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Michael Lentz: Textleben : Bergbesteigung ohne Seil und Eispickel

  • -Aktualisiert am

Bild: S. Fischer Verlag

Tooooor! Mit seinen Aufsätzen und Reden zielt Michael Lentz in die Schnittstellen von Text und Welt und zeigt uns schreibend, wie Literatur Leben verändert, wenn man sie lässt.

          Michael Lentz, 1964 in Düren, also im Rheinland geboren, wie man unschwer hört, Anhänger des 1. FC Köln, ehemaliger deutscher Meister im Poetry Slam und Bachmann-Preisträger, ist ein Sprachbegeisterter, dem allzeit der Mund übergeht, ein hinreißender Redner und Vorleser, ein Abraham a Santa Clara des Medienzeitalters, ein Bußprediger wider die Faulheit und Trägheit des oberflächlichen Dahinlesens. Anders als der Enthusiast aus Krenheinstetten schaut er aber nicht nur dem Volk, sondern vor allem der Sprache auf das Maul, auf dass wir hören sollen das Wort mit allem was wir haben, Geist, Seele und Sinnlichkeit, und teilhaftig werden „des irdischen Vergnügens“ der Lust am Text.

          Schon jede einzelne Ansprache des Dichters und Literaturprofessors ist geladen mit Ansprüchen und Anforderungen. Die gesammelten Reden und Aufsätze zur Poetik, die Besichtigungen des eigenen Werks und die Essays zur Literatur, von Rühm, Riedl, Pastior, Herta Müller, Friederike Mayröcker, Helga M. Novak oder Kling über Robert Walser, Thomas Mann, Rilke und Benn zu Beckett, formieren sich zu einem Textmassiv, vor dem sich sogar der Herausgeber Hubert Winkels, selbst ein ausgewiesener Vor- und Lustleser und brillanter Essayist, etwas erschrocken zu haben scheint. So macht er gleich mehrere Vorschläge, wie es der Leser durchwandern soll, warnt aber auch davor, sich im Unwegsamen zu versteigen: Augen offen halten, Textbewegungen nachvollziehen, aber sich nicht zu tief hineinziehen lassen in die Selbstbezugnahme und das Gipfelstürmerische dieses Extremsportlers der Literatur.

          „Lesen heißt sich ernähren. Sich anspornen“

          Der Leser solle doch einmal mit Michael Lentz ein Fußballspiel ansehen, da würde ihm ein Licht aufgehen. Das klingt fast gefährlich. Gegen wen mag sich das „hate-speech-crescendo der heiteren Art“ wohl gerichtet haben, als Jogi Löws blutjunge, ballacklose Truppe bei der WM 2010 Argentinien mit einer taktischen Meisterleistung 4:0 zerlegte? Vermutlich gegen kleines, dickes Maradona, der als genialster Spieler und dilettantischster Trainer Südamerikas in die Geschichte eingehen wird. Michael Lentz hat anlässlich des Bachmann-Preises 2001 eingeräumt, dass seine „Fußballbegeisterung schon fast was Asoziales“ hat. Beim historischen Sieg der Schriftsteller über den ORF in Klagenfurt hat der kampfstarke Mittelfeldspieler aber alles für die Mannschaft gegeben.

          Offenbar soll der Leser die Anforderungen des schwergewichtigen Buchs sportlich nehmen. Sportlichkeit empfiehlt der boxende Literaturlehrer auch den angehenden Schriftstellern in Leipzig. Leibesübung gibt Kondition am Computer und sorgt dafür, dass man in der „Erprobungssituation“, wie dem Wettlesen in Klagenfurt, nicht plötzlich ermüdet. Mit dem Rauchen aufhören. Mit dem Lesen nicht aufhören, „Lesen heißt sich ernähren. Sich anspornen.“ Unordnung ins Leben bringen, das macht flexibel. Reisen mobilisiert Schreiben und Denken. Nicht versuchen, sich in den Leser einzufühlen, das entfremdet vom Vorhaben.

          Die notorische Lust am Dazwischenhauen

          In der „Tateinheit von Schreiben und Lesen“ läuft die säkulare Lentzsche Gebetsmühle auf vollen Touren, der Dilettantismus vorgeblicher Unmittelbarkeit ist ihm zuwider. Wer ein Lyriker sein will, nicht nur ein selbsternannter, „muss mehr als tausend Gedichte quer durch alle Zeiten gelesen haben, wer keinen Ezra Pound gelesen hat, kann kein Dichter sein, wer noch nie Reinhard Priessnitz gelesen hat, kann kein Dichter sein, wer über Stefan George lacht, kann kein Dichter sein, wer bei August Stramm glaubt, sich verhört zu haben, ist für die Poesie verloren, an wem Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire spurlos vorbeigegangen sind, an dem ist alles vorbeigegangen“. Tradition ist nämlich, „wenn man trotzdem weitermacht“. Tradition und Experiment sind gerade in der Lyrik aufeinander angewiesen. In ihrer Schnittstelle erst wird es interessant. Je mehr ein Autor liest, desto weniger Einflussangst wird er haben, umso besser wird er wissen, was er tut, wenn er Ich sagt. Ein Ich ohne den Horizont der Tradition ist „schalltoter Raum“. Der Großteil der zeitgenössischen Lyrik, schimpft der Dichter, schert „sich nicht um Vorgängiges, sondern geht frisch daran, die Welt der Poesie neu zu erfinden“. Kein Wunder, dass die meisten zeitgenössischen Autoren „so enttäuschend hohle Nüsse“ sind, dass sie nicht einmal Vorwürfe provozieren.

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