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Michael Crichtons „Airframe“ : Der Wünschelrutengänger

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Bild: snapshot

Michael Crichton, die Stimme des kollektiven Unbehagens, führt in seinem Roman „Airframe“ ins Luftfahrtmilieu und erklärt die Regeln der Weltwirtschaft. Seine Lektion ist klar, sein Wissen breit gestreut: Internationaler Wettbewerb und Sicherheit finden nur selten zueinander.

          Michael Crichton hat in den neunziger Jahren vier Romane geschrieben. Sie vergrößern landläufige Sorgen zu existentiellen Bedrohungen und fügen Geschichten hinzu, die mehr recherchiert als erfunden sind. Nur die erste war noch unwahrscheinlich. „Jurassic Park“ erschien 1991 und ließ die Gentechnik um des Geldes willen Dinosaurier replizieren. Am äußersten Ende des Fortschritts mußte der Mensch wieder mit der Angst leben, bei nächster Gelegenheit aufgefressen zu werden.

          Die folgenden Bedrohungen rückten der Wirklichkeit näher. Nach „Rising Sun“, einer Parabel von der Eroberung der Vereinigten Staaten durch den ökonomischen Imperialismus japanischer Firmen, folgte 1993 der Roman „Disclosure“. Er handelt vom Vorwurf der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz und von seiner Verwandlung in eine Waffe der ökonomischen Konkurrenz. Mit diesen Büchern aus dem Wirtschaftsleben wurde Michael Crichton so reich wie sonst nur ein Software-Erfinder oder Musiker.

          Fiktiver Journalismus

          In diesen Tagen erscheint Michael Crichtons neues Buch in Deutschland. Es ist ganz fiktiver Journalismus. Der Roman „Airframe“ (Karl Blessing Verlag, München1997) berichtet von einem Unfall in der Luft. Ein Passagierflugzeug ist von Hongkong nach Denver unterwegs. Kurz vor der amerikanischen Küste scheint es in heftige Turbulenzen zu geraten. Es fällt, klettert, stürzt und steigt wieder. Drinnen werden die Passagiere durcheinandergewirbelt, drei sterben.

          Der Roman beginnt mit diesem Unglück. Die verbleibenden dreihundertvierzig Seiten sind der Firma Norton Aircraft in Burbank bei Los Angeles gewidmet, die dieses Flugzeug baut und nun den Grund für ein Versagen ermitteln muß. Im Mittelpunkt steht eine Frau, eine alleinstehende Mutter, die im Management von Norton Aircraft für den Bereich der Qualitätssicherung verantwortlich ist und die Firma gegen den Sensationalismus des Fernsehens verteidigen muß.

          Ein Fall für den Verbraucheranwalt

          Ihr Charakter ist nur fragmentarisch gezeichnet. Mehr braucht sie nicht. Sie hat einen Job. In den sechziger Jahren wurde der Verbraucheranwalt zu einer populären Figur. Er sucht die Warenwelt nach Mängeln ab, die ein Unternehmen aus Nachlässigkeit und Profitgier in Kauf nimmt. Ist ein Schaden entstanden, so mißt er ihn und zwingt den Hersteller, sein Produkt zu verändern oder vom Markt zu nehmen. Vor allem aber versucht er den Schaden in einen Gewinn des Geschädigten zu verwandeln. „Airframe“ liest sich wie ein Fall für den Verbraucheranwalt.

          Allein, es geht hier nicht um Schadenersatz. Der Fehler hat System: Der Luftverkehr ist dem freien Wettbewerb unterworfen, unsicheres Gerät klappert durch die Luft, und die staatlichen Aufsichtsbehörden können ihre Aufgaben nicht mehr wahrnehmen, weil der Kongreß ihnen die Budgets gekappt hat: „Wenn sich die Leichen stapeln - und das tun sie mit Sicherheit -, hast du dein Vermögen schon gemacht. Das ist das Geniale an der Deregulation. Wenn die Rechnung kommt, zahlt keiner.“

          Die Symbolkraft des Flugzeugs

          Diesen Schaden will Michael Crichton veranschaulichen. Was dabei entsteht, ist Popularliteratur. Aber sie hat ihre Laufrichtung geändert. Sie will nicht mehr der Flucht vor der Gegenwart dienen. Sie soll ihre Verdeutlichung sein.Das Flugzeug des Romans ist ein Wunderwerk, und es birgt, wie früher das Staatsschiff, das Äußerste an technischen Möglichkeiten in sich. „Ein Pontiac“,erläutert die Heldin, „besteht aus fünftausend Teilen. Man kann ihn in zwei Schichten zusammenbauen. Sechzehn Stunden.“ Eine Passagiermaschine hingegen sei ein Gerät mit ganz anderen Dimensionen: „Ein Großraumflugzeug besteht aus einer Million Teilen, und es dauert fünfundsiebzig Tage, um es zusammenzubauen. Es gibt auf der Welt kein anderes technisches Produkt, das so kompliziert ist wie ein Flugzeug.“

          Ein solches Flugzeug ist Symbolträger, ein Gerät, auf das die Nation nicht verzichten kann. Michael Crichton hat auch dies nicht erfunden.Welche Rolle die Flugzeugindustrie für eine große Volkswirtschaft spielt, zeigt die Publizität, die kürzlich die Fusion von Boeing und McDonnell Douglas hervorrief. Damit all dies einmal gesagt werden kann, läuft ein scheinbar ahnungsloser junger Mann durch die Geschichte. Ihm muß die Heldin erklären, was es mit moderner Flugzeugtechnik auf sich hat. Außerdem passieren die Luftfahrtkatastrophen der letzten Jahre Revue, und jedesmal kommentiert ein Sachverständiger.

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