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Milan Kundera: Eine Begegnung : Lob der Verpönten

Bild: Verlag

Wider die schwarzen Listen der Literaturgeschichte: In seinen Essays gibt sich Milan Kundera als Überbleibsel einer Epoche - und erweist sich abermals als ein Meister der literarischen Moderne.

          Seine Essays seien „schwerfällig, langweilig, reizlos“, hat Milan Kundera einmal über Robert Musil geschrieben: Musil sei nur als Romancier ein großer Denker. Für Kundera gilt das nicht (und womöglich nicht einmal für Musil). Der Tscheche, der seit fast vierzig Jahren in Frankreich lebt und gerade als einziger lebender Autor in die Pléiade-Edition des Verlags Gallimard aufgenommen wurde, gehört auch als Essayist zu den Meistern des Metiers. Das bedeutet freilich nicht, dass er sich nicht auch irren kann. Im Gegenteil: Kunderas Irrtümer verraten oft mehr über den Künstler, der da schreibt, als seine Wahrheiten. Wo er recht hat, hat er recht; wo er unrecht hat, offenbart er sich.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Zum Beispiel in der Passage über Thomas Mann, die in Kunderas neuem Essaybuch „Eine Begegnung“ steht - dem vierten Band mit Aufsätzen und Betrachtungen, den der Autor der „Unerträglichen Leichtigkeit des Seins“ inzwischen veröffentlicht hat. Mann, schreibt Kundera da, sei ein Opfer „des Spiels historischer Zufälle“ geworden, die aus ihm in der Zeit des Nationalsozialismus einen Repräsentanten der wahren deutschen Kultur gemacht hätten. So sei seine Erzählkunst unter der Maske des „großen Mannes“ verkümmert: „der Ernst seiner Situation hat das bezaubernde Lächeln seiner Bücher hoffnungslos verdunkelt“.

          Das Elend der Medien- und Konsumgesellschaft

          Das ist natürlich ganz und gar nicht wahr, im Gegenteil: Das „bezaubernde Lächeln“, die epische Ironie der Prosa Thomas Manns wurde nach seinem Abschied von Nazi-Deutschland noch bezaubernder; zwei seiner humoristischen Meisterwerke, der „Erwählte“ und der „Felix Krull“, entstanden im Exil, und auch den Roman „Lotte in Weimar“ wird man, bei allem Respekt gegenüber Milan Kundera, kaum als „verdunkelt“ bezeichnen. Dafür schildert der Essayist Kundera in der Maske eines Thomas-Mann-Exegeten hier sehr genau seine eigene Situation: Aus seiner tschechischen Heimat ausgebürgert, kämpft er seit vielen Jahren darum, nicht als „Dichter des Exils“, sondern als in Brünn geborener Weltschriftsteller wahrgenommen zu werden; nicht als „großer Mann“, sondern als großer Autor. Dieser Kampf war erfolgreich, zumindest, was Kunderas belletristisches Werk angeht.

          In seinen Aufsätzen hingegen zeigt sich Milan Kundera stärker geprägt von jenem historischen Ernst, den er Thomas Mann unterstellt. Hier spricht er als Vertreter des Exils - nicht des tschechischen Exils in Frankreich, sondern eines viel tieferen, existentiellen Exils: der Einsamkeit des Künstlers in der Gegenwart. Der erste Text des neuen Essaybands handelt von Francis Bacon, einem Maler, für den es „absolut niemanden“ gab, mit dem er über seine Arbeit sprechen konnte. „Er redet“, sagt Kundera, „wie eine Waise. Und er ist es.“ Auch Milan Kundera gibt sich in seinen Essays als verwaistes Überbleibsel einer Epoche: Hinter ihm liegt die literarische Moderne, vor ihm (und um ihn herum) das Elend der Medien- und Konsumgesellschaft. Diese Selbststilisierung ist natürlich auch eine Maske, durch die Kundera spricht wie die Schauspieler im antiken Theater. Aber was er zu sagen hat, ist reich an ästhetischer Erfahrung und frei von Wehleidigkeit, und so hört man ihm gerne zu.

          Mit dem Unentrinnbaren der Endlichkeit versöhnt

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