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Michael Chabons Roman „Telegraph Avenue“ : Was von Brokeland übrig bleibt

Die Telegraph Avenue im kalifornischen Berkeley ist berühmt für ihre Musikläden: Michael Chabon findet hier Stoff für seinen Roman. Bild: INTERFOTO

Eine solche Verbindung von Musik- und Sozialgeschichte hat es noch nicht gegeben: Michael Chabon hat einen grotesk komischen, dabei wirklichkeitssatten Amerika-Roman geschrieben.

          Was für ein großartiger Eröffnungssatz für einen Roman: „Mondgesichtig, massig und mild bekifft stand Archy Stallings, ein Baby auf dem Arm, in einem rehbraunen Kordanzug und einem kürbisfarbenen Rollkragenpullover, der seine berüchtigte, aber nicht unvorteilhafte Ähnlichkeit mit Gamera betonte, der riesigen fliegenden Mutantenschildkröte aus dem japanischen Kino, hinter dem Verkaufstresen von Brokeland Records.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Satz beginnt in der literarischen Welt von James Joyces „Ulysses“, indem er dessen ersten Satz über den stattlichen, plumpen Buck Mulligan heraufbeschwört – und diesen in einen schwarzen Hippie verwandelt. Er kleidet dann diese Figur so liebevoll mit Retro-Chic ein, als stammte sie aus einem Film von Wes Anderson, nur um ihre Erscheinung kurz darauf mit einer weiteren filmischen Anspielung ins grotesk Komische zu übersteigern (wie geht das eigentlich, Ähnlichkeit mit einer Monsterschildkröte zu haben, ohne dass es unvorteilhaft wirkt?).

          Ein einziger, fünfzehnseitiger Satz

          Im letzten Atemzug stellt der Satz die Figur dann noch geschwind in eine ganz reale und doch hochmetaphorisch aufgeladene Welt: „Brokeland“ ist die Zwittergegend zwischen Berkeley und Oakland, also zwischen dem kalifornischen Hippie-Campus schlechthin und der schwarzen Arbeiterstadt. Als Name für einen Plattenladen schwingt bei „Brokeland“ aber noch viel mehr mit: nämlich sowohl der Bankrott, der seinen Besitzern droht, als auch der exemplarische Bankrott einer ganzen Kultur.

          Michael Chabon hat Musik- und Sozialgeschichte der Vereinigten Staaten zu einem Roman verwoben.
          Michael Chabon hat Musik- und Sozialgeschichte der Vereinigten Staaten zu einem Roman verwoben. : Bild: AP

          Man könnte sagen, dass dieser Satz, mit dem nach einer emblematischen Kurzszene die Geschichte von Michael Chabons neuem Buch beginnt, fast alle wichtigen Stilelemente des Autors der „Unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay“ (2000) in einer Nussschale enthält: den filmischen Blick wie die zahlreichen Zitate und Assoziationen zwischen Höhenkammliteratur und Groschenheft, zwischen Kino und Comic, die ständige Referenz auf konkrete Produkte der Popkultur und den eigentümlichen Humor.

          Eine voraussetzungsreiche Literatur also, die aber auch dann schon lustig zu lesen ist, wenn man nicht jede Kröte googelt, und eine Erzählweise, die, wie die in mehrere Nebensätze unterteilte Apposition zu Archy Stallings verrät, um keine Abschweifung verlegen ist. Wobei die hier belegte noch gar nichts ist im Vergleich zum dritten Kapitel des Romans: Es besteht aus einem einzigen, fünfzehnseitigen Satz, der von einem Papagei handelt. Einem Papagei wohlgemerkt, der die Hammondorgel seines Besitzers, eines Jazzmusikers mit Namen Cochise Jones, perfekt nachahmen kann.

          Brokeland Records, Chingachcook der kleinen Plattenläden

          Aber zurück zu Archy Stallings: Der ehemalige Elektriker und Veteran des ersten Golfkriegs betreibt zusammen mit dem weißen Juden Nat Jaffe den besagten Jazzplattenladen an der Telegraph Avenue, nach der Chabons Roman benannt ist, und die tatsächlich berühmt ist für ihre Secondhandshops mit allerlei Nostalgieware. Hier wird sie zum Inbegriff der amerikanischen Vielfalt schlechthin, wo aus der Zeit gefallene schwarze Soul Brothers auf Räucherstäbchen-Freaks in Hightech-Sandalen treffen, Hipster sich mit Hippies mischen. Das Plattengeschäft liegt zwischen zwei Läden namens „United Federation of Donuts“ und dem „King of Bling“.

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