03.02.2012 · Diese Literatur entsteht aus der Angst, die sie vertreibt: In seinem lyrischen Abenteuerroman lässt Michael Ondaatje einen Luxusdampfer leuchten - und alle Erdenschwere endgültig hinter sich.
Von Markus GasserEinmal träumte Michael Ondaatje sich als Barmann, der mit einer Axt Gläser voll Gin zu Scherben schlug, um dem Vater den Fluch der Trinkseligkeit aus dem Blut zu treiben. Dieser Traum verriet ihm nur erneut, dass er den Sinn fürs Theatralische, Streitsucht, Gewalt und Zorn von seinem alkoholverwitterten Vater geerbt hatte, der zugleich die Bücher liebte, den verstohlenen Humor und die Kinder, ihre Unschuld und Leichtgläubigkeit. „Du hast mich“, warf der Sohn ihm vor, „zum Hasardeur gemacht“: gewiss - aber auch zum befreiendsten Schriftsteller unserer Zeit.
In Ondaatjes neuem, heute erscheinenden Roman „Katzentisch“ kehrt der Vater als melancholischer Pianist Max Mazappa wieder, „halb Sizilianer, halb sonst noch was“: Mit vertändelt obszönen Songs librettiert er vor einem verzückt verwirrten Teenagerpublikum die Geschichte seines tropenfiebrigen Lebenslaufs. Dabei wirft er Wahrheit und Fiktionen hemmungslos durcheinander und lässt hinter seiner vollmondhellen Begeisterung ein Selbstporträt seines Schöpfers Ondaatje erahnen, auf dessen Heimatinsel Sri Lanka eine gut erzählte Lüge mehr wert sein kann als tausend Fakten. „Überirdisch und unvergesslich, kugelsicher und wasserdicht“, versetzen uns Ondaatjes Zeilen seit den „Gesammelten Werken von Billy the Kid“ 1970 wie die Verse Mazappas in jenen sanften Schauer, der jeden befallen kann, der im Indischen Ozean zum ersten Mal die Anmut einer Koralle in Händen hält.
Wie Mazappa hat Michael Ondaatje stets einen thrillernahen Plot unter Deck seiner Romane verborgen, wechselt bisweilen in nur einem einzigen Satz von Zartheit zu Mordlust, von einem Kontinent zum nächsten und von einer Vergangenheit, da noch alles träumerisch möglich schien, zu einer verfinsterten Gegenwart hin und zurück. Ondaatje zu lesen heißt seit dem „Englischen Patienten“ (1992), dass man auf die nächste herzweitende Seite hofft. Im „Katzentisch“ navigiert er uns - Emblem schlechthin für sein odysseeisches Werk - in einem schwimmenden globalen Dorf 1954 für drei Wochen von Sri Lanka über den Golf von Aden und das Rote Meer durch den Suezkanal nach London: Für manche mit tödlichen Folgen. Zum Glück verlässt Mazappa das Schiff früh genug.
Hals über Kopf verliebt hat er sich - und flüchtet. Aber er ist ohnehin nur ein Genie unter all den andern Genies der Wunderlichkeit, die den kanariengelben Luxusdampfer „Oronsay“ heimsuchen wie ein amphetaminsüchtiger Gauklertrupp: Mazappas Kurzzeitgefährtin Perinetta Lasqueti wirft haufenweise langweilige Bücher über die Reling und führt ihre Tauben in den wattierten Taschen ihres Jacketts spazieren, um sie tüchtig Seeluft schnuppern zu lassen. Ein Baron entpuppt sich als Dieb, der die athletisch wendige Jugend an Bord durch Luftschächte zwängt, um in die Kabinen der Reichen zu gelangen wie in diejenige Sir Hector de Silvas, den ein buddhistischer Mönch mit dem Fluch der Tollwut zur Bettlägerigkeit verurteilt hat. Der ewig bekiffte Botaniker Daniels errichtet sich tief im Bauch des Schiffes ein giftiges Stechapfelparadies; und der Wahrsager Sunil verführt Emily de Saram dazu, bei der Befreiung des Sträflings Niemeyer aus dem Hades des Maschinenraums behilflich zu sein. So gerät Emily in eine Intrige, die ihr Dasein zerrüttet.
Sie alle aber werden von jemandem beschattet, einem, dem nichts entgeht: Auf den Inseln im Indischen Ozean, Sri Lanka, Madagaskar, Mauritius, wo das Meerwasser wärmer ist als die Luft, wo Palmblätter im Sturm wie Finger nach dem Himmel greifen und riesenhafte Seesterne und Korallenwracks an die Strände treiben, flattert der muntere Sperlingsvogel Mynah, papageienhaft sprachbegabt, zum Frühstück herbei, um auf dem Balkon freigiebig deine Cashnewkerne mit dir zu teilen. Mit dem Spitznamen „Mynah“ adelten Ramadhin und Cassius ihren elfjährigen Kompagnon Michael, den nunmehr zum Schriftsteller gereiften Erzähler des Romans, der im Speisesaal der „Oronsay“ mit ihnen am titelgebenden Katzentisch saß: So weit wie nur möglich entfernt von der Tafel des Kapitäns. Dort schlossen die Drei den Pakt, jeden Tag ein Verbot zu übertreten: Sie stehlen der Ersten Klasse das Frühstück, erlernen das Rauchen und den Genuss exotischer Alkoholika und spionieren die Erwachsenen dabei aus, wie sie das ihnen - ihres Erachtens - Erlaubte tun und meist fürchterlich kentern.
Dennoch ist die „Oronsay“ kein Narrenschiff, das eine vernichtenswert verkommene Gesellschaft mikrokosmisch spiegeln soll; und Ondaatje erspart uns das allzu vorhersehbare Wagnergejubel über den „Untergang des Kapitalismus“, den man oft mit Prunkkähnen nach Art der „Titanic“ zusammenreimt, so wie der verächtliche Jesuitenzögling Naphta im „Zauberberg“ es tut. Perinetta Lasqueti hat stets eine Ausgabe von Thomas Manns Roman bei sich; doch liest sie ihn nie.
Eher kommen die pfauenbunten Bewohner dieses Meerschlosses wie eine weitläufige Familie daher, die einen Psychiaterkongress über Tage bei bester Laune hielte. Zueinander findet sie nie. Jede Berührung ist bereits vom Frost des Abschiednehmens emailliert. Im Bett mit seiner Cousine Emily de Saram ergreifen Mynah Schwindel, Erregung und Sicherheit. Doch wenn Emily morgens erwacht, taucht sie aus einem Geistermeer von Ängsten hoch, und obgleich sie wie durch eine unterirdische Silberader mit ihm verbunden bleibt, wird ihr der erwachsene Mynah alias Michael jene Geborgenheit nicht schenken können, die sie braucht, um vor sich selbst geschützt zu sein. Dafür ist er einfach nicht Mensch genug.
Dabei hat auch ihn auf der „Oronsay“ einmal jene Sturmflut aus Furcht überschwemmt, mit der Emily täglich kämpfen muss, als wäre er für sich allein ein verlorenes Schiff im weißschäumenden Grab der See. Wie Jahre später Ramadhins Herz, steht in diesem Augenblick die Erde still. Und über ihr wölbt sich kein Sternenhimmel, sondern nichts als ein Friedhof aus Nacht.
Darum verkommt „Katzentisch“ nie zum Bildungsroman: Michael sehnt sich lebenslänglich nur Ramadhins liebesmächtiges Herz zurück, den flimmernden Funken im arktischen Kristall dieses Romans. Als die „Oronsay“ am Kai von Tilbury zur Ruhe kommt und die Mutter ihren Michael in die Arme nimmt, bemerkt er erst, wie ihn von Beginn seiner Reise an eine Kälte durchdrungen hat, die ihn nie mehr verlassen wird. Der Splitter der Schneekönigin aus Andersens Märchen steckt bis zum Ende in ihm fest. Der Mynah ist, bekennt Michael, „ein unzuverlässiger Vogel, dem man trotz seiner erstaunlichen stimmlichen Fähigkeiten nicht trauen kann“.
Er wollte jenes Gesetz entdecken, das alles regiert, sagt Sarath in Ondaatjes „Anils Geist“ (2000), „und ich fand die Angst“. In „Divisadero“ (2007) hat Anna die Kunst als Rettung entdeckt: Eine Gasse in Paris, die Victor Hugo in den „Elenden“ eigens für seine Hauptfigur ersonnen hat, damit sie sich darin verbergen kann. Ondaatje ist stets der Autor für all jene gewesen, die in der Literatur die Gelegenheit spürten, dem Gesetz der Schwerkraft zu entgehen, dem Gewicht eines von Furcht belagerten Daseins; und wie jeder große Erzähler schürt und beschwichtigt Ondaatje sie wieder, als finge er einen stürzenden Sperling auf und erblickte die ganze Welt in einem Körnchen Sand.
Doch was so leichthin vollendet vor uns steht, täuscht darüber hinweg, wie es jahrelang um- und umgearbeitet wurde, als stemmte Ondaatje ein ganzes Korallenriff hoch, um es uns strandsicheren Touristen zeigen zu können. Noch in den dürrsten Gegenden der Erde gebe es so viel wahrzunehmen, schrieb er einmal, dass er sich zuweilen für einen seiner fünf Sinne entscheiden müsse; in seinen Romanen aber sind sie stets alle zugleich am Werk, in der pointiertem Eleganz seiner Charaktervignetten und Episoden, die sich je zu einer eigenen Geschichte schließen, in seinem menschenverliebten Humor und dem exzentrisch kühnen Prunk seiner unerfindlichen Metaphern, vor der selbst seine Übersetzer oft eingeschüchtert zurückzuweichen gezwungen sind. Wem fällt schon ein, vor Anker liegende Schiffe mit „an Küsten angefügten Städten“ zu vergleichen, einen Sandsturm mit dem „letzten Seufzer Arabiens“ oder Moskitonetze mit den „Kleidern erhängter Bräute“?
Michael Ondaatje ist schon immer sehr weit gegangen, und gerade deshalb nimmt sich so manches an Gegenwartsliteratur neben ihm wie eine betrunkene Krähe aus, die aus Versehen an Mazappas Klavier gerät und die Tasten rauf und runter torkelt. Seit dem „Englischen Patienten“ als nobelpreiswürdig erwogen zu werden, nimmt er mit beinah abwehrender Bescheidenheit zur Kenntnis. Zu Unrecht: Der Preis wäre geehrt.