http://www.faz.net/-gr3-wi8z

: Messias mit Pferdefuß

  • Aktualisiert am

Als "fröhlichste Baracke des Ostblocks" galt Ungarn einmal, weil das Land einen Hauch mehr an Freiheit und an Waren besaß als mancher seiner Bruderstaaten. Viel von Baracken, weniger von Fröhlichkeit - und wenn, dann als Exzess - ist in "Satanstango" die Rede, dem genialischen Erstlingsroman des ...

          Als "fröhlichste Baracke des Ostblocks" galt Ungarn einmal, weil das Land einen Hauch mehr an Freiheit und an Waren besaß als mancher seiner Bruderstaaten. Viel von Baracken, weniger von Fröhlichkeit - und wenn, dann als Exzess - ist in "Satanstango" die Rede, dem genialischen Erstlingsroman des 1954 geborenen László Krasznahorkai, der 1985 im Original, 1990 erstmals auf Deutsch erschienen ist. Trotz vieler begeisterter Kritiken war die deutschsprachige Ausgabe in der brillanten Übersetzung von Hans Skirecki jahrelang nicht erhältlich.

          Schauplatz von Krasznahorkais düster funkelnder Endzeitgroteske - Susan Sontag hat den Schriftsteller einmal als "Meister der Apokalypse" bezeichnet - ist eine halbverlassene "Siedlung" in Südostungarn. Dort vegetiert eine verkommene Schar Bewohner vor sich hin - während im ewigen Regen um sie herum alles schimmelt und fault, voller Schlamm und Ungeziefer ist und von irgendwoher unheimlich die Glocken läuten. In diese Leere stößt wie ein Hoffnungsstrahl das Gerücht von der baldigen Ankunft des charismatischen Irimiás, auf den die Siedler alle Hoffnungen setzen. Der derb-komische Höhe- und Wendepunkt ist erreicht, als alle in froher Erwartung des Propheten nachts in der Kneipe sitzen, saufen, um die resche Frau Schmidt herumscharwenzeln und orgiastisch Tango tanzen, während einer der Dörfler, der gerade sein Wasser abschlägt, im Stil des Predigers Salomo denkt: "Wie Schweine, die sich im eigenen Dreck wälzen, wissen wir nicht, was es soll, das Gedränge um die nährenden Zitzen und der ewige Kampf um den kürzesten Weg zum Trog." Dem anderntags eintreffenden Irimiás fällt es nicht schwer, die Menschen zum Verlassen der Siedlung zu überreden. Diese erwartet eine höchst ungewisse Zukunft.

          Parallel zu dieser Erweckungsgeschichte hat Krasznahorkai Kapitel angelegt, die dem Leser Zusammenhänge eröffnen, von denen die Siedler nichts wissen. In einer kafkaesken Szene verpflichtet sich Irimiás als Spitzel der Geheimpolizei, und der Schluss deutet an, dass er auch seine Jünger für das "Werk der Spinne" benutzen wird. Im Kontrast zu solchen eher komisch geschilderten Passagen steht die tragische Geschichte vom Selbstmord des behinderten Mädchens Estike. In einer flammenden Ansprache an die Siedler deutet Irimiás ihren Tod frech in ein "Opfer für uns", "für Ihre gerechtere Zukunft" um. Geheimnisvoll auch der Doktor, der sich als eigentlicher Erzähler erweist. Am Schluss notiert er ebenjene Worte in sein Tagebuch, mit denen "Satanstango" beginnt.

          In dem als Teufelskreis angelegten Buch werden hoher (Prediger-)Ton und niedere Minne, biblische Metaphorik und drastischer Naturalismus, Endzeitvision und schwärzester Humor virtuos gekreuzt. So ist "Satanstango" nicht nur ein beißender Kommentar zu den letzten Tagen des Sozialismus in Ungarn, sondern eine Parabel über die Condition humaine. Wie sagt Irimiás, der Messias mit Pferdefuß, der unerlöste falsche Erlöser, zum Gefährten: "Es ist eine Falle, Petrina. Und wir fallen immer wieder hinein. Wenn wir glauben, wir kommen frei, rücken wir gerade nur die Riegel zurecht."

          JUDITH LEISTER

          László Krasznahorkai: "Satanstango". Roman. Aus dem Ungarischen übersetzt von Hans Skirecki. Ammann Verlag, Zürich 2007. 317 S., geb., 19,90 [Euro].

          Weitere Themen

          „Der Westen wird fallen“

          Viktor Orbán : „Der Westen wird fallen“

          Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán sieht „dunkle Wolken über Europa“. Schuld daran seien Migranten und die Ignoranz westlicher Politiker, sagt er in seiner Rede zur Lage der Nation.

          So viele mittelmäßige Filme Video-Seite öffnen

          Halbzeit bei der Berlinale : So viele mittelmäßige Filme

          Der Wettbewerb der Berlinale kommt wie schon in den Jahren zuvor nicht so wirklich in Schwung. Zu viel Mittelmaß, zu wenig Neues, findet F.A.Z.-Redakteurin Verena Lueken. Im Video verrät sie, warum sich ein Besuch doch noch lohnt.

          Ein Film über das Massaker von Utøya Video-Seite öffnen

          Berlinale : Ein Film über das Massaker von Utøya

          Der norwegische Regisseur Erik Poppe hat auf der Berlinale seinen Spielfilm „Utøya 22. juli“ vorgestellt. Er erzählt die Geschehnisse auf der norwegischen Insel, auf der der Rechtsextreme Anders Behring Breivik am 22. Juli 2011 69 Menschen erschießt.

          Topmeldungen

          Der Prototyp Hyperloop One

          Mit dem Hyperloop : Von Washington nach New York – in 29 Minuten?

          Tesla-Chef Elon Musk lässt jetzt buddeln: Für ein futuristisches Verkehrskonzept darf der Visionär jetzt testweise in Amerikas Hauptstadt bohren. Es geht um nicht weniger als eine Revolution.

          Syrischer Krieg : Spielball der Großmächte

          Syrien versinkt seit Jahren in Krieg und Gewalt – und ein Ende ist nicht in Sicht. Das liegt auch an den vielen verschiedenen Beteiligten und Interessen. Ein Überblick.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.