15.09.2007 · Was ging in Thomas und Heinrich Mann, Brecht, Werfel und Feuchtwanger in ihrem kalifornischen Exil vor? In seinem neuen Roman wagt es Michael Lentz, ihrer Existenz- und Sprachnot seine Stimme zu verleihen. Und kommt ihrer Innenwelt näher als jeder andere zuvor. Von Edo Reents.
Von Edo ReentsDie bis heute nachwirkende Debatte um die deutsche Emigrantenliteratur lässt sich politisch wie eine Ansammlung von Fußnoten zu den Gründungsurkunden beider deutscher Staaten nach 1945 lesen. Vor allem zwei Fragen spielten in der Auseinandersetzung zwischen den inneren und den äußeren Emigranten eine Rolle: Wer hat mehr erlebt und erlitten? Und wer hat, auf Grund dieser Erfahrungen, recht, ja, überhaupt ein Recht zu urteilen? Die zeitgeschichtliche Dimension, die damit berührt ist, kommt ohne eine literarische nicht aus - wenn man sich darauf einigen kann, dass Literatur (auch) Erinnerungskunst ist, mit der wir uns über uns selbst verständigen.
Mittelbar trug Literatur auch zur Beantwortung der Frage bei, welche Konsequenzen aus dem Nationalsozialismus zu ziehen waren und wie es mit Deutschland weitergehen solle. Innerhalb des Emigrantenlagers kam es zu dem denkwürdigen Frontverlauf unter den beiden wohl bedeutendsten Schriftstellern jener Zeit: Während der Kommunist Bertolt Brecht die Deutschen mehrheitlich entschuldigt und entsprechend geschont sehen wollte, ging der konservativ gebliebene Thomas Mann mit ihnen scharf ins Gericht und hatte gegen eine Bestrafung wenig einzuwenden.
Der Michael-Lentz-Sound
Ein Roman, der all diese Fragen zur Sprache bringen wollte, bräche unter deren Last wahrscheinlich zusammen. Michael Lentz hat für „Pazifik Exil“ eine lockere Konstruktion gewählt, und das war eine kluge Entscheidung. Die zweite, ebenfalls kluge Entscheidung war, sich auf einen Dialog zwischen der amerikanischen Westküste und den Daheimgebliebenen gar nicht erst einzulassen; es zählt nur die Perspektive der Exilanten. Deshalb spielt das Politische in Form öffentlicher Debatten eine verblüffend geringe Rolle. „Pazifik Exil“ ist eher ein psychologischer Roman, ein Kammerspiel, in dem Ressentiments und Entwurzelung, Neid und Einsamkeit, dazu werkbezogene Fragen wichtiger sind als die weltpolitische Lage, die immer nur wie von ferne angerufen wird und, abgesehen von der Pyrenäenflucht am Anfang, ins geschilderte Leben kaum hineinspielt.
Die gut zwanzig Kapitel hängen, chronologisch und inhaltlich, allenfalls lose miteinander zusammen und verzichten auf den Anspruch des Konsistenten, Zuendegedachten und -erzählten. Dass Lentz es dabei gleich mit einem halben Dutzend Emigrantenschicksalen aufnimmt - Thomas und Heinrich Mann, Brecht, Schönberg, Feuchtwanger und Werfel; dazu deren Anhang -, könnte vermuten lassen, er verhebe sich damit. In der Tat wird Lentz dem auf jeder Seite spürbaren Anspruch, seinem Personal gleichsam die Schädeldecke abzunehmen und in die Köpfe hinein zu sehen, nur mit Einschränkungen gerecht. Diese Selbstgespräche deutscher Eingewanderter sind zwar auf Authentizität und historische Verbürgtheit angelegt, was angesichts der guten Überlieferungslage aus den mal wortgenau, mal recht frei ausgeschlachteten Tagebüchern, Briefen, Essays und Werken der Genannten auch kein allzu großes Wagnis war; aber wenn man sich auf die inneren Monologe, erlebten Reden und auktorial erzählten Situationen einlässt, wird man nach einer gewissen Zeit doch den einen Michael-Lentz-Sound heraushören. Das Übergewicht an Gedachtem bricht in sich zusammen, wenn man das auf Lesefluss ausgerichtete Fertigungsprinzip bemerkt: Niemand denkt so, wie Lentz hier schreibt; niemand fragt sich selber beim Denken: „Wo war ich stehen geblieben?“ Perspektivische Brüche, abrupte Wechsel zwischen innerem Monolog und auktorialem Erzählen beweisen, dass sich ein solch ambitioniertes Verfahren eben doch nur schwer durchhalten lässt; sie hätten sich durch Mut zu mehr Anführungszeichen etwas glätten lassen. Neudeutsche Salopperien wie „ein Rattenschwanz von Überbau“ oder Nachlässigkeiten wie „Sie haben es, werte Alma, Sie haben es“ laufen mit unter. Letzteres kann allenfalls eine Anspielung aufs bairische „Host mi?“ sein; als Anglizismus im Sinne des „You got it“ kann man es schon deswegen nicht akzeptieren, weil das Personal fast durchgängig Berührungsängste zum Englischen hat.
Weltverlust und Sprachverlust
Und hier, abseits solcher Einschränkungen, ist man beim eigentlichen Thema des Romans: dem Verlust der gewohnten Welt durch den Verlust der Sprache, jedoch nicht im sprachkritischen Sinne. Lentz, der Lautpoet, sieht ganz richtig, dass die Einsamkeit der Emigranten vor allem ein sprachbedingtes Phänomen war, unter dem ja gerade die litten, die sonst nicht auf den Mund gefallen waren, also auch der selbstbewusste Brecht. Dass Lentz ihm und Heinrich Mann am nächsten steht, hat indes nicht zu erwartbaren Ergebnissen geführt.
Die Brecht-Passagen gehören in ihrer Komik, ihrem Mutterwitz und dem schlauen, unsentimentalen Egoismus zu den überzeugendsten, während die zum armen Heinrich eher missraten sind, mit Ausnahme der anrührenden Beerdigung der Thomas so verhassten Ehefrau Nelly. Heinrich mag ein humanitär einwandfreier politischer Schwärmer gewesen sein; aber die Idee beispielsweise, er wolle Hitler, der auch von anderen in typischer Intellektuellen-Affigkeit immer nur mit „Herr“ angeredet, telefonisch sprechen, wirkt banal, weltfremd und ärgerlich, „gedrechselte Verblendung“, wie der Bruder sagt. Da ist Brechts Realismus von anderem Kaliber. Beeindruckend aber auch, was Lentz in den Thomas-Kapiteln leistet: Die auch stilistisch einfühlsame Ausbreitung einer Existenz, der es äußerlich an nichts fehlte und die monomanisch hellsichtig aufs Werk abgestellt war, hat streckenweise „Lotte in Weimar“-Format. In Felix-Krullscher Weltbejahung heißt dieser Goethe von Hollywood als Einziger die Situation ohne Euphorie gut: „Es ist kein Verdienst, Deutschland verlassen zu haben, das ist Instinkt. Amerika ist Menschenfremde, die wenig haftende Eindrücke liefert. Das Brandmal ist längst im Geist, es würde also wenig helfen, es von der Haut zu entfernen. Amerika ist trotz allem keine Zukunft, und es hat keine Zukunft, die Vergangenheit ist das, was zählt, und die hat Amerika nicht zu bieten.“ Amerika hatte sie für diese Deutschen nicht zu bieten, dazu waren sie auch schon zu alt oder, wie der von seiner Frau Alma und deren Antisemitismus gequälte Franz Werfel, körperlich und seelisch zu labil. Und so hängen sie ihren Gedanken an vergangenen und, wieder mit der Ausnahme Thomas Manns, hier nicht wieder aufzufrischenden Ruhm nach, der eine bitter, der andere mit trotzigem Humor. „Could you please spell your name, Mister . . .“, aber „Mister Brächt“ verabschiedet sich ohne die landesübliche Höflichkeit von der komisch geschilderten Cocktailparty.
Imponierender Roman
Brecht und Thomas Mann: Lentz sieht die Antipoden als in einem Punkt doch sehr verwandte Typen, die sich um die werkproduktive Notwendigkeit, andere Menschen auszunutzen, kein Gewissen machten. Vor allem von hier aus gewinnt die große, traurige Figur dieses Romans beeindruckende Kontur: Arnold Schönberg, der vom Autor des „Doktor Faustus“ Bestohlene, steht exemplarisch für jene altersmürbe Bitterkeit, von der in Europa damals kaum jemand etwas mitbekam. So widmet sich der Fachmann fürs „Muttersterben“, als den wir Lentz kennen, am Ende dem Schriftstellersterben in Szenen von ziemlicher Trostlosigkeit: Der Tod besiegelt nur noch, was die meisten von ihnen schon vorher spürten: dass die Zeit ihres Wirkens im Grunde schon abgelaufen war.
„Literatur heißt Studieren. Bücher sind das eine, die andere Quelle aber ist das Mundwerk“, sagt Thomas Mann und meint wohl auch Michael Lentz, der sein Stipendium in der Feuchtwanger-Villa Aurora genutzt und erhebliches Sitzfleisch bewiesen hat für einen zuweilen etwas papieren-geschwätzigen, im Ganzen aber imponierenden Roman, der unverständlicherweise nicht auf die Short List zum Deutschen Buchpreis gelangte. Er bringt uns die Innenwelt jener Außenwelt, als welche die äußere Emigration wahrgenommen und auf Abstand gehalten wurde, so nahe wie mutmaßlich noch kein Schriftsteller vor ihm.