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Michael Gamper: Elektropoetologie. Fiktionen der Elektrizität 1740–1870 Der Blitzgescheite

04.02.2010 ·  „Witz ist geistige Electricität“: Michael Gamper macht sich auf die Suche nach gemeinsamen Ursprüngen von Wissenschaft und Poesie.

Von Alexander Košenina
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Kein Dichter wirbt augenblicklich entschiedener für eine Wiedervereinigung von Naturwissenschaft und Poesie als Raoul Schrott. Erst seit Galilei und Newton, so meint er, habe das nüchtern prosaische Denken binärer Logik, widerspruchsloser Kausalität und beengender Systeme die gemeinsame Basis der „zwei Kulturen“ verschüttet. In Wirklichkeit beziehen beide aber aus dem Geist des Impliziten, Paradoxen, Bildlichen, Imaginären ihre entscheidenden Impulse. Beide Deutungssysteme beruhen letztlich auf Verfahren der Analogie. Nicht erst die Quantentheorie verdeutlicht die Produktivität von Widersprüchen, Licht etwa zugleich als Welle und Teilchen zu betrachten. Was die Natur wirklich ist – so zitiert Schrott gern Niels Bohr –, kann die Wissenschaft nicht herausfinden, sondern nur, „was wir über sie sagen können“.

Ohne Schrott zu erwähnen, verfolgt der Zürcher Literaturwissenschaftler Michael Gamper in einem ungeheuer gescheiten Buch die gleiche Denkfigur aus historischer Perspektive. Auch er begibt sich auf die Suche nach gemeinsamen Ursprüngen, Verfahrensweisen und Erfindungsstrategien von Wissenschaft und Poesie. Das Problem ausgerechnet anhand der spät erforschten Elektrizität zu entwickeln, ist ein kluger Schachzug. Denn dieses Phänomen ist im achtzehnten Jahrhundert durch herumziehende Elektrisierer, spektakuläre öffentliche Experimente und den Ruch des Geheimnisvollen besonders populär und damit auch in Kunst und Literatur höchst präsent. Für Gamper ist es zudem aus theoretischer Sicht attraktiv, denn Elektrizität ist – von Blitzen und Zitterrochen abgesehen – in der Natur eigentlich nicht erfahrbar und markiert ein breites Feld zwischen Wissen und Nichtwissen. Hervorrufen lässt sie sich nur durch Experimente, die – nochmals mit Bohr gesprochen – lediglich beschreibbare Wirkungen zeigen, nicht aber die Sache selbst.

Raoul Schrott hätte seinen Spaß

Auch Raoul Schrott hätte seinen Spaß an diesem Buch, holt es seine eigene Poetik doch wunderbar ein. So zeichnet sich seine Kritik an beschränkender Prosa gegenüber inspirierender Lyrik schon bei Francis Bacon ab. Dieser führt das ergebnisoffene, revidierbare Experiment als methodisches „Heilmittel gegen Irrtümer“ der Sinne ein und plädiert vehement für schöpferische Aphoristik an Stelle starrer Systemabhandlungen als angemessene literarische Darstellungsform. Gerade dieser neugierige, entdeckungsfreudige Blick der Induktion hält die Forschung lebendig und ersetzt die autoritäre Deduktion aus vorhandenem Bücherwissen oder spekulativen Hypothesen. Und lange vor Schrott erklärt schon Joseph Priestley in seiner „Geschichte der Elektrizität“ von 1767 „Aehnlichkeit (Analogie)“ zum „besten Wegweiser bei allen physikalischen Untersuchungen“.

Damit setzt die Erforschung der Elektrizität als eines zunächst völlig unbegreiflichen Phänomens zunehmend die kreativen Vermögen der Einbildungskraft voraus. Erfordert wird, mit einem naturkundlichen Gedicht Lessings gesprochen, ein „Geist, der Möglichkeiten dichtet“. In diesem „progressiven Drang nach dem Nicht-Realisierten“, dem Unbekannten und kaum Beschreibbaren entdeckt Gamper einen gemeinsamen Ursprung von Wissenschaftsexperiment und Literatur. Auf diese Weise entstehen einerseits Metaphern, um nicht fassbarer elektrischer Ereignisse sprachlich habhaft zu werden, andererseits kehren diese auch in ganz anderen Bereichen wieder. Gamper verfolgt beide Richtungen des Transfers, er sucht also nach Elektrizitätsmotiven in der Literatur ebenso wie nach Blitzen, Strömen, Funken und magnetischen Feldern als poetischen Verfahren.

Nebel der elektrischen Mysterien

Im Falle des Experimentalphysikers Lichtenberg funktioniert das besonders überzeugend. Dieser zeigt in seinen Aphorismen, wie man sich den „Nebeln der elektrischen Mysterien“ sprachlich nähern und dabei „mit Ideen experimentieren“ kann. Dahinter wittert er den Stoff, aus dem Dichtung gemacht ist und mit dem man „anfeuern“ könne. Im Labor stößt er hingegen auf merkwürdige Figuren, die sich im zufällig auf dem Elektrophor abgelagerten Harzstaub abzeichnen, und geht ihrer Entstehung systematisch nach. Bei der romantischen Universalpoesie dominiert indes das metaphorische und analogische Interesse an Elektrizität und Magnetismus. „Witz ist geistige Electricität“, behauptet Novalis und nutzt seine „Electrologie“ für die „Wunderkraft der Fiction“.

Auch bei Arnim, E.T.A. Hoffmann, Jean Paul, Kleist und zuletzt bei Stifter blitzt und funkt es allenthalben, zwischen literarischen Figuren und „Bonmotisten“ springen die Ideen munter hin und her. Manchmal kommt es auch zu elektrischen Schlägen, nicht nur Penthesilea und das Käthchen von Heilbronn treten einander wie Plus und Minus gegenüber. In diesen Interpretationspassagen verlässt der Experimentator Gamper zuweilen die Isolationsmatte vor seinem Schreibtisch und setzt sich etwas leichtsinnig den Gefahren romantischer Hochspannung aus. Insgesamt ist dieses Buch aber von großer Anregungskraft und bietet viele historische Argumente für die – nicht zuletzt von Enzensberger oder Schrott vertretene – gemeinsame Grundlage von Poesie und Wissenschaft.

Michael Gamper: „Elektropoetologie. Fiktionen der Elektrizität 1740–1870“. Wallstein Verlag, Göttingen 2009. 332 S., geb., 29,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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