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: Meister Lampe im Rechenzentrum

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Hans Magnus Enzensberger unterhält sich gern mit Menschen, noch lieber aber läßt er Geisterstimmen sprechen und nimmt seine Mahlzeiten mit den Unsterblichen ein. Wie der alte Goethe ist er sich bewußt, daß man ihn "aus der allgemeinen Literatur und der besonderen der Deutschen jetzt und künftig, wie es scheint, nicht los wird".

          Hans Magnus Enzensberger unterhält sich gern mit Menschen, noch lieber aber läßt er Geisterstimmen sprechen und nimmt seine Mahlzeiten mit den Unsterblichen ein. Wie der alte Goethe ist er sich bewußt, daß man ihn "aus der allgemeinen Literatur und der besonderen der Deutschen jetzt und künftig, wie es scheint, nicht los wird". Und immer weniger läßt er sich in seinen Äußerungen von Zeitgenossenschaft anfechten. In amüsierter Distanz zum Kulturbetrieb erfreut er sich seiner Unzeitgemäßheit um so mehr, als er die Medienmaschine jederzeit perfekt zu bedienen weiß.

          In der Frankfurter Lindenstraße wird derweil fleißig an seiner Historisierung gearbeitet. Das Bändchen "Natürliche Gedichte" enthält bis auf eine aktuelle Zugabe nur bereits mehrfach publizierte Texte von 1957 bis 2003. Die Dokumentation seit 1981 erschienener "Dialoge" enthält immerhin zwei Erstdrucke, darunter eine verzinkte "Metakommunikation". In beiden Büchern soll offenbar der Geschichtsfreund "auf bequeme Weise" erfahren, wie es in Enzensbergers Tagen ausgesehen, vor allem aber, daß jedenfalls einer der "anachronistischen Geister, die wir Dichter nennen", sich auch im Zeitalter elektronischer Simultanmedien als unverwechselbares Individuum wie Goethe in "ununterbrochener Tätigkeit" erhalten hat.

          Naturlyrik war in einem Paradigma von Klopstock über Goethe, Hölderlin und Brentano bis zu Eichendorff, Heine und Mörike einmal das kunstvollste Medium der Selbstentzifferung des Individuums. Herrlich sollte da Natur bis in den intimsten Winkel der Persönlichkeit leuchten, zugleich sollte die Welt als beseelte für alle lesbar und fühlbar werden. Rückblickend aber erschien die Natur der deutschen Lyrik als Rückzugsort einer Innerlichkeit, die sich nur allzuleicht in Ideologie verwandeln ließ. Nach der Naziherrschaft mußte Eichendorff erst zum zeitkritischen Artisten erklärt werden, ehe er wieder gelesen werden durfte. In der Gattungsbezeichnung "Natürliche Gedichte" versichert sich Enzensberger gegen die politische Betrachtung jener Tradition, um zugleich zu dokumentieren, daß er sich auch in den Zeiten der Politisierung um ideologiekritische Klischees nicht geschert hat.

          Sein derzeitiger Einsatz für Alexander von Humboldt könnte den Eindruck erwecken, es solle Naturlyrik in der vom Grimmschen Wörterbuch nahegelegten Bedeutung "von der natur handelnd, die natur erforschend, naturkundig" für die Reintegration von Dichtung und Naturwissenschaft ins Feld geführt werden. Aber Enzensberger hat seit je weder die moderne Dichtung noch die Physik überschätzt, und die Restauration angeblicher Ganzheiten ist nie sein Bestreben gewesen.

          Daß der Natur in seinen Augen ein unvermindert hohes Seinsrang gebührt, bleibt davon unberührt. Vielmehr werden Widersprüche wie Anachronismen zum Prinzip der poetischen Gestaltung. Wenn in diesen Gedichten etwas gerettet werden soll, dann die Aufmerksamkeit für die Nuancen der Wahrnehmung und der Sprache und der Sinn für die schönen Unvorhersehbarkeiten der sichtbaren Welt. "Betrachte / die Abweichungen: grün von grün, / matt von glänzend, das Blatt / in der Spreite dunkler als unten / oben. Nichts wiederholt sich." Denn die Natur ist keine Maschine, sondern eine Köchin: "Unberechenbar rührt sie die Welt um / mit ihrem riesigen Löffel."

          Ausgespielter Anachronismus als Lob der Differenz und als Mittel zum heiteren Lebensgenuß ist auch ein Leitprinzip der Dialoge, die in der Tradition Diderots dem "Hasenherz des Lesers" einiges zumuten. Wie schon in "Geisterstimmen" (1999) erscheint der Aussprache stiftende Dichter in der Rolle des virtuosen "Kochs und Tafeldeckers", der mit sicherem Geschmack in die Vorratskammer greift, das Verschiedenartige kombiniert, zurichtet und luxuriös auftischt. Verteilungsgerechtigkeit ist dabei seit je Chimäre. Der Autor selbst begreift sich als luxuriös, nämlich als "Widersacher der Gleichheit".

          Wenn der Leser aber meint, er könne diesem hochfahrenden Hasen, der bekanntlich schon im Märchen als "vornehmer Herr" erscheint, auf die eitlen Schliche kommen, so täuscht er sich. In der "Metakommunikation" verwandelt sich Meister Lampe sogleich in jenen Igel, der durch seine Langsamkeit immer schon da ist. Der Hase rennt, bis er umfällt, der Igel läßt sich Zeit und lacht. Ob er dabei glücklich ist, erfährt anders als beim Märchen auch der aufmerksame Leser nicht, vom eiligen zu schweigen.

          FRIEDMAR APEL

          Hans Magnus Enzensberger: "Natürliche Gedichte". Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2004, 80 S., br., 11,80 [Euro].

          Ders.: "Dialoge zwischen Unsterblichen, Lebendigen und Toten". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, 216 S., geb., 19,80 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.09.2004, Nr. 228 / Seite 34

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