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1 Buch, 1 Satz : Tod, wo ist dein Griffel?

Bild: FAZ.NET

Schreiben können nur wir Menschen: Michael Lentz erzählt mit „Schattenfroh“ seinen Vater und seine zerstörte Heimatstadt zurück ins Leben.

          Der erste und der letzte Satz dieses Buchs lauten gleich, und zwischen ihnen liegen exakt tausend Seiten. „Man nennt es schreiben“, so steht es am Anfang und am Ende, und dazwischen wird schreibend vorgeführt, was das alles heißen kann: konkret und assoziativ schreiben, vorwärts und rückwärts, buchstäblich und anagrammatisch, konventionell und kopfstehend, in Antiqua und Fraktur, gedruckt und handschriftlich, schwarz auf weiß und verblassend, todernst und wortspielerisch, verstörend und betörend. „Schattenfroh“ von Michael Lentz ist ein Buch der Gegen-Sätze: ein permanenter Zwist von Vater und Sohn, Leben und Sterben, von Gegenwart und Vergangenheit, von Wirklichkeit und Literatur. „Das ist nicht mein Buch“, sagt sein Erzähler nach mehr als achthundert Seiten, „was hier gedruckt wird. Mein Buch ist ein absolutes Buch, es hat apokryphe Teile und zwei Zentren, mein Buch ist eine Person als zwei, das sind mein Vater und das bin ich.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die grammatikalisch unmögliche Formulierung des letzten Satzteils ist kein Versehen, schon gar kein Verschreiben. Sie drückt eben die Differenz zwischen Vater und Sohn aus. Alles in „Schattenfroh“ ist mehrdeutig und dabei so minutiös konstruiert, dass man nach der ersten Lektüre direkt die zweite beginnen sollte, um die grundlegende Zweiteilung des Buchs erst richtig schätzen zu lernen. Sie bildet den Zwiespalt ab, in dem sich der Erzähler befindet: als schreibend Beschriebener, der nur zu genau weiß, dass er gar keine letzte Gewalt hat über das, was er da erzählt. Weil „Schattenfroh“ kein Roman ist, sondern gemäß der von Lentz gewählten Genrebezeichnung ein Requiem, und zum Requiem gehört der Tod. Er entzieht sich allem Begreifen, weil er nicht selbst erlebt werden kann. Und doch empfindet man den Tod zutiefst: als Hinterbliebener.

          Radikal suggestiv und damit zutiefst tröstlich

          Am 20. August 2014 ist der Vater von Michael Lentz gestorben, sechzehn Jahre nach der Mutter, deren Tod damals zum Anlass für das bewegende Buch „Muttersterben“ geworden war. „Schattenfroh“ ist kein Komplementärstück geworden, dazu sind die beiden Umfänge zu ungleichgewichtig, fünffach dicker ist das Vaterbuch. Man mag es als Variationen über das alte Thema betrachten, denn einiges, was „Schattenfroh“ bemerkenswert macht, war in „Muttersterben“ schon angelegt (handwerklich etwa eine lange handschriftliche Passage, inhaltlich die wiederkehrenden Exerzitien des Schmerzes), aber wie das neue Buch die Sache angeht, unterscheidet sich gravierend vom Vorläufer. Hier wird ein Verlust zu bewältigen versucht, indem nun dem Verstorbenen eine Stimme verliehen, er zum Mitverfasser des Buchs gemacht wird. „Muttersterben“ war radikal subjektiv und darin untröstlich, „Schattenfroh“ ist radikal suggestiv und damit zutiefst tröstlich. Ein Requiem eben.

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