecento wird er vierfach Witwer - ein tragisches, doch lukratives Schicksal. Alle seine Frauen sind elend zugrunde gegangen; jedesmal erregte der Tod Aufsehen, aber in einer versinkenden Kultur, deren Fäulnis ansteckend scheint, gibt es viele Erklärungen für geborstene Leiber, hervorquellende Augen und gelbe Haut.

          Mit zunehmendem Alter werden Frauen bekanntlich mutiger, radikaler, gefährlicher. Das galt in besonderem Maße für die seit 1946 in Frankfurt lebende, vor wenigen Tagen gestorbene Französin Gabrielle Wittkop. Erst kurz vor ihrem Tod hat sie ihren ersten Roman in Deutschland veröffentlicht: ein furios geschriebenes Porträt des untergehenden Venedig in den Jahren vor dem Einmarsch des "Gnomen" Napoleon 1797. Das Verhängnis ahnend, feiert die Serenissima ihren Exitus als karnevalesk überdrehten Höhenflug. Im Trauertaumel schwelgt auch Alvise Lanzi, als Tuchfabrikant glücklos, als serieller Witwer verdächtig. Doch in einer Epoche, da die Künste ungesund prachtvolle Blüten treiben, da Politik zur Inquisition wird und Leidenschaft in Obsession umschlägt, erscheint ein Mann wie er zu farblos, um beim raffinierten Salonlöwentum mitzuhalten. Aber im Rausch der Maskeraden ist keiner, was er scheint.

          Die Stadt, die der Italien-Reisende Goethe einst "Biberrepublik" taufte, wird heute vor allem als pittoresk-morbide Kulisse für seichte Krimis mißbraucht. Gabrielle Wittkop dagegen lotet hinter den bröckelnden Mauern Venedigs menschliche Abgründe von historischen Dimensionen aus - doch mit Etiketten wie Geschichtsroman oder Krimi kommt man in ihrem Fall nicht weit. Als ihre Inspirationsquellen nennt die Autorin die Gemälde von Pietro Longhi, Francesco Guardi und Tiepolo dem Jüngeren. Mit einer Sprache, die an modernen Stilmitteln, Erzählstrategien und Adjektiven so reich ist wie die Rokoko-Palette jener Maler an Farben, beschwört sie die Atmosphäre der Lagunenstadt in dem gedehnten Augenblick, da Reichtum umschlägt in Dekadenz. Die Sterbenskämpfe von Lanzis Frauen stehen für das Purgatorium einer ganzen Kultur. Über diesem Venedig liegt Fäulnisgestank; die Kanäle bergen Wasserleichen, die Gondeln erinnern an Särge, die Gondolieri geleiten die Toten zum Styx.

          In eleganten Capriccios, die in ihrer gestochenen Formulierungskunst auch eine Hommage sind an den Marquis de Sade, Wittkops Lehrmeister, evoziert die Autorin eine Stimmung des Unheimlichen. Intrigen, Spionage und Verrat schildert sie als Lieblingsspiele einer Gesellschaft, die nicht nur zum Karneval die Maskeraden liebt. Die Venezianer erscheinen als Fischnaturen, denen Wasser in den Adern rinnt oder jedenfalls eine Flüssigkeit, die dünner fließt als Blut. So heiratet auch Alvise Lanzi nur ein einziges Mal aus Passion - und bereut den Entschluß sofort: "Er weiß, daß sein Liebeshunger ebenso schnell wieder erlöschen wird, wie er entbrannt ist."

          Trotz des Titels handelt "Der Witwer von Venedig" weniger von diesem als von den Frauen in seinem Leben - erzählt aus der Perspektive eines geheimnisvollen, namenlosen Beobachters, der die Figuren auf- und abtreten läßt wie in einem Puppentheater: "Meine Marionetten werden von innen geführt, genauer gesagt: von unten. Keine Verwicklungsgefahr also, keine Fäden, die sich zu verwirren drohen, die Handlung bleibt in ihrer Komplexität klar." Das stimmt zwar, doch bleibt das Geschehen Nebensache. Im Mittelpunkt steht die elegante Prosa Wittkops, preiswürdig übersetzt von Claudia Kalscheuer.

          In kurzen, oft elliptischen Passagen entsteht das Bild Venedigs wie in einem zerbrochenen Spiegel: Jede Scherbe zeigt eine andere Facette. Die Stadt ist eine Gruft, "balancierend auf Millionen gefällter Bäume". Dabei zeigt sie sich nur zur Hälfte: "Zwillingsstadt unter der Stadt, umgekehrte Replik der Paläste, der Kuppeln, wo jeder Kanal zum Himmel des Hades wird, nicht Spiegelbild, sondern Entgegnung, denn dies hier ist die Stadt der Finsternis, deren Firmament immer schwarz ist."

          "Der Witwer von Venedig" ist eine Herausforderung an die Sinne: Man atmet den Gestank, schmeckt das Gift, hört das Parkett knarren, spürt den Argwohn der Figuren am ganzen Körper. Vor allem jedoch wird Venedig sichtbar in einem so kunstvollen wie künstlichen Bild. Gabrielle Wittkop erweist sich als späte Verbündete von Tiepolo, Goldoni und Casanova. Dieses Venedig versinkt nicht.

          Gabrielle Wittkop: "Der Witwer von Venedig". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Kalscheuer. Hanser Verlag, München 2002. 109 S., geb., 12,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.12.2002, Nr. 301 / Seite 40

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