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: Mein Sohn, der fährt zur See

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Der Held soll eine Entwicklung durchmachen? Das kann er haben: Man setze ihn einfach auf ein Schiff, stecke ihm eine Zigarre ins Gesicht, die er nicht verträgt, er muss raus aufs Deck, eine Welle schnappt ihn sich, schon treibt der Held, das verzogene Jüngelchen, auf dem Meer, wird von dem Schoner ...

          Der Held soll eine Entwicklung durchmachen? Das kann er haben: Man setze ihn einfach auf ein Schiff, stecke ihm eine Zigarre ins Gesicht, die er nicht verträgt, er muss raus aufs Deck, eine Welle schnappt ihn sich, schon treibt der Held, das verzogene Jüngelchen, auf dem Meer, wird von dem Schoner "We're Here", der auf Fischfang ist, aufgegabelt - und der Bildungsroman beginnt.

          Sechs Seiten braucht Rudyard Kipling für all das. Es ist diese Ökonomie umstandsloser Sachlichkeit, die "Über Bord", das im 1897 erschienenen Original "Captains Courageous" heißt, zu einem großen Lesevergnügen macht. Wie die besten Kinofilme, aus denen wir solche Anfänge kennen, verschwendet Kipling die Zeit seines Publikums nicht. Er schreibt für Leute, die noch etwas anderes zu tun haben und wissen wollen, worum es geht, die beim Lesen etwas lernen wollen, Dinge erfahren, die sie nicht schon kennen.

          Hier läuft Bildung - es ist die des amerikanischen Millionärssöhnchens Harvey Cheyne - nicht auf den ewigen, bis zum Überdruss variierten Dreiklang Liebe - Kunst - Tourismus hinaus, wie er besonders die deutsche Romantradition bestimmt. Der Held ist auch kein Intellektueller mit schöner Innenwelt, die sich entfalten muss, sondern ein ziemlich unsympathischer Angeber, der zu Verstand gebracht wird. Durch Arbeit, Gefahrenbewusstsein und den Kontakt mit Leuten, die unkompliziert sind, weil sie sich etwas anderes gar nicht leisten können.

          Cheyne, dessen Vater Eisenbahnen, Bergwerke und Wälder gehören, kommt von dem Schiff, das ihn gerettet hat, so schnell nicht wieder herunter. Denn weder kann es einen Hafen anlaufen, noch glauben ihm die Seeleute ein Wort von seinen Beteuerungen, er sei aus reichem Hause und bekomme im Monat mehr Taschengeld als sie Salär im Jahr. Also wird er zum Fischer, gewöhnt sich an niedrige Tätigkeiten und an die Gefahren bei der Jagd auf Kabeljau.

          Bildung heißt hier: lernen, wie man in ein Beiboot steigt; dass man nichts mit nackter Hand anfassen soll außer den Fisch; lernen, wozu all die Geräte an Bord da sind. An einer Stelle heißt es, es lohne nicht, sich über Dinge aufzuregen, man sei selbst schuld, wisse man nicht mit ihnen umzugehen. Dazu gehört auch eine sprachliche Erziehung. Alles auf See hat einen eigenen Namen; nach hundert Seiten bestehen ganze Absätze fast nur noch aus Begriffen, die man an Land noch nie gehört hat: "hart nieder", "hart nach Lee", "alles wegfieren", "Klüver bergen", "staken!" - der Übersetzer Gisbert Haefs hat ganze, ganz große Arbeit geleistet, und er hat darüber hinaus auch den Band, der ursprünglich einmal im untergegangenen Haffmans-Verlag erschienen war und jetzt überarbeitet wieder vorliegt, noch mit Anmerkungen und einem guten Nachwort versehen, das für Kipling als einen der interessantesten britischen Schriftsteller überhaupt eine Lanze bricht.

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