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Michael Ondaatjes neuer Roman : Genuss für die Freunde feiner Filetarbeiten

  • -Aktualisiert am

Auslauf in Ruinen: Im Sommer 1945 bleibt der vierzehnjährige Nathaniel allein im zerstörten London zurück. Bild: Edith Tudor-Hart

Ein Künstler schafft die subtilsten Textgewebe: Michael Ondaatjes neuer Roman „Kriegslicht“ bietet all das, was diesen Autor so faszinierend macht.

          Der Romantitel klingt nach Sparmaßnahme, Notration oder Verdunkelung. Kriegslicht kann man sich nicht hell und klar vorstellen. Tatsächlich spielt Beleuchtungstechnik eine starke Rolle und folgt, wie sich bald erweist, einer subtilen Lichtregie: von der „submarinen Beleuchtung“ eines Restaurants über das schwarzweiße Flackern der Gesichter eines Kinopublikums oder den Widerschein von Gewitterblitzen auf der Haut beim jugendlichen Sex bis hin zum Schein der Kerze, mit dem Jahre später der Erzähler seinen Versuch beschreibt, das Erlebte, aber kaum Begriffene, aus dem Dunkel der Vergangenheit zu holen: „als schriebe ich bei Kerzenlicht. Als könnte ich nicht sehen, was im Dunkel jenseits der Bewegung dieses Stifts geschieht. Als wären es Momente ohne Zusammenhang.“

          Doch mit den Titeln hat es bei Michael Ondaatje eine Bewandtnis, man muss sie überdenken und, je mehr man von der Geschichte erfährt, neu verstehen lernen. So trägt etwa der Titelheld seines Welterfolgs „Der englische Patient“ die nationale Bezeichnung nicht etwa, weil er Engländer ist, sondern weil er sich vorübergehend in englischer Pflege befindet – eine Zuschreibung von außen also, die seine wahre Identität lange Zeit verdeckt. „Der englische Patient“ erschien vor 25 Jahren und hat kürzlich, nach öffentlichem Votum einer internationalen Leserschaft, die Sonderauszeichnung als bester der in fünfzig Jahren mit dem Booker-Preis geehrten Romane erhalten. In seiner Dankesrede erklärte der Autor, dass er sein Erfolgsbuch seit Erscheinen selbst nicht mehr gelesen habe.

          Mit „Kriegslicht“ aber knüpft er unverkennbar daran an, als wollte er dessen packende Geschichte aus verschobener Perspektive noch einmal erkunden – eine Rückkehr in die vierziger Jahre, in eine Nachkriegswelt von offenen Wunden, voller Minen und Ruinen, Spione und Schmuggler, Rächer und Missionen. Ein erzählerischer Glücksfall. Ein Triumph.

          Tödliche Gefahr

          Er beginnt mit einem Aufbruch. Im Sommer 1945 erklären die Eltern, dass sie beruflich für ein Jahr nach Singapur müssen und ihre beiden Teenager in London für diese Zeit in die Obhut eines „Kollegen“ (wie sie ihn vertrauensstiftend nennen) übergeben wollen. Der vierzehnjährige Nathaniel und seine etwas ältere Schwester fügen sich anfänglich in ihr Schicksal, auch wenn sie dem „Kollegen“, der binnen kurzem eine ganze Schar zweideutiger Gestalten ins Haus bringt, allerhand Verbindungen in die Halb- und Unterwelt zutrauen. Doch dann mehren sich die Zeichen, dass ihnen etwas vorgemacht werden soll. Im Keller findet sich der Überseekoffer, der für die angebliche Fernostreise gepackt worden war; vom Vater gibt es künftig keine Lebenszeichen, doch die Mutter taucht, wie es scheint, hin und wieder flüchtig auf, auch wenn es Nathaniel nie gelingt, sie sicher zu erkennen oder anzusprechen.

          Michael Ondaatje: „Kriegslicht“. Roman. Aus dem Englischen von Anna Leube. Hanser Verlag, München 2018. 320 S., geb., 24,– Euro.

          Er ist mit seiner Pubertät beschäftigt, mit Schulproblemen, Jobs als Liftboy, Küchenjunge oder Schmuggelhelfer und vor allem mit seiner ersten Liebe. Erst durch eine dramatische Zuspitzung zeigt sich plötzlich, in welch tödlicher Gefahr er die ganze Zeit gelebt hat und wie sehr sich seine Mutter zu Recht um die Kinder sorgen musste. Vierzehn Jahre später, als die Mutter nicht mehr lebt, der Vater längst verschollen und der Kontakt zur Schwester abgerissen ist, beginnt Nathaniel, den Spuren der verlorenen Familie nachzugehen und aus Archiven, Fotos, Tonbändern oder Erinnerungen Stück für Stück zu sammeln, was ihm helfen mag, das Vorgefallene zu begreifen und die düsteren Nachkriegswirren, in die er seinerzeit geraten ist, allmählich zu entwirren.

          Erzählen statt nur rekonstruieren

          So setzt der Roman nach einem guten Drittel abermals an und wandelt sich von einer Adoleszenzgeschichte zu einer melancholischen Spionageerzählung, die allerdings mit jeder Wendung, statt das Dunkle zu erhellen, nur immer weitere Düsternisse freilegt. Wie sich herausstellt, war die Mutter jahrelang im Auftrag des britischen Geheimdiensts tätig, musste in Italien und andernorts heikle Missionen übernehmen, die womöglich nicht durchgehend moralischer Bewertung standhalten, und hat den Rückzug ins Privatleben, nach dem sie sich so sehnte, nie mehr richtig vollziehen können. Ihr Deckname lautet „Viola“, vielleicht nach einer Shakespeare-Heldin, deren verzweifelter Stoßseufzer in diesem Roman vielfach widerhallt: „O Zeit, du selbst entwirre dies, nicht ich. / Ein zu verschlungener Knoten ist’s für mich.“

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