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Mit Bubabu wird alles gut

Juri Andruchowytsch feiert die Trunkenheit als Weltzustand

Man sollte Moskau "unter Anwendung humaner parlamentarischer Methoden" dem Erdboden gleichmachen und "wieder die dichten finnischen Wälder pflanzen, die es hier früher gab . . . Man muß diesem Land Ruhe gönnen vor seiner verbrecherischen Hauptstadt." Lustvoll wird der Untergang der verhaßten Metropole imaginiert. Der antisowjetische Affekt befeuert den Erzähler - und der ist niemand anderes als der vom westlichen Feuilleton als kluger Auskunftgeber in Sachen Ukraine geradezu umschwärmte Essayist und Romancier Juri Andruchowytsch.

"Moscoviada", 1993 im Zeitungsvorabdruck erschienen, ist sein bis heute erfolgreichster Roman. Daß er ein Kultbuch werden konnte, erscheint sofort plausibel. Er kam zur rechten Stunde, als geballter Ausdruck eines historischen Moments: der Spannung beim Zerreißen eines Imperiums, das seine Macht überdehnt hat. Der deutsche Leser des Jahres 2006 ahnt, welch diebisches Lesevergnügen dieser burleske Abgesang auf die Sowjetunion vor allen den Abtrünnigen an der Peripherie bereitet haben muß.

Geschildert wird ein triefnasser Maisamstag im Leben des jungen ukrainischen Dichters Otto von F., ein Name, der nach altem galizischem Adel klingt. Von F. bewohnt ein Zimmer im siebten Stock eines Moskauer Dichterwohnheims, wo im Zeichen der Völkerfreundschaft die Stipendiaten aus allen Richtungen der Sowjetunion zusammenleben - Studenten aus Partisansk, Mückomorsk, Leninoscheissk, Uralsk oder Urinsk, wie es mit einer gewissen Neigung zum Namenskalauer heißt. Autobiographischer Hintergrund: Andruchowytsch war 1990/91 selbst Maxim-Gorki-Stipendiat in Moskau.

Der Roman ist in der ungewöhnlichen "Du"-Anrede gehalten, nur in seinen farbenprächtigen Träumen wird Otto von F. die Ich-Form gestattet. Zwei Dinge will er an diesem Samstag erledigen: den prospektiven Herausgeber einer ukrainischen Literaturzeitschrift treffen und später im Kaufhaus "Kinderwelt" Geschenke für die Sprößlinge seiner Freunde kaufen - die Wahl wird nicht schwerfallen, denn dort gibt es nur Papiertauben zum Selberbasteln, diese aber hunderttausendfach.

Allerdings gerät der Tag, der für F. so verheißungsvoll mit einem unverhofften Geschlechtsakt unter der Gemeinschaftsdusche begann, völlig aus den Fugen. Zunächst bricht er mit ein paar "Schriftstellerbrüdern" in eine Bierbar von der Größe und Gemütlichkeit eines Hangars auf. Die männlichen Trinker dort erscheinen als "Runkelrübengesichtermutanten", die Frauen riechen "nach Sickergrube". Moskau, eine Müllwelt, eine Kloake voller Kloakenmenschen.

In den wenigen Jahren, die seit "Moscoviada" vergangen sind, ist die Stadt zur glitzernden, sündteuren Metropole geworden; bei Andruchowytsch ist sie nur ein asiatischer Albtraum. Die Menschen wirken wie befallen von "Viren der Kraftlosigkeit und Apathie". Ein unübersehbares Menetekel des Niedergangs: Es mangelt sogar an Bierkrügen, weshalb die Trinker mit leeren Einmachgläsern unterwegs sind. Selbst der Wodka reicht nicht mehr. Während die heroischen Vorfahren beim Sturm auf Berlin ihr Leben ließen, stirbt mancher Bewohner der späten Sowjetunion über den Mühen der Alkoholbeschaffung. Das Imperium hat seine Treuesten verraten, die Säufer.

Eine weitere Zwischenstation ist ein Imbiß, wo F. von den Schwärmereien eines "bekloppten Feinschmeckers" behelligt wird und nur knapp einem Bombenattentat entgeht. Rückblenden informieren über seine chaotischen Frauenbeziehungen und sein kompliziertes, von Ringkämpfen geprägtes Verhältnis zur schlangengiftkundigen Freundin Galja, der Otto gegen Mittag einen Besuch abstattet. Um Verführung geht es auch in den eindrucksvollen Kapiteln über Ottos "Rendezvous" mit dem KGB. Der Jungdichter wurde mit einer Mischung aus Liebenswürdigkeit und Erpressung (sein Großvater kämpfte in einer ukrainischen SS-Division) zum Mitarbeiter gemacht. "In meiner Biographie liegt eine Zeitbombe . . ." Eines Tages werde ein fleißiger Literaturstudent sie aus den Akten ziehen. Ob Andruchowytsch da etwas mit dem Skandal kokettiert hat?

Otto von F. arbeitet an einem Versroman, einem urukrainischen Epos, und er führt gelegentlich innere Dialoge mit König Olelko II. Und dann ist da der Traum von Lemberg, auch wenn der Name dieser für Andruchowytsch so wichtigen Stadt nicht fällt: "Ein Kumpel hat mir erst kürzlich alte Postkarten aus der Stadt gezeigt, in der ich wohne. Sie sind ungefähr fünfzig Jahre alt. Ich aber rief: Ich will in dieser Stadt leben! Wo ist sie?! Was haben sie mit ihr angestellt?!" So schwärmt Otto in einer vom Suff inspirierten Rede, die in ein Plädoyer für die Unabhängigkeit der Ukraine mündet. Nie ist Patriotismus sympathischer als im Aufbruchsstadium - die westlichen Kategorien von "progressiv" und "reaktionär" greifen hier nicht.

Dann zieht das Tempo an. In einem öffentlichen Pissoir wird von F. der Geldbeutel mitsamt der Rückfahrkarte in die Ukraine gestohlen. Bei der Verfolgung des Diebes gerät er in die düsteren Keller des Kaufhauses "Kinderwelt" und von dort in die Moskauer Unterwelt. Jetzt wird's ein Schauerroman, mit expressionistischen Steilheiten, parodistisch gebrochen. Otto verirrt sich in die Tunnel einer geheimen Regierungsmetro und die Katakomben spätsowjetischer Wissenschaft, der gerade die Züchtung schäferhundgroßer Ratten zur Auflösung ungenehmigter Versammlungen gelungen ist - letzte Geheimwaffe des Imperiums. Von einem Trupp schwerbewaffneter Rattenfänger, ehemalige Afghanistan-Kämpfer, wird er gefangengenommen und zur Hinrichtung vorbereitet.

Das opernhafte Finale furioso schildert ein surreales Symposion zur Rettung der Sowjetunion. Es ist ein gespenstischer Maskenball, der in einem unterirdischen Saal von der Größe des Roten Platzes stattfindet. Hier haben die Machthaber und Tyrannen der russischen Geschichte von Iwan dem Schrecklichen über Katharina bis zu Lenin ihren Auftritt. Aber als von F. dem Spuk schließlich mit Pistolenschüssen ein Ende macht, erweisen sie sich allesamt als sägespänegefüllte Popanze.

Andruchowytsch hat seine allegorische Phantasie ebenso mit Science-fiction und Horrorfilmen wie mit den Unterweltsklassikern von Dante bis Poe genährt. Vor allem aber "Die Reise nach Petuschki", jenes in den Achtzigern kultisch verehrte alkoholisch-apokalyptische Prosapoem von Wenedikt Jerofejew, hat torkelnd Pate gestanden für diese spätsowjetische Phantasmagorie, in der die Trunkenheit zum Weltzustand wird. "Moscoviada" ist ein glänzend geschriebenes, von Sabine Stöhr glänzend übersetztes Buch - was nicht leicht gewesen sein dürfte angesichts des manisch aufgekratzten Grundtons und der vielfältigen Sprachspielereien. Es ist eine volle Ladung "Bubabu", wie Andruchowytsch das karnevalistische Gebräu nannte, mit dem er und einige Mitstreiter die spätsowjetische Ukraine literarisch unsicher machten. Das Imperium wird weggelacht.

Es mangelt nicht an selbstreferentiellen Gags, etwa wenn Otto von F. die "super Zeilen" eines gewissen Andruchowytsch zitiert. Dieser bemüht sich sichtlich, das postmoderne Spaß-Soll überzuerfüllen. Dabei meint der Autor es sehr ernst, insofern er von sowjetischer Verbitterung und ukrainischer Aufbruchshoffnung angetrieben ist. Und von der Angst, das Imperium könnte doch noch zurückschlagen. Ist es vielleicht nur ein Trick, die Nationen heimzuschicken in die Unabhängigkeit? Sollen sie doch ihr Referendum machen. Sollen sie die Freiheit haben, sich in den Abgrund der Inkompetenz zu stürzen. Wenn sie erst einmal eine Weile sich selbst überlassen waren, wird Rückkehrsehnsucht die Folge sein, und das Imperium wird im Schein der verlorenen Größe erstrahlen. Die amputierten Glieder des Reichs werden wieder zusammenwachsen; ein neues, wunderbares Zeitalter der Deportationen wird kommen. In dieser Vision ergeht sich ein hohnlachender, mit schwarzem Strumpf maskierter Anonymus, und wenn man an die Verklärung der kommunistischen Epoche im neoautoritären Rußland denkt, mag einem dabei mulmig zumute werden.

Juri Andruchowytsch: "Moscoviada". Roman. Aus dem Ukrainischen übersetzt von Sabine Stöhr. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006. 223 S., geb., 22,80 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.09.2006, Nr. 228 / Seite 52

 
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Veröffentlicht: 30.09.2006, 12:00 Uhr