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Donnerstag, 09. Februar 2012
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Maximilian Steinbeis: Pascolini Schlagt die Saupreißn, wo ihr sie trefft

17.03.2010 ·  Grantelnde Separatisten und heilige Junkies: Ein brillant-grotesker Roman von Maximilian Steinbeis imaginiert einen Konfessionskrieg in Oberbayern.

Von Oliver Jungen
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Sie schleichen sich an, alle Fasern gespannt, eine perfekte Interaktion von Muskeln, Nerven und Instinkten. Dann machen sie einen Satz, was wörtlich zu verstehen ist, ergreifen ihre zappelnde Beute, uns, so blitzschnell, dass es kaum zu bemerken ist. Schaut man sich um, diesen geisterhaften Raubtieren ins Auge, schnurren sie bereits, lecken die Pfoten, können gar nicht unschuldig genug tun. Und doch wird man ihren Angriff nicht verwinden. Nehmen wir diesen Schwertstreich, in seiner Beiläufigkeit kaum zu übertreffen, doch von einer phantasmatischen Wucht, denn mittig durchteilt wird hier der Gegner: „Der ward vor schneller Schärfe der Spaltung nicht gewahr. Erst da er sich bücken wollte nach seinem Schwert hinab, das seiner Hand entglitten, da fiel er oben ab.“ Solche Schockerkenntnismomente brauchen eine perfekte narrative Umgebung. Hier war es Thomas Mann, der den verwundert auseinanderkippenden Ritter an peripherer Stelle seinem „Erwählten“, dem Neuarrangement der Legende vom guten Sünder Gregorius, eingefügt hat.

Jetzt pirscht sich ein Buch an uns heran, das sich vor den Mannen der Epik verneigt, ohne sich vor ihnen verstecken zu müssen. Es handelt sich um die – in der bundesrepublikanischen Nachkriegsvergangenheit spielende – Legende vom bösen Heiligen Pascolini. Darin findet sich eine nicht weniger eindrückliche Szene. Ein Sprengstoffanschlag auf das Münchner Innenministerium reißt sechzehn Menschen in den Tod, und zwar just in dem Moment, als der Staatssekretär dem wachhabenden Kommandeur die Hand schüttelt: „Die beiden ineinander verschränkten Hände hatte man später unter den Trümmern des Eingangsportals gefunden, ein Detail, das jedem Zeitungsleser dieser Tage auf merkwürdige Weise ins Gedächtnis gebrannt ist, obwohl es doch eigentlich gar nichts besagt.“

Groteske Gewalt

Es versteht sich, dass dieses Schockbild doch sehr viel besagt: Die grotesk hereinbrechende Gewalt, der sinnlose Tod just im Moment der Annäherung, ja: Der Tod als ultimative Form dieser Annäherung, das ist das tiefere Thema des großartig amüsanten, barock-simplizianischen Gesellschaftsromans von Maximilian Steinbeis, der den Dreißigjährigen Krieg ins zeitgenössische Oberbayern verlegt, den „rückständigsten, ärmsten und verwildertsten Teil Deutschlands“. Immer unversöhnlicher stehen sich Katholiken und Protestanten gegenüber. Die Staatsmacht scheint machtlos, und schließlich befehden sich Milizen – so grotesk das wirkt, ist es doch nur ein Blinzeln entfernt von den jüngeren Kriegen in Europa.

Und so wie Thomas Mann spielerisch gegen die Vorlage Hartmanns von Aue anschreibt, geriert sich auch Steinbeis’ Roman als Bearbeitung einer älteren, fiktiven Legendenfassung: der katholisch-schönfärberischen „Pascolini“-Chronik eines Freiherrn von Ergoldsbach. Die gegenwärtige Erzählerin, Camilla Friedmann, ist dagegen nicht nur evangelischer Konfession, sondern persönlich bekannt mit besagtem Matthias Pascolini, genannt Hias, Kopf einer Mafiabande im Heimatort ihrer Jugend, dem fiktiven Ort Ettengrub. Schreckliches geschah hier. Camilla ist die einzige Überlebende ihrer Familie. Noch einmal möchte sie sich jetzt – inzwischen eine erfolgreiche Strafverteidigerin – „dieser Welt aus Rauchgestalten und Nebelschemen“ zuwenden, sie erzählen, „um sie zu bannen“.

Drogenabhängige Heilige

In langsamer Aufblende erkennen wir eine urtümliche Dorfgemeinschaft, in der die uns geläufigen Gesetze nicht greifen; es kann nur erstaunen, in welcher Unbekümmertheit „das weiße Pulver“ hier bewirtschaftet wird. Kurios vormodern mutet es zudem an, wie hier grobschlächtige Gewaltverbrecher und ausgemergelte Drogenabhängige als Heilige reüssieren. Einend wirkt unter den katholischen Partikularisten einzig „ein knirschendes Ressentiment gegen alles, was sich nördlich des Mains abspielte“: Man kann sich nämlich nicht damit abfinden, dass „Bayern heute als entlegene Provinz eines besiegten, ruinierten und mit Blut und Schande befleckten preußischen Rumpfimperiums unter dem Spottnamen ‚Bundesrepublik Deutschland‘ dahinvegetieren“ muss. So wird aus dem preußischer Jurisdiktion immer wieder entkommenden Kriminellen Pascolini ein tragischer Volksheld.

Der Autor ist ein Virtuose des nonchalanten Erzähltons, der trotz höchster Kunstfertigkeit frei von jeder Künstlichkeit scheint und den zu treffen so unendlich schwer ist. Jedes Wort steht hier an der richtigen Stelle, nicht eines könnte verlustlos ausgetauscht werden. Daher wirken nicht nur die verschiedensten Perspektiven – jene des zarten Mädchens in einer Welt voller Höhlenmenschen ebenso wie die der verschlagenen Alten, des politischen Rhetors oder des dem Faustrecht zuneigenden Kreiskommissars – vollkommen glaubhaft. Jede Reaktion scheint folgerichtig, bis hinauf zu jener Ungeheuerlichkeit eines südoberbayerischen Bürgerkriegs, der dann doch einen ganz anderen Verlauf nimmt als erwartet.

Urbayerisches Grantlertum

Eine reine Freude sind die von ferne an Arnold Stadler gemahnenden, allerdings keineswegs melancholischen Skizzen urbayerischen Grantlertums. Nicht oft beschert uns die Literatur solch herzig-kernige Figuren wie den Dorfbriefträger Kurt Duftinger, eine „Autorität in Angelegenheiten echten Bayerntums“. Auf ganz eigene Art aber pariert Duftinger Beleidigungen: „Dann schloss er sich einen ganzen Nachmittag in der Stube ein und reimte unter großen Mühen ein Dutzend holpriger Schmähverse, in denen er alle tatsächlichen oder unterstellten Schwächen und Schmerzen seines Feindes auf das grausamste verspottete, seine Kinderlosigkeit, seine Armut, die Hässlichkeit seiner Frau, die Nichtsnutzigkeit seiner Söhne und Schlampigkeit seiner Töchter, Krankheiten, Unglücksfälle und Schicksalsschläge, gestorbenes Vieh und verlorenes Geld, nichts ließ er aus. Anschließend memorierte er die Verse, bis er sie auswendig konnte, und wartete auf die Gelegenheit, seinen Widersacher in einer Wirtsstube oder sonst vor möglichst großem Publikum zu stellen.“

Das könnte nun zugleich ein geschickt eingeschmuggelter Fingerzeig sein, den uns der Autor an seiner Erzählerin vorbei hat zukommen lassen, um ihre poetologische Strategie offenzulegen. Dass sie es letztlich nicht besser wisse als der Chronist, räumt Camilla Friedmann sogar selbst ein: „Im Wesentlichen haben wir beide, Ergoldsbach und ich, es mit dem gleichen flimmernden, gewichtslosen Pulverstaub der Ereignisse zu tun, der sich unter jedem Atemhauch, und sei er noch so vorsichtig und leise, verweht und verflüchtigt.“ Was als Bescheidenheit daherkommt, erweist sich aber als Verschlagenheit: eine weitere Dimension dieses bild-, sprach- und phantasiemächtigen Epos.

Kühle Präzision der Sprache

Die intellektuell weit überlegene Erzählerin nämlich ist unzuverlässig. Sie, die eigentliche Strippenzieherin, führt uns die Überschreibung der Historie aus vermeintlicher Opferperspektive vor. Als geschickte Juristin hält sie ein Plädoyer vor diesem narrativen Gericht, zugleich Vertreterin und Zeugin der Anklage. Beklagt ist das gesamte Dorf ob seiner Rückständigkeit, beklagt sind aber insbesondere Pascolini und einige weitere Männer. Dazu passt die kühle Präzision der Sprache, die Steinbeis, selbst ausgebildeter Jurist, so perfekt beherrscht. Auf dem Höhepunkt allerdings, fast zu überhören, folgt dann doch ein Bekenntnis, das uns zeigt, wie sehr sie selbst in das Geschehen verstrickt ist, das zur Auslöschung ihrer Familie führte: hatte sie doch diesen Räuber einst in seinem Versteck aufgestöbert. Der aber, ihre Beute, gab ihrer Schwester und einer Konkurrentin den Vorzug – sein größter Fehler.

Maximilian Steinbeis: „Pascolini“. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2010. 252 S., geb., 19,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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