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Mehr als einen Tag mehr

04.10.2006 ·  Dieser Tod muß ein Irrtum gewesen sein: Joan Didion hält mit "Das Jahr magischen Denkens" die Realität grandios auf Abstand / Von Verena Lueken

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Am 25. Dezember 2003 wird Quintana, die einzige Tochter des Schriftstellerehepaars Joan Didion und John Gregory Dunne, in New York ins Krankenhaus eingeliefert. Sie ist Ende Dreißig, seit fünf Monaten verheiratet und schon auf dem Sprung nach Kalifornien, wo sie leben will. Doch aus einer Grippe, die zunächst aussah wie eine saisonale Unausweichlichkeit, wird ein septischer Schock, eine Infektion des gesamten Körpers. Die Ärzte versetzen Quintana ins künstliche Koma. Ihre Weihnachtsgeschenke bleiben unausgepackt, täglich verbringen die Eltern viele Stunden an ihrem Bett. "Mehr als einen Tag mehr", flüstert ihr Dunne zum Abschied zu, so wie es Audrey Hepburn in dem Film "Robin and Marian" zu Sean Connery sagt, bevor sie beide sterben: "Ich liebe dich mehr als einen einzigen Tag mehr." Jeden Abend verabschiedet sich Dunne auf diese Weise von seiner todkranken Tochter, auch am 30. Dezember. Nach der Rückkehr in die gemeinsame Wohnung beginnt Joan Didion mit den Abendessensvorbereitungen, Dunne nimmt einen Drink. Sie setzen sich zu Tisch, Joan Didion sagt etwas, "John redete, dann redete er nicht". Er sinkt vornüber und ist tot. Das ist die Lage.

Mitten im Leben sind wir des Todes, sagen die Protestanten. Ein ganz normaler Tag. Und dann - vorbei, sagen Menschen nach einer Katastrophe, einem Erdbeben, Tsunami, dem 11. September. "Das Leben ändert sich in einem Augenblick. Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben, das man kennt, hört auf", sagt Joan Didion. Es sind die ersten Wörter, die sie zwei oder drei Tage, nachdem es passiert ist, aufschreibt. Dann schreibt sie lange Zeit nichts mehr. Und dann dieses Buch.

Fast vierzig Jahren waren die beiden verheiratet, nie länger als hie und da für eine Woche getrennt. "Das Jahr magischen Denkens", das die Schriftstellerin Antje Rávic Strubel mit gutem Gespür für Joan Didions unverkennbaren Sprachrhythmus ins Deutsche gebracht hat, ist nicht nur ein Buch über den Tod, sondern auch über Joan Didions Ehe mit Dunne, die sie kaleidoskopartig und teilweise auch witzig auffächert, und also auch ein Buch über die Liebe.

Beide leben vom Schreiben, beide arbeiten zu Hause, und "in jeder denkbaren Situation" hatten sie "dieselben Interessen und zeigten dasselbe Engagement". Manchmal, wenn sie Geld brauchen, schreibt einer von ihnen ein Drehbuch oder auch beide zusammen, und einmal, nämlich über ihre gemeinsame Arbeit an dem Film "Up Close and Personal", hat Dunne ein Buch darüber geschrieben: "Monster. Living Off the Big Screen" (1998). Auch in Joan Didions Büchern kommt Dunne einige Male vor, als der Mann, der sie gerettet hat, vor sich selbst und vor der Welt. Sie haben in Malibu in Kalifornien zusammengelebt, viel Zeit auf Hawaii verbracht und sind in den achtziger Jahren zurück nach New York gezogen, von wo aus Joan Didion, die aus Sacramento stammt, in den späten sechziger Jahren weggezogen war, nachdem sie sich mit einem wunderbaren Essay von der Stadt verabschiedet hatte: "Goodbye to All That".

Quintana adoptieren sie in Kalifornien. Ihr Leben ist glamourös durch die Verbindung zu Hollywood und häuslich, weil beide schreiben oder, wenn sie nicht schreiben, sich Notizen machen für das nächste Buch, die nächste Reportage, den nächsten Essay. Sie sind beide scharfsichtig, scharfsinnig, und beide übersehen nicht das kleinste Detail, wenn sie erkunden, wie Amerika heute funktioniert. Als Dunne stirbt, wird Joan Didion, so nennt sie es heute, verrückt. Mit seinem Tod beginnt für sie ein Jahr des magischen Denkens.

Sie tut, was sie ihr ganzes Leben getan hat, sie beobachtet, in diesem Fall sich selbst. Und weil sie von Kindheit an weiß, daß es in Krisenzeiten wichtig ist, Informationen zu sammeln, zu lernen, zu lesen, um die Sache in den Griff zu kriegen, liest sie - und zitiert Freuds "Trauer und Melancholie", Thomas Manns "Zauberberg", Gedichte, Studien von Psychiatern und Sozialtherapeuten zu Fragen von Leid und Tod und auch Emily Posts Buch der Etikette von 1922 - , lernt sie, kombiniert, was sie erfährt: wie lange der Notarzt nach ihrem Anruf brauchte, um in ihre Wohnung zu kommen; was dort geschah; wie lange die Fahrt zum Krankenhaus dauerte; was es bedeutet, wenn im Totenschein steht "für tot erklärt um 22 Uhr 18", und ob das heißt, er habe um 22 Uhr 17 noch gelebt.

Information ist Kontrolle, mit diesem Mantra ist sie aufgewachsen, nach diesem Mantra hat sie gelebt, und indem sie nun ständig wiederholt, was an dem Abend geschah, als Dunne starb, sucht sie nach einem Schlupfloch in der Abfolge der Ereignisse, durch das sie vielleicht Einfluß nehmen und doch noch einen anderen Ausgang der Geschichte erzwingen könnte. Wenn sie nach Kalifornien geflogen wären, wäre er nach pazifischer Zeit vielleicht noch am Leben? Wenn er um 22 Uhr 17, als sie an der Krankenhausrezeption in der Schlange stand, um bürokratische Fragen zu beantworten, noch gelebt hat, hätte sie ihn retten können? Wenn die Autopsie, der sie umstandslos zustimmt, ergeben sollte, daß der Herzinfarkt, dem der Tod folgte, nur das Ergebnis einer kleinen Unregelmäßigkeit war, ließe sich diese nicht reparieren und die Folgen rückgängig machen?

Solche Fragen treiben sie um, und obwohl es so aussehen muß, als akzeptiere sie Dunnes Tod - die Obduktion, die Kremierung, die Trauerfeier in der Kirche St. John the Divine -, dient doch alles, was sie tut, ihre Recherchen und die strenge Befolgung des Rituals, nur einem Ziel: ihn zurückzubringen. Sie sucht nach dem magischen Trick, der das möglich machte. Deshalb wirft sie seine Schuhe nicht fort, die er brauchen wird, wenn er zurückkommt, deshalb bleibt sie allein in der gemeinsamen Wohnung, um ihn zu empfangen. Als die Tochter aus dem Koma erwacht, muß Joan Didion ihr dreimal sagen, daß der Vater tot ist. Bei der Trauerfeier liest Quintana ein Gedicht vor, und dann sagt sie zum Abschied des Vaters: "Mehr als einen Tag mehr." Sind das nicht alles Zeichen?

Information heißt Kontrolle, aber die Erfahrungen, die Joan Didion beschreibt, erzählen davon, wie sie die Kontrolle verliert. Denn in der Ordnung der Dinge, die sie schafft, will sie nur eines: nicht wahrhaben, was sie so penibel, in immer wiederkehrenden Ellipsen, die sie zum 30. Dezember 2003 zurückführen, beschreibt. Sie will das Ereignis des Todes auslöschen, und dazu gehört, daß sie auch ihre Gefühle, die dieses Ereignis auslöst, ignorieren muß. Die Gefühle, die Joan Didion so sorgsam vermeidet, schiebt sie uns zu, dem Leser, der mit stechender Genauigkeit sehen kann, was sie da tut: wie sie in ihrer direkten und in keinem ihrer anderen Bücher derart unmittelbaren Erzählung und in scharfen Beschreibungen der Wirklichkeit diese Wirklichkeit zu ignorieren sucht. Joan Didion trauert nicht. Noch nicht, nicht in diesem Buch. Damit beginnt sie, als das Buch geschrieben ist. Dann stirbt die Tochter. Das wissen wir aus der Zeitung, und es bricht uns das Herz.

Joan Didion: "Das Jahr magischen Denkens". Aus dem Amerikanischen übersetzt von Antje Rávic Strubel. Claassen Verlag, Berlin 2006. 252 S., geb., 18,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2006, Nr. 230 / Seite L6
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