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Michael Krüger (Hg.): Erschließung des Lichts : Welch ein Glück, welch ein Gemetzel

  • -Aktualisiert am

Bild: Hanser

Nichts ist sicher, also schreib! Michael Krüger und Federico Italiano sichten die Strömungen und Tendenzen der italienischen Lyrik der Gegenwart.

          Verlage sind privat finanzierte Kulturinstitute, hat Michael Krüger einmal gesagt. Und in der Tat: Der bis Ende Dezember von Krüger geleitete Hanser Verlag ist ein kleines Kulturinstitut für Weltlyrik - und somit das ideale Umfeld für die Schriftenreihe der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. In deren vierundzwanzigstem Band haben zwei Lyriker, der Verleger Michael Krüger selbst und der Wissenschaftler Federico Italiano, italienische Dichtung der Gegenwart versammelt.

          Schon Goethe reiste nach Italien, um, wie er schrieb, „das Auge licht sein zu lassen“. Der Titel „Die Erschließung des Lichts“ steht - auch - in dieser Tradition. „M’illumino / D’immenso“ lautet das erste Gedicht der poetischen „Reise“, verfasst von Giuseppe Ungaretti im Jahr 1917, und Krüger erläutert im Vorwort, man könne diese Verse unmittelbar als Antwort auf die Frage lesen, wie es mit der Lyrik nach dem Ersten Weltkrieg weitergehen sollte. „Ich erleuchte mich / durch Unermeßliches“, übersetzte Ingeborg Bachmann fast ein halbes Jahrhundert und einen Weltkrieg später. Damals hatte - nicht zuletzt dank des neorealistischen Kinos und später der Werke von Pier Paolo Pasolini - ein Italienweh viele bundesdeutsche Nachkriegsdichter erreicht, allen voran Bachmann, Enzensberger, Kaschnitz und Celan.

          Im „Portal“ des Sammelbandes kommen neben Ungaretti weitere Vertreter der Klassischen Moderne zu Wort: Quasimodo, Montale, Saba und Pavese. Im Hauptteil haben sich die großen lyrischen Stimmen seit 1950 versammelt, zuallererst die jüngeren der Hermetiker, die sich nach Mussolini und dem Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst von der Wirklichkeit abkapselten, wie in Mario Luzis Anrufung „Flieg hinauf, Wort, wachse in die Tiefe ... sei Licht, nicht leblose Transparenz.“ Daneben findet man kahle Verse des Linksintellektuellen und Brecht-Übersetzers Franco Fortini, dessen Zeilen („Die Poesie / ändert nichts. Nichts ist sicher. Also schreib.“) die existentiellen Nöte und die poetische Selbstermächtigung aus den anni di piombi, der bleiernen Zeit, transportieren.

          Welcher Schmerz die Liebe

          Es folgen die „Nervösen“, die Neoavanguardia, wie Zanzotto, Sanguineti und Rosselli, die sich als „Gruppe 63“ stärker der Wirklichkeit verbündeten und für die hier stellvertretend Sanguinetis Vers gelesen werden könnte: „Du sagst mir, dass Anna sagt, meine Augen würden leuchten, wenn man munkelt, du seist schwanger.“ Die jüngere Generation, im Band unter anderen mit Ceni, Anedda und Frasca vertreten, konnten diese Fragen der Zugehörigkeit hinter sich lassen und freier um sich und nach vorn blicken.

          Der Band ist zweisprachig angelegt, und so ahnt man bald, was beim Übersetzen verlorengeht, denn nicht selten fehlen im Deutschen Entsprechungen für Hall- und Klangdimensionen des Italienischen. Aus „Che dolore l’amore!“ wird so „Welcher Schmerz die Liebe“. Andere Verse sind auch im Deutschen Klangereignisse, etwa Pia-Elisabeth Leuschners Übertragung des lateinisch anmutenden Gedichtes „Neque nobis prodest“ des Neapolitaners Michel Soventes: „Beharrlich umfangen uns Schatten, / Durst ist meine Schenk / und Hunger mein einziger Himmel / es zittern die Blätter, es sirrt / unterm Licht der Speer des Begehrens.“

          Lyrik, zumal moderne, kann aus der Fahrrinne der Folgerichtigkeit ausbrechen und via Assoziation oder Alliteration unbesiedelte Ufer oder Inseln ansteuern. Das große Anliegen des Bandes, einen Überblick über die italienische Lyrik der Gegenwart von 1950 an zu geben, ist - man spürt es - als Aufgabe gleichzeitig ein Glück und ein Gemetzel. Ein Glück, denn die Herausgeber bieten wundersamerweise durch ihre Auswahl einen Einblick, wie sich in der italienischen Lyrik Themen, Klänge und Bilder wiederholen und wandeln und unsichtbare Fäden spinnen - so etwa das titelgebende Licht. Wo einst Goethe seine Italien-Reise bildungstrunken mit dem „Mond des Ovid“ endete, schließt dieser Band mit Glühwürmchen.

          Man stößt auf Zitronen

          In der Wahrnehmung der italienischen Poeten der Gegenwart spielen die Kunstwerke und die Altertümer, derentwegen nicht nur die Deutschen jahrhundertelang das Land bereisten, keine große Rolle. Stattdessen blickt der Leser in Hügel und Ebenen von Glück, Trauer und Not, hört, wie sich Oleander auf Alexander reimt, aber auch Fischer auf Schmerz (pescatore, dolore). Des milden Klimas wegen ist Eis in diesem Poetenreich anscheinend vor allem eine Metapher der Angst. Man stößt auf Zitronen („gelb vor Sonne und vor Sünde“, heißt es einmal), auf Weinberge und Olivenhaine, widmet sich Pinien, Delphinen und Reihern, lauscht fremden Kindheitsträumen und Kindheitsmustern. Und immer wieder hallt die katholische Kirche mit.

          Des begrenzten Raumes wegen ist jede solche Gedichtauswahl eben auch ein Gemetzel, da man als Herausgeber auf so vieles verzichten muss. Es gibt keine Lautpoeten, keine Konkreten und wenig spielerisch Experimentelles. Und die jüngsten Lyriker in diesem Band sind Jahrgang 1957, mithin älter als fünfzig Jahre. Doch man freut sich über das kleine Denkmal, das die Herausgeber Lea Ritter-Santini und vor allem Hanno Helbig setzen, der selbst zu seinen Lebzeiten ein kleines deutsch-italienisches Kulturinstitut war.

          Wenn es stimmt, dass die Dichter stiften, was bleibt, dann bleibt von Krügers und Italianos poetischer Italienreise eine dichte Ansammlung fremdvertrauter Alltagsbilder, Sprachereignisse und Lebensbefragungen - immer wieder auf der Suche nach neuen Reaktionen auf die andrängenden Wirklichkeiten. Wie heißt es bei Fabio Pusterla? „Und in der Neuen Welt, nach dem Sturz der / Hauptsätze und Konstruktionen, nach dem Verschwinden / der Gewissheiten und der Bekräftigungen, / bleiben die Einschübe, Zwischen- und Ausrufe: / Pfahlbauten von morgen.“ 

          „Die Erschließung des Lichts“. Italienische Dichtung der Gegenwart. Hrsg. von Federico Italiano und Michael Krüger. Hanser Verlag, München 2013. 296 S., geb., 21,90 Euro

          Quelle: F.A.Z.

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