17.03.2010 · Als der freie Markt noch jung war: Micha Witkowskis rasanter Roman macht die polnische Königin zur Drag Queen.
Von Stefanie PeterPolnischer Adel ist wie deutscher Kaviar. Nicht von derselben Dignität wie die aus anderen Teilen Europas bekannten Vorbilder, sogar nahe am Fake und immer mit dem Stallgeruch des allzu Regionalen behaftet. Das zumindest legt die Lektüre des Romans von Micha Witkowski nahe. Er stellt die bekanntlich zentrale Bedeutung, die die Adelskultur für sein Mutterland Polen seit Jahrhunderten hat, in einen überraschenden historischen Kontext: „Queen Barbara“ spielt Mitte der Neunziger, als der freie Markt noch jung war und man vom einen auf den anderen Tag steinreich, aber ebenso schnell wieder vom Glück verlassen werden konnte. Wie in Witkowskis Debüt „Lubiewo“ (2007) stellen die im katholischen Polen besonders gebeutelten Homosexuellen auch hier das Personal. Am Existenzminimum und in Randzonen der Gesellschaft lebend, entfliehen sie der Tristesse durch einen improvisierten Glamour, der mit den minderwertigsten Requisiten der neuen Warenwelt auskommt und zugleich die altpolnische Plauderei adeliger Gutsbesitzer wiederbelebt.
Erzähler und Held der Geschichte ist der Pfandleiher Hubert, ein stattlicher Mann, der Schnurrbart, Goldrandbrille, Armband und Siegelring trägt, hundert Kilo auf die Waage bringt und unter Krampfadern leidet. Als glühender Verehrer der Muttergottes schickt er sich an, ins nationale Marienheiligtum Liche zu pilgern. Frömmelei ist bei Hubert gepaart mit einer ausgeprägten Gier nach irdischen Gütern. Fürs Eintreiben der Schulden beschäftigt er zwei Ukrainer.
Schwulenkultur und polnischer Adel
Witkowski hat das Geschehen in einer kaputten oberschlesischen Bergarbeiterstadt angesiedelt, schickt seinen Protagonisten aber auch durchs ländliche Polen und schließlich nach Warschau. So weit, so vertraut, denn die Geschichten vom Überlebenskampf und den Gaunereien in der osteuropäischen Provinz haben die Literaturen dieser Länder schon weidlich ausgebreitet. Das neue und besondere an Witkowskis Roman ist, wie der Autor durch einen geglückten Kunstgriff die realexistierende, proletarische Schwulenkultur mit der noch immer lebendigen Geschichte des polnischen Adels, seiner Manierismen und Sprechweisen verschränkt.
Die nüchterne Geschäftemacherei im Hier und Jetzt ist nämlich nur eine Seite von Huberts widersprüchlicher Persönlichkeit. Nach getaner Arbeit verwandelt sich der Außenseiter und abgebrühte Mafioso in einen sentimentalen Romantiker, der vom sechzehnten Jahrhundert träumt und sich nichts sehnlicher wünscht, als eine Frau zu sein. Und zwar nicht irgendeine, sondern Barbara Radziwi, jene litauische Adelsdame, die als eine der Schönheiten ihrer Zeit galt. Sie war die geliebte Gemahlin des polnischen Königs Sigismund II. August, des letzten Jagiellonen, und ist auf Gemälden an ihrem üppigen Perlenschmuck zu erkennen. Hubert öffnet dann seine feuersichere Pfandhausschatulle, genießt es, den Banknoten ihre Eselsohren glattzustreichen und den Schmuck zu betrachten: „Die Krönung aber war jener Moment, wenn ich den alten rissigen Spiegel hervorzog und mir die Perlenkette von der alten Frau auf den Kopf setzte wie ein Diadem, einen Schleier.“ Ob es die Perlen sind, die eine Dame beim Pfandhaus abgibt, oder die Müllberge in der Warschauer Wohnung seiner Tante Aniela – Witkowski beschreibt all diese Requisiten mit großer Einfühlsamkeit. So bringt er die kleinen Lichter, die seine Figuren ihrem trübseligen Leben aufgesetzt haben, zum Strahlen.
Der Ganove als Königin
Aus den Unbilden des Alltags flieht der Ganove Hubert in ein Reich der Phantasie. Er spinnt eine Familiengenealogie, worin er selbst den Platz von Königin Barbara einnimmt und seine ukrainischen Gehilfen Sascha und Felek zu Hofdamen werden. Dergleichen Erfindungsreichtum kennzeichnete auch schon die polnische Schlachta selbst, die ihre Herkunft auf die Sarmaten, ein mythisches Reitervolk, zurückführte und damit bis ins achtzehnte Jahrhundert ihre alleinige Vorherrschaft in der polnischen Adelsrepublik begründen wollte. Bis heute ist der Begriff Sarmatismus gleichbedeutend mit einer Kultur des Größenwahns, der Abschottung und mangelnden Toleranz. Witkowski erkennt Reste dieser adeligen Geisteshaltung in Habitus und Mentalität der Provinzler als gleichsam gesunkenes Kulturgut wieder und findet so ein passendes Vehikel, um nicht nur den ökonomischen, sondern auch den mentalen und ästhetischen Umbruch der neunziger Jahre in seinem Land zu beschreiben. Gawda, die Adelsplauderei, wie sie von gebildeten Grundbesitzern gepflegt wurde, hat eine lange Tradition in der polnischen Literatur. Der Essay ist ohne sie nicht denkbar, Autoren wie Gombrowicz haben das Genre auf die Spitze getrieben und verlacht. Ausgerechnet in diesem altbackenen Register besingt der 1975 geborene Micha Witkowski also nun noch einmal eine absurde Phase der jüngsten Vergangenheit – mit Gewinn!