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: Mit dem Silberhämmerchen

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Vor einem Jahr war Philippe Claudels sechster Roman "Die grauen Seelen" die Sensation im französischen Bücherherbst, ein Erfolg gleichermaßen bei Leserschaft und Kritik. Er hielt sich monatelang an der Spitze der Bestsellerliste und wurde mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet. Für die Kurzgeschichtensammlung ...

          Vor einem Jahr war Philippe Claudels sechster Roman "Die grauen Seelen" die Sensation im französischen Bücherherbst, ein Erfolg gleichermaßen bei Leserschaft und Kritik. Er hielt sich monatelang an der Spitze der Bestsellerliste und wurde mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet. Für die Kurzgeschichtensammlung "Les Petites Mécaniques" hatte Claudel im selben Jahr bereits den Prix Goncourt de la Nouvelle bekommen. In Deutschland ist der 1962 geborene Autor dagegen noch ein Unbekannter.

          Lothringen ist die Landschaft seines Lebens und seiner Bücher. Ein herbes, regenreiches Land, das bis heute durch die Materialschlachten des Ersten Weltkriegs geprägt ist. Mit denen bekommen wir es auch in "Die grauen Seelen" zu tun. Die "Affäre", wie das zentrale Geschehen genannt wird, ereignet sich 1917 in einer kleinen Stadt im Osten Frankreichs. Nicht weit entfernt verläuft seit Jahren die Front des festgefahrenen Stellungskrieges.

          Während dort Hunderttausende gemetzelt werden, gelten im Städtchen noch die Regeln beschaulicher Zivilisation. Gewiß hat man allerhand Beeinträchtigungen durch den Krieg zu ertragen. Das ewige Donnergrollen am Horizont belastet die Nerven; die Straßen sind oft gesperrt, weil wieder Truppentransporte durchziehen. Die vielen jungen Männer, die hier letzte unbändige Tage verleben, bevor es zum Sterben an die Front geht, haben die Prostitution eingeschleppt; und vor allem ist die Stadt ein Auffanglager für Verwundete. Hospitalgeruch weht durch die Straßen. Die ersten Kriegsversehrten werden von den Einwohnern noch bemitleidet, gepflegt, besucht, beschenkt. Dann tritt Gewöhnung ein. "Sie ekelten uns sogar ein wenig . . . Wir nahmen ihnen übel, daß sie uns ihre Verbände, ihre fehlenden Beine und Nasen, ihre kaum verheilten Schädel und schiefen Mäuler vorzeigten."

          Aber sonst geht im Städtchen alles seinen anständigen Gang. Bis eines Tages die Leiche eines zehnjährigen Mädchens im Flüßchen schwimmt und der Versuch, am Rand des Abgrundes die Normalität aufrechtzuerhalten, durchkreuzt wird. Eine panische Suche nach dem Täter beginnt. Aber wie soll über ein einzelnes Verbrechen geurteilt werden, wenn hinter dem nächsten Hügel die große Lizenz zum Töten gilt?

          Dem zuständigen Richter Mierck sind solche Skrupel fremd. Er ist ein Mann, der bei jedem seiner Auftritte wie eine Genußmaschine Nahrung in sich hineinschaufelt, als müßte das Urteil in den Därmen gefunden werden. Schon angesichts der Mädchenleiche überfällt ihn der Heißhunger nach weichgekochten Eiern, die er sich sogleich von den Einsatzkräften herbeischaffen läßt und am Tatort verzehrt, indem er sie mit einem "winzigen, ziselierten Silberhämmerchen" aufschlägt, das er für solche Fälle eigens mit sich führt. Dieser Richter ist die schwarze Karikatur eines sadistischen Juristen, dem es nicht schwerfällt, Schuldige ausfindig zu machen. Während eines Gelages werden zwei Deserteure mit allem anderen als rechtsstaatlichen Mitteln geständig gemacht - hatten sie doch sowieso mit der Todesstrafe zu rechnen.

          Die Geschichte des Mordes und seiner Hintergründe verzweigt sich, denn in jenem Unglücksjahr ereignen sich noch andere überraschende Todesfälle. Die schöne Lehrerin Lysia Verhareine erhängt sich scheinbar ohne Grund, und eine junge Frau verblutet bei der Geburt ihres ersten Kindes, weil ihr Mann - es handelt sich um niemand anderen als den Erzähler - nicht rechtzeitig zu ihr kommen und sie in die Klinik bringen kann: Straßensperrung wegen dringender Truppentransporte. Statt dessen hockt er, der Erzähler, unterwegs mit einem Geistlichen zusammen, ißt Käse, trinkt Wein und unterhält sich angeregt über Blumen - "der schönste Beweis der Existenz Gottes, falls einer nötig wäre", findet der Pfarrer.

          Wer ist dieser Erzähler? Erst im Verlauf der Lektüre wird deutlich: Es ist ein Polizist, der einst mit der Aufklärung des Mädchenmordes zu tun hatte. Zwanzig Jahre später, inzwischen selbst ein ausgebrannter Mann und Übriggebliebener, versucht er, die Ereignisse zu rekonstruieren. Und vieles spricht dafür, daß nicht der verlotterte Deserteur, sondern der höchst distinguierte, zutiefst melancholische Staatsanwalt Destinat der Täter war.

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