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Roman „Sechs Koffer“ : Verhüllt in einer Wehmutswolke

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Der Schrifsteller Maxim Biller in seiner Wohnung, Berlin 2002 Bild: Frank Röth

An die Figuren lässt das Buch uns nicht heran: Maxim Billers Roman „Sechs Koffer“ bedient mit seiner stereotypen Sprache Klischees.

          Es kommt gelegentlich vor, dass ein Rezensent das Stroh eines Anfängers zum Gold einer literarischen Entdeckung spinnt. Das Gold rauscht eine Buchmesse lang. Das Strohfeuer wärmt Autor und Verlag. Keiner kommt zu Schaden. Es ist etwas anderes und sehr Unangenehmes, im goldenen Glanz eines bekannten, vielgepriesenen Autors altes Stroh laut knistern zu hören.

          Aber auch Maxim Billers neuer Roman „Sechs Koffer“ wird viel gepriesen: Von „großer Kunst“ wurde in der Schweiz geraunt, von einer jüdischen Variante der „Buddenbrooks“ in Deutschland. Der Roman steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Biller hat unerwartet einen zärtlichen, fast kuscheligen jüdischen Schelmen- und Familienroman vorgelegt, wie es ihn so in deutscher Sprache noch nie gab. Für Vergleichbares müsste man schon auf die jiddische Literatur zurückgreifen. Dort sind Billers Figuren etwa in Familienromanen wie „Die Familie Karnovski“, „Die Familie Moskat“ oder die „Brüder Aschkenasi“ der Brüder Singer vorgebildet, allerdings mit größerer Plastizität und beunruhigendem emotionalen Tiefgang.

          Die Zärtlichkeit, die Billers Roman durchzieht, gibt es auch in Pinhas Kahanowitschs „Die Brüder Maschber“ (1935/1948), dem größten jiddischen Roman überhaupt. Aber dort schneidet sie Lesern ins Herz, weil sie dem Verfall und der Tragik der Individuen unmittelbar ausgesetzt sind. Billers Zärtlichkeit hingegen verhüllt seine Figuren in einer Wehmutswolke, hinter der man sie nur unscharf wahrnimmt, so als wollte der Autor gar nicht, dass deutsche Leser sie miterleben oder bedauern. Er führt sie uns vor, aber lässt uns nicht an sie heran.

          Antijüdische Klischees

          Um es klarer und härter zu sagen: Billers Figuren sind Schablonen. Die fatalste ist die zentrale, doch nie selbst in Erscheinung tretende Gestalt des Taten (jiddisch für „Vater“) „mit seinem kleinen, scharfen Galiziergesicht“. „Euer kleiner, kluger, unglaublich harter Tate in seinem furchtlosen Schtetlrussisch“, sagt seine Schwiegertochter Natalia, „hatte ja bis zum Schluss diesen leichten Akzent . . . jedenfalls konnte er das ,r‘ nicht richtig aussprechen“, ein bekanntes russisches Stereotyp, und konstatiert: „Wie kann ein so kluger Mensch von Geld so besessen sein wie er?“ Das übertrug er auf die Seinen: „Ihr seid doch alle in der Familie davon besessen, Geld zu verdienen, Geld zu wechseln, Geld zu verstecken“, und so fort. Der Tate repräsentiert das älteste antijüdische Klischee überhaupt. Um ihn kreist der Roman.

          Maxim Biller: „Sechs Koffer“. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018. 198 S., geb., 19,– .

          Wegen „schwarzer Geschäfte und anderer jüdischer Tricksereien“ wird der Tate 1960 in Moskau verhaftet und hingerichtet. Die Frage ist, wer ihn verraten hat. Er hat vier Söhne und zwei Schwiegertöchter; es kann jeder von ihnen gewesen sein. Hier glänzt der Roman. Nicht nur kombiniert Biller die episodische Struktur des Schelmenromans mit der chronologischen Struktur des Familienromans, er kombiniert auch auktoriale und Ich-Erzählung, so dass etwa im Eröffnungskapitel der Ich-Erzähler als er selbst allwissend aus der persönlichen Perspektive seines Vaters über einen Tag in Prag im Mai 1965 erzählt, an dem der Ich-Erzähler erst sechs Jahre alt war. An diesem Tag wird der jüngste der vier Brüder aus einem Prager Gefängnis entlassen, wo er eine Strafe für versuchte Landesflucht mit Devisenschmuggel verbüßte.

          Im ständigen Perspektivwechsel dreht sich der Roman nun um die Frage, wer den Tod des Taten verschuldete. Aus fünf verschiedenen Blickwinkeln wird der Hergang rekonstruiert. Das löst in Lesern genau jene Verunsicherung aus, die in der Wirklichkeit faschistischer Regime bestand, in denen keiner die ganze Wahrheit kannte und jeder jedem alles zutraute. Die fundamentale Verunsicherung des Lesers, der sich im barocken Gewirr von widersprüchlichen Informationen bald nicht mehr auskennt, ist sehr gut inszeniert. Clever ist auch Billers Spiel mit den vier Söhnen, die sowohl die vier Söhne aus der Haggadah (Erzählung vom Auszug aus Ägypten) als auch die vier Brüder Karamasow auf den Plan rufen. Billers vielfältige literarische Anspielungen machen Spaß. Man wünschte, sie wären tragende Elemente des Textes.

          Inszenierung wiegt zu einfache Sprache nicht auf

          Das wirkliche Problem des Romans ist die zu einfache, stereotype Sprache. Sie trägt entscheidend dazu bei, dass man die Figuren nur als Klischees wahrnimmt. Es ist hier nur Platz, um eine sprachliche Manie darzustellen, nämlich die klotzige Reihung einfachster Adjektive, in die sich immer eine Wertung einschleicht: „ihre hässlichen, grauen, sackartigen Mäntel“, „böser, linker, bärtiger Deutschlehrer“, „blauschwarze, schlecht rasierte, volle Wange“, „unverschämte, freche, osteuropäische Art“, „erstaunlich große, gedrungene, mittelalterliche Häuser“, „böser, verklemmter Antisemitenblick“, „tiefe, schwere, elegante, dunkelrote Vorkriegssessel“, „klares, einfaches, intelligentes Gesicht“, „unfreundliches, kleines Osteuropäergesicht“, „ihre helldunklen, eingefallenen Vorkriegsgesichter“, „hübscher, groß gewachsener und ziemlich unsympathischer Sohn“, „große, helle aber auch leicht vernachlässigte, majestätische Gründerzeithaus“ und so fort.

          Dann ist da noch eine „unfreundliche und ziemliche alte Moderatorin“. Als „böse Vogelscheuche“ hat sie „schadenfroh ihr deutsches Vogelscheuchen-Gesicht verzogen“. Und sollte eine „merkwürdig gehemmte“ und „schüchterne deutsche Radio-Moderatorin“ fragen, „wer denn nun wirklich schuld am Tod des Taten“ war, so würde eine der Antworten sein, „dass es sie als Deutsche überhaupt nichts anging“. Die Rezensentin ist dafür, dieses Angebot anzunehmen und das Buch zu ignorieren, zumal deutsches Lob für einen Roman, in dessen Zentrum ein geldversessener Jude steht, für Maxim Biller ein gefundenes Fressen wäre.

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