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Veröffentlicht: 31.10.2010, 16:55 Uhr

Maxim Leo: Haltet euer Herz bereit Und am Ende vom Lied siegen doch die Bürger

Wie war der Alltag in der DDR wirklich beschaffen? Maxim Leos ostdeutsche Familienchronik gewährt einen komplexen, differenzierten Einblick und bereitet eine positive Enttäuschung.

von Sabine Brandt
© Blessing Maxim Leo: Haltet euer Herz bereit

Dieses Buch bereitet uns eine positive Enttäuschung, es bietet nämlich viel mehr und viel Besseres, als sein Titel verheißt. „Haltet euer Herz bereit“ - das könnte alles Mögliche meinen, jedoch, so suggeriert uns die Wendung im ersten Moment, nur Mögliches aus dem Bereich gefühlsbeherrschter Beziehungen. Um dergleichen geht es natürlich auch, denn es wird ja von Menschen erzählt, von ihren Taten, Sehnsüchten, Erfolgen und Niederlagen, und in solchen Zusammenhängen spielen Gefühle eben eine Rolle. Aber hier tun sie es nicht in beliebigen Bindungs- oder Trennungsdramen. Der Autor Maxim Leo wollte viel mehr, und er erreicht es auch.

Näher an sein Vorhaben führt uns der Untertitel: „Eine ostdeutsche Familiengeschichte“. Der Autor präsentiert sie in den Biographien seiner Ahnen und anderer Verwandter sowie im eigenen Lebenslauf. Doch auch dieser Hinweis greift noch zu kurz, denn Maxim Leo lässt sich in seinem Blick auf historische Geschehnisse nicht von den einstigen DDR-Grenzen einengen. Einige seiner Vorfahren hatten schließlich schon gelebt, gehandelt und manches erduldet, als es die DDR noch nicht gab.

Ein Gemälde deutschen Daseins

Also musste Leo, wenn er seine Familie porträtieren wollte, die einzelnen Personen in ihren jeweiligen Lebenszeiten abbilden und deutlich machen, welche Einflüsse in welcher Gegenwart auf sie wirkten und wie sie sich diesen Einflüssen ergaben oder widersetzten. Was am Ende dabei herauskommt, ist ein Gemälde deutschen Daseins im gesamten zwanzigsten Jahrhundert, mächtig genug, um zu erfassen, was in jenen Zeiten geschah, und in den persönlichen Details so penibel gezeichnet, dass jeder Leser die Söhne und Töchter der einstigen Jahrzehnte begreift, als habe er schon immer über sie Bescheid gewusst.

Maxim Leo, 1970 in Ost-Berlin geboren, heute Redakteur der „Berliner Zeitung“, verfügt über eine Menge Voraussetzungen für seinen Ausflug in die Historie. Zum einen hat er ein gutes Gedächtnis für alles, was seine Jugend prägte. Zum anderen finden sich in seiner Familie Vertreter so ziemlich aller Sorten deutscher Bürger, die im vergangenen Jahrhundert unter den jeweiligen politischen Gegebenheiten litten, sie bekämpften, von ihnen profitierten oder sie gar unterstützten.

Über den deutschen Durchschnitt

Da ist zum Beispiel Gerhard, Großvater mütterlicherseits, Sohn eines erfolgreichen und begüterten jüdischen Rechtsanwalts. Von 1933 an gehört der Anwalt zu den Verfolgten, nicht nur wegen seiner Abstammung, sondern auch, weil er 1927 einen Prozess gegen Joseph Goebbels geführt und gewonnen hatte. Der Familie gelingt es, nach Frankreich zu flüchten. Der Sohn Gerhard wächst französisch auf und kämpft später, als die deutsche Wehrmacht die neue Heimat überfallen hat, in der Résistance. Außerdem findet er, gemeinsam mit anderen Flüchtlingskindern, zum Kommunismus, weil der ihm als einzig leistungsfähige Gegenkraft zum Faschismus erscheint. Er genießt dabei die Billigung des Vaters. Der nämlich hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg Berührung mit dieser politischen Richtung gehabt, war während eines Studienaufenthaltes in der Schweiz sogar dem damaligen Emigranten Uljanow, dem späteren Lenin, begegnet und betrachtet die Sowjetunion mit Sympathie. Was Wunder also, dass die Familie, nachdem Hitler erledigt ist, in den sowjetisch besetzten Teil Deutschlands heimkehrt.

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